Mai 2020: Impfgegner bei Protestkundgebung der Initiative „Querdenken“ auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. Foto: Christoph Schmidt/ picture alliance/dpa
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Buch „Fake Facts“ - auch zur Coronakrise Wenn Verschwörungstheorien extrem gefährlich werden

Katharina Nocun und Pia Lamberty sezieren Verschwörungsdenken: Auch vermeintliche Spinnereien können Einstieg für Radikalisierung sein.

Als die Netzaktivistin Katharina Nocun und die Psychologin Pia Lamberty mit ihren Recherchen begannen, ahnten sie von der Coronakrise noch nichts. Aber jetzt haben die Netzaktivistin und die Psychologin mit „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ (Quadriga Verlag, 352 Seiten, 19,90 €) ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit veröffentlicht.

Zu einer unsicheren Zeit nämlich, in der Menschen, so die Autorinnen, einen Kontrollverlust erleben und Verschwörungserzählungen auf fruchtbaren Boden fallen.

Vieles wirkt erst einmal nur skurril. Die These eines britischen Publizisten und Ex-Fußballprofis, wonach die Welt durch außerirdische Echsenmenschen unterwandert werde. Menschen, die sich von YouTube überzeugen lassen, dass die Erde eine Scheibe sei. Biblisch aufgeladene Verschwörungsmythen, die ein drohendes Weltende beschreiben.

Angriff der Kartoffelkäfer

Oder die Kartoffelkäfer-Verschwörung aus dem Kalten Krieg: 1950 berichtete das „Neue Deutschland“, die USA würden „mit dem Abwurf großer Mengen von Kartoffelkäfern“ erneut „ein sprechendes Beispiel für das Barbarentum“ geben, „das einen untrennbaren Bestandteil jeder Aggressionspolitik darstellt“.

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Angesichts der sich seit Jahresanfang überschlagenden Ereignisse gebührt den Autorinnen höchstes Lob, dass sie auch auf die Mythen rund um Covid-19 präzise eingehen. Und damit auf die Kruditäten von „Hygiene-Demos“ und Versammlungen von „Corona-Rebellen“.


Mit Aluhut beim Corona-Protest in Frankfurt am Main: Das Virus mobilisiert auch Verschwörungstheoretiker. Foto: Boris Roessler/dpa Vergrößern
Mit Aluhut beim Corona-Protest in Frankfurt am Main: Das Virus mobilisiert auch Verschwörungstheoretiker. © Boris Roessler/dpa

Dass Pandemien mit Verschwörungserzählungen einhergehen, ist kein neues Phänomen: Das gab es schon zu Zeiten der Spanischen Grippe. Aber jetzt habe die Pandemie die Verschwörungsgläubigen in einen „Ausnahmezustand“ versetzt, zeigen Nocun und Lamberty: Fake News und Verschwörungstheorien verbreiten sich ähnlich rasant wie das Virus selbst.

Ist das Coronavirus eine Biowaffe?

Handelt es sich bei dem Virus um eine Biowaffe, die angeblich in einem Labor im chinesischen Wuhan hergestellt wurde? Sind Microsoft-Gründer Bill Gates oder der US-amerikanische Unternehmer George Soros für die Pandemie verantwortlich? Oder haben US-Militärs das Virus nach China gebracht? Wollen Juden sich an einer womöglich später verfügbaren Impfung bereichern? Die vermeintlichen Beweise für all diese Behauptungen werden im Buch als „geradezu absurd“ seziert.

Verschwörungserzählung vom „großen Austausch“

„Insbesondere in rechtsextremen Kreisen“, betonen die Autorinnen, „wurden Erklärungsansätze für die Coronakrise mit antisemitischen Ideologien angereichert“. Kein Zufall, dass die tendenziell gewaltbereiten Reichsbürger bei Corona-Protesten wie im thüringischen Gera mitmischten. Auch die Holocaustleugnung stelle „nach wie vor eine zentrale Verschwörungstheorie in der extremen Rechten dar“. Was nicht heißt, dass linke Kreise gegen Verschwörungstheorien gefeit sind, wie sie am Beispiel der Blockupy-Bewegung belegen.


Corona-„Mahnwache“ im Mai auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. Foto: imago images/Arnulf Hettrich Vergrößern
Corona-„Mahnwache“ im Mai auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart. © imago images/Arnulf Hettrich

Der antisemitische Anschlag im Oktober 2019 in Halle und die rassistische Mordserie im Februar 2020 in Hanau werden ausführlich berücksichtigt. Der damalige AfD-Chef Alexander Gauland wird mit einer Aussage aus dem Jahre 2017 zitiert: „Der Bevölkerungsaustausch in Deutschland läuft auf Hochtouren“.

In den Fällen Christchurch im März 2019 und fünf Monate später in Halle sei diese Verschwörungserzählung vom „großen Austausch“ für den Tod von Menschen mitverantwortlich, heißt es. In Hanau sei ein eindeutig rassistisches Weltbild auf Verschwörungstheorien und Sexismus getroffen: Wer das ausblende, verharmlose den gesellschaftlichen Kontext, in dem die Radikalisierung stattgefunden habe.

Zudem hat die Pandemie Rassismus insbesondere gegen Menschen befeuert, die als ostasiatisch wahrgenommen werden.

Von der Esoterik-Messe bis zur Anastasia-Bewegung

Verschwörungserzählungen sind vielseitig. Nocun und Lamberty waren für ihr faktenreiches und gut recherchiertes Buch unterwegs auf einer Esoterik-Messe in einer Freimaurerloge in Berlin-Wilmersdorf. Sie beschäftigen sich mit der 1997 in Zentralrussland gegründeten Anastasia-Siedlerbewegung, eine besondere Spezies im Sumpf der braunen Verschwörungsideologien, die sich später auch im deutschsprachigen Raum ausbreitete.

Sie analysieren die Rolle der Querfront-Bewegung, von „grün gefärbten Neonazis“, Impfgegnern und Chemtrails-Gläubigen. Bloß belächelt werden dürfe nichts, warnen sie. Aberglaube, Schwingungsseminare oder Handlesekurse würden zwar oft als Spinnereien von und für Gutgläubige abgetan, sie können aber auch einen „Einstieg für Radikalisierung“ bilden.

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