Der Schriftsteller, Lyriker und Publizist Max Czollek. Er wurde 1987 in Ost-Berlin geboren Foto: imago/gezett
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Biller, Czollek und die Rechten Aggression und Vielfalt

Maxim Biller und Mirna Funk gegen Max Czollek: Wie eine innerjüdische Debatte von den Rechtskonservativen instrumentalisiert wurde.

Als die Schriftstellerin Mirna Funk Anfang September in der „FAZ“ Stellung bezog zum „Täuschungsversuch des Publizisten Max Czollek“ (wie es in der Unterzeile des Textes hieß), schrieb sie, dass diese Debatte eine „innerjüdische“ sei: „Sie muss innerjüdisch geführt werden“.

Hintergrund ihrer Einlassung war eine Begegnung des Schriftstellers Maxim Biller mit Max Czollek in der Akademie der Künste. Biller hatte in seiner „Zeit“–Kolumne von der Unterhaltung erzählt und dass er Czollek abgesprochen habe, ein Jude gemäß der Halacha zu sein, dem jüdischen Religionsgesetz.

Czollek, der 1987 in Ost-Berlin geboren wurde, hat keine jüdische Mutter, keinen jüdischen Vater, sondern lediglich einen jüdischen Großvater, Walter Czollek. Dieser überlebte den Holocaust in Dachau und Buchenwald und war in der DDR erst Lektor beim Verlag Volk und Welt und seit Mitte der fünfziger Jahre bis 1972 Verlagsleiter.

Maxim Biller erregte sich in seiner „Zeit“-Kolumne über Menschen, „die zurzeit als Faschings- und Meinungsjuden den linken Deutschen nach dem Mund reden“, Menschen „wie ihn“, Czollek – eine weitere, wenig subtile Breitseite und ein Hinweis darauf, dass ihm Czolleks politische Einstellung missfällt.

Max Czollek, der auch Lyriker ist, hat mit Büchern wie „Gegenwartsbewältigung“ und „Desintegriert Euch!“ für Aufsehen gesorgt. Darin redet er unter anderem der Vielfalt des jüdischen Lebens in Deutschland das Wort; einer Vielfalt, die sich der Opferrolle, der Fixierung auf den Holocaust verweigert, die sich in unterschiedlichen religiösen und politischen Haltungen ausdrückt, in unterschiedlichen sexuellen Präferenzen und mehr.

"Wer ist heute Jude in Deutschland?"

In „Desintegriert Euch!“ fragt er: „Wer ist heute Jude in Deutschland? Wer eine jüdische Mutter hat? Wer eine jüdische Biografie vorweisen kann? Wer gute Witze erzählt? Wer Verwandte in Israel hat?“

Und Czollek verweist darauf, dass überdies die Juden nicht mehr allein darüber entscheiden, sondern sie nicht zuletzt Figuren „auf der Bühne des deutschen Gedächnistheaters“ sind, damit einen Begriff des Soziologen Y. Michal Bodeman zitierend: „Die Judenrolle folgt dabei einem Skript, das den Titel ,Die guten Deutschen’ trägt. Denn das ist seit Jahrzehnten die Funktion der Juden in der Öffentlichkeit: die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen.“

Maxim Biller wiederum ist ein mitunter erratisch austeilender Solitär mit nicht geringen narzisstischen Anteilen. Laut Mirna Funk habe er ihr bei einem ersten Treffen ebenfalls sogleich gesagt, sie sei laut Halacha keine Jüdin: Ihr Vater ist Jude, ihre Mutter keine.

Doch Biller geht es auch um Sprecherpositionen, um die eigene bevorzugt. In seinem Angriff auf Czollek schwingt die Frage mit, wer denn berechtigt ist, als Jude die deutsche Mehrheitsgesellschaft ins Visier zu nehmen. Wer sie provozieren darf, wer für sich in Anspruch nehmen darf, eine authentische jüdische Stimme zu sein.

Dass die ganze Angelegenheit mehr als eine innerjüdische ist, haben schließlich weitere Beiträge dazu insbesondere in den Feuilletons rechtskonservativer Medien wie „NZZ“ und „Welt“ sowie Mitte dieser Woche ein Offener Brief bewiesen. In dem Brief solidarisieren sich 278 jüdische und nicht-jüdische Intellektuelle, Kulturschaffende, Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit Czollek, darunter Ulrike Almut Sandig, Stefan Weidner, Matthias Nawrat, Theresia Enzensberger, Karen Köhler, Kathrin Röggla, Dmitrij Kapitelman oder Sasha Marianna Salzmann, die sich diese Woche ebenfalls in der „FAZ“ mit einem Beitrag für Czollek einsetzte.

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Sie alle fordern dazu auf, die persönlichen Angriffe gegen Czollek zu beenden: „Wir sind zutiefst bestürzt über die Niveau- und Respektlosigkeit einer Diskussion, in deren Kommentarspalten auch nichtjüdische, mehrheitsdeutsche Stimmen einem Menschen, dessen Großvater die Shoah überlebt hat, seine jüdische Identität absprechen.“

Tatsächlich hatte man bei den Texten der „NZZ“ und in der „Welt“ den Eindruck, dass sie die Diskussion um die Halacha, wie zeitgemäß sie ist und wer Jude ist, wer nicht, gezielt instrumentalisierten. Und zwar, um nicht nur Czollek als Lügner darzustellen, wie das letztendlich auch Mirna Funk getan hat, sondern vor allem, um sein Wirken als Intellektueller zu diskreditieren, seine Positionen, seinen Einsatz für unterschiedlichste Minderheiten, seine Vorstellungen von Diversität, seine Idee beispielsweise einer jüdisch-muslimischen Leitkultur.

Schuster rückt Czollek in die Nähe von Querdenkern

Der Historiker Michael Wolffsohn nannte ihn in der „NZZ“ einen „falschen Juden“, einen, der „seine Familiengeschichte fälscht“ und die „Unwahrheit“ verbreite und „sich von juden- und israelkritischen (-feindlichen?), linken und linksliberalen Milieus als Jude feiern lässt.“ Und natürlich unterließ es Wolffsohn nicht darauf hinzuweisen, dass Czolleks Großvater als Leiter von Volk und Welt ein „Profiteur des SED-Staats“ gewesen sei und Czolleks Vater nicht nur Mitglied der PDS-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus war, sondern aus der Partei wegen seiner Tätigkeit als Stasi-Mitarbeiter ausgeschlossen worden ist.

Noch böswilliger, abgründiger erwies sich Jacques Schuster, Chefkommentator der „Welt“. Er unterstellte Czollek einerseits , „Hitlers Rasseregeln“ anzuhängen, anderseits einen Opferstatus zu pflegen, und rückte ihn mittels einer abenteuerlichen Argumentation in die Nähe von Querdenkern und Holocaustverharmlosern.

Und mehr: „Diejenigen, welche Attacken gegen Klimaforscher in einem Atemzug mit dem Schicksal der Juden nennen, wie es die linke Publizistin Carolin Emcke tut – Max Czollek unterstützt sie darin –, diejenigen, welche die Palästinenser zu den Juden von heute erklären, sie wünschen sich, von der Last des Holocausts befreit zu sein.“ Schuster nahm sich auch noch den Atem, den französischen Philosophen Pascal Bruckner und dessen Formulierung vom „Viktimismus“ zu zitieren und Czollek unscharf, lose und doch bewusst, in antisemitische Zusammenhänge zu bringen.

Gesellschaftlicher Wandel? Nix für die "Welt"

So ist aus der vermeintlich innerjüdischen Debatte eine politische geworden, eine zwischen links und rechts, zwischen Diversitätsbefürworter:innen und solchen, die den gesellschaftlichen Wandel immer noch nicht wahrhaben wollen oder ihn ablehnen. Sasha Marianna Salzmann dürfte recht damit haben, „dass die Angriffe auf Max Czolleks Person in Wahrheit seiner Vision einer Zukunft der Teilhabe gelten“, wie sie in der „FAZ“ geschrieben hat.

Und Max Czollek? Wies zuletzt auf Twitter ruhig und entschieden zurück, jemals öffentlich behauptet zu haben, dass seine Mutter jüdisch sei. Und dass ein Satz wie „Ich komme aus einer jüdischen Familie“ eben sehr unterschiedlich klinge, „hört man ihn mit traditionellen oder progressiven Ohren. Allein – das ist keine Frage von Betrug, sondern von unterschiedlichen Perspektiven auf Jüdischkeit“.

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