Das Hochzeitsbild von Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Victoria. Foto: dpa
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Bizarre Forderungen der Hohenzollern Eine Zumutung für die aufgeklärte Gesellschaft

Den Nachfahren der Preußenkönige geht es mit ihren Forderungen nicht nur um Geld. Sie verlangen auch die Deutungshoheit über die Geschichte. Ein Kommentar.

"Der Preußische Finanzminister führte aus, dass die Preußische Staatsregierung den dringenden Wunsch hätten, zu einer annehmbaren Auseinandersetzung mit dem Hohenzollernhause zu kommen", heißt es im Protokoll einer Reichstagssitzung vom April 1926. Wer hätte gedacht, dass dieser Wunsch des damaligen Finanzministers Hermann Höpker-Aschoff noch einmal aktuell werden könnte. Und doch ist es so.

Das Haus Hohenzollern, durch die Abdankung des preußischen Königs und deutschen Kaisers Wilhelm II. auch de jure ein „ehemals regierendes Haus“, macht Ansprüche auf tausende Kunstwerke und Liegenschaften geltend, die ihm damals faktisch verloren gingen, deren Status jedoch womöglich doch nicht eindeutig geklärt wurde – jedenfalls nicht so eindeutig, dass nicht findige Anwälte die Chance erspähten, auf dem Klagewege einige Schätze aus öffentlichen Besitz herausbrechen zu können.

Man kann den Vorgang als einigermaßen bizarr ansehen. Ein volles Jahrhundert ist vergangen, seit die deutschen Fürsten auf einen Schlag an Macht und Herrlichkeit verloren, hinweggepustet von ihren Untertanen, die es nach vier Jahren Krieg und Entbehrungen satt waren, sich länger von oben herab beherrschen zu lassen.

Es hapert am Verständnis der deutschen Geschichte

Die Hohenzollern traf es materiell vergleichsweise härter als manche Standeskollegen, zumal die Welfen und die Wittelsbacher. Deren Nachfahren erfreuen sich bis heute erheblicher Reichtümer. Soweit es allein um materielle Forderungen ginge, könnte man gedanklich folgen; wer versuchte heutzutage nicht, die Vergangenheit auf dem Klagewege für sich nutzbar zu machen.

Doch das Begehr von Hohenzollern-Prinz Georg Friedrich reicht weiter. Es geht ihm, kurz gesagt, um Geschichtspolitik. Ein Hohenzollernmuseum soll her. Und augenscheinlich soll ein solches Museum nicht nur die Biografien von Wilhelm und seiner Auguste Victoria erzählen, von den vier Friedrich Wilhelms auf dem Thron oder den drei Friedrichs. Nein, es geht offenbar um die die Deutungshoheit über die Geschichte. Denn was sollten die eingeklagten „Mitwirkungsrechte“ anderes ermöglichen, als eine gezielte Einflussnahme auf die Darstellung der regierenden Vorfahren?

Mögen die derzeitige Hohenzollern-Familie auf der ein oder anderen Immobilie Wohnrecht erhalten. Doch „Mitwirkungsrechte“ über die Ausleihe einzelner Kunstwerke, gar ein Gestaltungsrecht an einem Museum – eine solche Zumutung ist in einer aufgeklärten Gesellschaft ausgeschlossen. Im Lichte dieser Forderung erweisen sich die Hohenzollern-Wünsche als Beleg dafür, dass es am Verständnis der deutschen Geschichte der vergangenen einhundert Jahre ganz offensichtlich hapert.

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