Großer Gewinner beim Förderpreis Neues Deutsches Kino: "The Ordinaries" von Sophie Linnenbaum. Foto: Fimfest München/Bandenfilm
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Bilanz des Filmfests München Kunst könnte von Küssen kommen

120 Produktionen und 35 Weltpremieren: Am Wochenende endete das Filmfest München.

Wie es sich wohl anfühlt, als Nebenfigur in einem Film herausgeschnitten zu werden? Unzählige Nebendarstellerinnen und -Darsteller der 120 Produktionen aus 52 Ländern, die beim diesjährigen Filmfest München zu sehen waren, darunter 35 Weltpremieren, dürfte dieses Schicksal ereilt haben. Doch nun widerfährt ihnen Gerechtigkeit: Sie habe sich gefragt, wie es für eine Figur sei, einen technischen Fehler zu haben oder was Kim Novak empfunden habe, als sie von Alfred Hitchcock in „Vertigo“ in einen grünen Nebel getaucht wurde, erklärte die 36-jährige Regisseurin Sophie Linnenbaum. Ihr Film „The Ordinaries“, Linnenbaums Abschluss an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, beantwortet all das. Und zwar so spektakulär und innovativ, dass er beim Förderpreis Neues Deutsches Kino, der seit 1989 als Karriebarometer gilt, in den Kategorien Regie und Produktion und damit 50 000 von insgesamt 70 000 Euro Preisgeld gewann.

Bei „The Ordinaries“ handelt es sich um eine in Eisenhüttenstadt gedrehte Science-Fiction-Saga mit Musical-Elementen im Stil der fünfziger Jahre. Ein ominöses Institut entscheidet über ein Heer von Nebenfiguren, die alle eine Hauptrolle ergattern wollen – deshalb ist enervierend von „Outtakes“ und „Storylines“ die Rede. Die talentierte Paula (Fine Sendel) gerät auf der Suche nach ihrem Vater in die Schattenwelt des brutal unterdrückten Film-Proletariats, während die Hauptfiguren in ihrer hell erleuchteten Villa tanzen.

Ebenfalls in den Süden Brandenburgs, nach Forst und Umgebung, zog es Naira Cavero Orihuel, Absolventin der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF). In dem von ihr realistisch-roh inszenierten Drama „Wut auf Kuba“ spielt Lena Schmidtke so überzeugend eine revoltierende Alleinerziehende, dass sie den Förderpreis in der Kategorie Schauspiel erhielt. Die von Anne Ratte-Polle intensiv verkörperte Psychologin in „Alle wollen geliebt werden“, der die Kamera beinahe therapeutisch nahe rückt, will alle miteinander versöhnen, was gründlich schief geht. Katharina Woll führte bei dieser scharfzüngigen Tragikomödie Regie und erhielt mit ihrem Co-Autor Florian Plumeyer den Förderpreis für das Drehbuch.

Emphatisch von Christoph Gröner kuratiert

Viele der 15 Filme, die Christoph Gröner als Künstlerischer Leiter des Filmfests München für die renommierte Reihe Neues Deutsches Kino empathisch kuratiert hat, wirkten thematisch überfrachtet und allzu ernst. Die Jury, der auch die Schauspielerin Almila Bagriacik und der Regisseur Sönke Wortmann angehörten, vermisste eine dramaturgische Verdichtung und gelegentliches Augenzwinkern. Das gilt auch für durchaus spannende Hybrid-Filme wie „Sostalgia“ von Marina Hufnagel oder den Monumental-Experimentalfilm „Der Rote Berg“ von Timo Müller. Während Hufnagel in die ruhige Spielhandlung auf Pellworm Infografiken zur Erderwärmung einblendet, setzen Müller und seine Produzentin Jessica Krummacher auf die magnetische Wirkung roten Gesteins bei Trier. Maserungen entfalten eine hypnotische Wirkung, semidokumentarische Druiden-Dialoge im Berginneren verwirren und faszinieren zugleich – soviel geballte Geologie war selten im deutschen Film. In zehn Jahren Arbeit sei „Der Rote Berg“ zu seinem persönlichen Walfisch Moby Dick geworden, so Müller.

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Die Münchner Sommeratmosphäre war in diesem Jahr besonders ausgelassen, den grassierenden Krisen zum Trotz. Die ökonomisch gebeutelte Filmbranche und das nach anfänglichem Zögern dann doch herbeiströmende Publikum freuten sich über viele Begegnungsmöglichkeiten unter weißblauem Himmel, inklusive einer „Beergarden Convention“ im Garten des zentral gelegenen Amerikahauses. Es ersetzte zur allgemeinen Erleichterung das städtische Kulturzentrum Gasteig, eine düstere Trutzburg hoch über der Isar, die auf unbestimmte Zeit renoviert wird. Erstmals hatten auch alle Gäste der Eröffnungsfeier diese in einem Raum begehen und Marie Kreutzers Film „Corsage“ gemeinsam sehen können. So entfaltete sich in der 1600 Plätze umfassenden neuen Isar-Philharmonie die vielbeschworene Kino-Atmosphäre, eine bedrohte Spezies.

Das vor allem in den siebziger Jahren so lässige Münchner Lebensgefühl verkörpert der gebürtige Preuße Klaus Lemke. Mit seinem bewährten Cutter Florian Kohlert schuf der 82-Jährige eine hinreißende Montage seiner besten Filmszenen, „Champagner für die Augen - Gift für den Rest“. Das jubelnde Publikum begrüßte er mit einem Schild: „Kunst kommt von küssen.“

Stolz, ohne Drehbuch zu arbeiten: Klaus Lemke

Lemke ist stolz darauf, immer ohne Drehbuch zu arbeiten – und er schätzt den Witz der deutschen Sprache. Mut zur Improvisation beweisen in diesem Sinne die Filme „Wann kommst du meine Wunden küssen“ von Hanna Doose und „Servus Papa, See You in Hell“ von Christopher Roth („Baader“).

Die immer sehenswerte Bibiana Beglau sucht bei Doose als gescheiterte Berliner Künstlerin Zuflucht in ihrem Elternhaus im Schwarzwald, trifft dort auf ihre kranke Schwester und frühere Freunde und sorgt für Chaos mit viel Geschrei. Der Film kann sich allerdings nicht ganz zwischen ironischer Gesellschaftskritik und Familienaufstellung entscheiden und überdreht sein Sujet.

Christopher Roths Sektendrama lehnt sich an reale Geschehnisse um den autoritären Wiener Aktionskünstler Otto Muehl und dessen Kommune an. Ihn verkörpert mit genialischer Energie Clemens Schick, der sich bei der jugendlichen Jeanne (Jana McKinnon) das Recht auf die erste Nacht herausnehmen will. Sex ist in der Kommune Pflicht, Liebe streng verboten, Jeanne aber liebt Jean. So entspinnt sich ein hochspannendes Geschehen, bei dem es viele grässliche Reime auszuhalten gilt („Otto, du machst dein Ding und bist unser King.“)

Und dann gab es da noch das hochkarätige Sprecherensemble, das in Claudia Müllers Film „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ die messerscharfen Sentenzen der österreichischen Nobelpreisträgerin vorträgt. „Die Frau gehört ins Haus. Da bleibt sie dann", sagt da zum Beispiel Sophie Rois mit Lust an der Lakonik. Müllers kunstvolle Montage-Hommage weckt den Appetit auf anspruchsvolle Literatur. 58 Jahre alt habe sie werden müssen, um endlich einen Kinofilm realisieren zu können, meinte die Dokumentarfilmerin bei der Premiere nicht ohne Bitterkeit. Dieser Hinweis auf Altersdiskriminierung bei Frauen war genau das richtige Salzkörnchen in der Sommereuphorie.

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