Kosovos Präsident Hashim Thaci am 19. Juni bei der Demonstration "Be My Voice" in Prishtina, die sich für die Rechte von Vergewaltigungsopfern aus dem Kosovo-Krieg einsetzte. Foto: AFP/Armend Nimani
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Biografie über Hashim Thaçi Vom Rebell zum Präsidenten

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Hashim Thaçi ist Präsident von Kosovo, mit einer bewegten Lebensgeschichte. Nun ist die Biografie dieser schillernden europäischen Figur erschienen.

Auf dem Bill-Clinton-Boulevard grüßt, lächelnd und den rechten Arm erhoben, eine drei Meter hohe Statue des früheren US-Präsidenten die Passanten. Es dürfte die einzige dieser Art sein, die in einem mehrheitlich muslimisch geprägten Land die Hauptstraße ziert, eine, die zudem nach einem amerikanischen Präsidenten benannt ist. Es ist ein kulturpolitisches Signal, das Kosovos Hauptstadt Prishtina da vor neun Jahren gesetzt hat.

Das Land beweist damit seine Dankbarkeit für den Einsatz, den Amerika und Europa 1999 zeigten, als der letzte der jugoslawischen Zerfallskriege begann und mit Unterstützung der Nato in eine UN-Resolution zum Frieden mündete. 2008 erklärte die südserbische Provinz Kosovo ihre Unabhängigkeit. Serbien, Russland und einige andere Staaten erkennen den neuen Status noch immer nicht an, auf schwacher Flamme schwelt der Konflikt weiter.

Zum zehnten Jahrestag der Unabhängigkeit hat jetzt Roger Boyes, Redakteur der Londoner „Times“ und vormals Kolumnist des Tagesspiegel, gemeinsam mit einer britischen Kollegin die Biografie eines modernen, europäischen Helden geschrieben, ein Porträt wie gemacht für das Bilderbuch westlicher Demokraten. Der Held heißt Hashim Thaçi. Von 2008 bis 2014 war er der erste Ministerpräsident des neuen Staates, seit 2016 ist er dessen Präsident. Folgt man dem Vorwort des US-Politikers Bob Dole – „Thaçis Reise ist die Reise des Kosovo“ – ist der Mann mit dem kantigen, optimistischen Machtgesicht die Verkörperung seines Landes.

Geboren im April 1968 im ländlich armen Tal Drenica des Zentralkosovo studierte Thaçi in Prishtina Philosophie und Geschichte. Miloševics Serbien drängte Kosovo, das Armenhaus Jugoslawiens, in den 90er Jahren allmählich in eine Art Apartheid hinein, das wurde Thaçis Schlüsselerlebnis. Bürgerrechte der Kosovo-Albaner wurden beschnitten, ihre Sprache verboten, 900 000 Bibliotheksbücher in albanischer Sprache ließ das Regime einstampfen. Thaçi schloss sich rebellierenden Studenten an, wurde verfolgt und floh ins Exil. Erfolglos mühte sich damals der rührende „Gandhi von Kosovo“, Ibrahim Rugova, gewaltfrei um Frieden. Doch die Jüngeren verloren die Geduld, allen voran Thaçi. Um 1993 herum war er Mitbegründer der Guerillatruppe UCK, der „Befreiungsarmee des Kosovo“. Fotos zeigen ihn mit Gewehr in der Hand, doch Boyes und Jagger zitieren ihn mit den Worten, er sei kein „Waffentyp“.

Trät die Clinton-Statue in Prishtina teils auch Züge von Hashim Thaçi?

Vorwürfe, Thaçi habe sich an Waffenschmuggel und Korruption beteiligt, ließen sich nie erhärten. Auch diese Heldenbiografie bleibt bei den Zwielichtigkeiten eher nebulös. Leuchtend hervorgehoben indes werden die unzweifelhaften Verdienste des Rebellen, aus dem ein Staatschef wurde, des Verfechters einer demokratischen Verfassung mit Minderheitenrechten und säkularem Zuschnitt. Übrigens: Trügt die Wahrnehmung, oder trägt die Bill-Clinton-Statue in Prishtina teils auch Hashim Thaçis Züge?

Inzwischen unterhält das Kosovo 46 diplomatische Vertretungen in aller Welt, die größte davon in Berlin, denn 400 000 Kosovo-Albaner leben in Deutschland, im Kosovo selber zwei Millionen. Politisches Gespür bewies die Regierung soeben mit der Ernennung des deutsch-kosovarischen Schriftstellers Beqe Cufaj zum Botschafter der Republik Kosovo in Berlin. Bekannt geworden durch Essays in „FAZ“ und „Neue Zürcher Zeitung“ und Romane wie „Der Glanz der Fremde“ oder „projekt@party“, sieht Cufaj, Jahrgang 1970, sich auch als Kulturbotschafter. Sein Motto als belesener Kosmopolit und hellwacher Demokrat lautet: „Menschen zusammen- und Kosovo nach Europa bringen.“ Während osteuropäische Staaten wie Ungarn oder Polen von der EU fortdriften, findet sie treue Freunde, die voll Hoffnung an ihre Tore klopfen, in Albanien und dem Kosovo. Im Land von Hashim Thaçi bedeutet das Wort Europa heute nur eins: pure Verheißung. Bis sie sich erfüllt, wird es Geduld brauchen.

Roger Boyes und Suzy Jagger: New State, Modern Statesman. Hashim Thaçi - A Biography. Biteback Publishing, London, 286 S., 23,99 €

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