Glück in der Frankfurter Paulskirche. Susan Sontag (r) ein Jahr vor ihrem Tod 2004 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels - an der Seite von Antje Volmer. Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb /Werner Baum
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Biografie Das heilige Ungeheuer

Gewichtiges über ein Schwergewicht: Benjamin Moser schreibt die vorläufig endgültige Biografie von Susan Sontag.

Das Buch kommt im Auftrag von Andrew „The Shark“ Wylie, dem mächtigen New Yorker Agenten, der es bei Benjamin Moser bestellte. Es hat den Segen von David Rieff, der freien Zugang zum Nachlass seiner Mutter Susan Sontag gewährte. Und es trägt das Prädikat eines Pulitzer-Preises. An den fast tausend Seiten und 1,3 Kilogramm von „Sontag – Die Biografie“ kommt niemand vorbei, der sich mit der epochalen Essayistin und Erzählerin (1933 - 2004) beschäftigen will – schon weil es auf unabsehbare Zeit die einzige derart erschöpfende Biografie bleiben wird.

[Benjamin Moser: Sontag. Die Biografie. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Penguin, München 2020. 928 Seiten, 40 €.]

Moser, der sich für Sontag mit einer ähnlich unentbehrlichen Biografie der brasilianischen Schriftstellerin Clarice Lispector qualifiziert hatte, ist vieles zugute zu halten, besonders aber, dass er nicht daran dachte, eine Heiligenlegende zu verfassen. Er entwirft das Porträt einer ebenso verletzlichen wie egozentrischen Frau, die mit den Jahren zu einem monstre sacré wurde. Opfer der intellektuellen Führungsrolle, die sie sich selbst auferlegt hatte – und Opfer einer Sucht nach Bewunderung und Liebe, die in die brutale Zurückweisung auch der treuesten Seelen umschlagen konnte.

Eine Frau mit zwei Gesichtern

Kaum auszuhalten, wie sie etwa ihre letzte Gefährtin, die Fotografin Annie Leibovitz, im Beisein anderer als dumm und ungebildet heruntermachte. Ein Bild dieser Doppelgesichtigkeit vermittelten schon Sontags posthum in zwei Bänden erschienenen Tagebücher, Bausteine zu einer Autobiografie, die durchaus von der Grundfähigkeit zur Selbsterkenntnis zeugten. Moser bringt diese und andere Dokumente mit einer Flut von Zeugenaussagen und Werksinterpretationen unter geschickten Vor- und Rückgriffen in einen reich orchestrierten Fluss, der dennoch massive Kritik auf sich zog.

Johanna Kedva hat aus queerer Perspektive in der „White Review“ (deutsch im „Merkur“ 851/2020) ihrer Enttäuschung über Mosers Hauruck-Freudianismus Luft gemacht und außerdem zu Recht bemerkt, dass kein einziger von Mosers Sätzen Sontags geschliffener Prosa standhält. Und Michael Gorra hat in der „New York Review of Books“ vom 27. Februar aus literaturwissenschaftlicher Sicht die Konzentration auf Sontags „diva moments“ bedauert und sich an der Schwerpunktverlagerung von Sontags kanonischen Essays, wie sie „Im Zeichen des Saturn“ enthält, zu den mehrheitlich als schwach bewerteten Romanen gestoßen. Tatsächlich erweist sich Moser, so meinungsstark er auftritt, oft als argumentationsschwach.

Seine Erzähllust reicht überdies nicht aus, den geistesgeschichtlichen Hintergrund so auszuleuchten, dass Susan Sontag nicht nur als virtuose Spielerin im intellektuellen Gefüge erscheint, sondern jenseits aller persönlichen Lebensumstände als Repräsentantin ihrer Zeit. Das ist viel erwartet. Angesichts der Einmaligkeit von Mosers Chance ist es vielleicht trotzdem nicht zu viel.

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