Zärtliche Akribie. Herbert Blomstedt. Foto: Tobias D. Höhn/dpa
© Tobias D. Höhn/dpa

Blomstedt dirigiert Philharmoniker Meister der Polyphonie

Herbert Blomstedt dirigiert die Berliner Philharmoniker und feiert schwedische Musik. Mit Yefim Bronfman am Klavier.

„Bei den Berliner Philharmonikern in diesen Konzerten zum ersten Mal“, wie es im Programmheft steht, erklingt 2019 die zweite Symphonie des schwedischen Spätromantikers Wilhelm Stenhammar. Maestro Herbert Blomstedt macht sich zum Anwalt seines Landsmannes, den er selbst erst im Alter von 87 Jahren in sein Repertoire aufgenommen hat. Zu erleben ist eine wunderbare Dreiviertelstunde Musik. Denn dass Blomstedt das Podium wiederum mit seinem leichten Gang betritt und stehend dirigiert, ist das unprätentiöse Merkmal seines weisen, frischen, inspirierten Musizierens. Am 11. Juli wird er seinen 92. Geburtstag feiern.

Erstmals 1889 haben sich die Philharmoniker mit dem zweiten Klavierkonzert von Ludwig van Beethoven beschäftigt. Hier in der Philharmonie spielt es nun Yefim Bronfman, ihr Pianist in Residence der Saison 2004/2005. Dass man sich kennt, lässt agogische Freiheiten im Dialog zu, und Blomstedt begleitet mit zärtlicher Akribie. Nach dem langen Orchestertutti des Kopfsatzes beschert Bronfman die virtuose Geläufigkeit seines Parts mit gemeißeltem Anschlag, der von warmem Licht übergossen ist. Die reich ornamentierte dramatische Kadenz wie die perlende Virtuosität wechseln mit einer Aura meditativen Suchens, das der Interpretation des heiteren Stücks ihren Ernst gibt.

Sein Respekt vor diesem Werk werde immer größer, sagt Blomstedt über die g-Moll-Symphonie Stenhammars. Der Komponist, 1871 in Stockholm geboren, war als Pianist und besonders als Dirigent für Schweden wichtig, da er Werke von Mahler, Bruckner, Debussy und Strauss zur Erstaufführung brachte. Die zweite Symphonie von Stenhammar besticht nicht nur durch ihre chorischen Partien im nordischen Stil, sondern bringt auch Überraschungen, wie sie eine gute Komposition bei erstem Hören bereitet. Während Blomstedt noch das Elementare der Musik betont, singt plötzlich im Scherzo ein Fagott eigenartige Lyrik. Dem schließen sich andere Bläser an. Dass Solo-Oboist Albrecht Mayer vor dem Konzert präludierend auf dem Podium sitzt, spricht für sich. Es wird ein Fest der Solisten und Gruppen. Vom Unisono der tiefen Streicher an plädiert Blomstedt für jeden Takt der Partitur, beredt nehmen die Kontrabässe ihre Privilegien in der Instrumentierung an. Der Komponist ist als Meister der Polyphonie besessen vom Kontrapunkt. Im Finalsatz zeigt die Interpretation Blomstedts, der das Pizzikato aller Streicher präzis modelliert, dass der Kontrapunkt hier ein Mittel des Ausdrucks ist.

Zur Startseite