Kunst und Handwerk gehören zusammen. Hier wird eine Glasskulptur von Tony Cragg gefertigt. Foto: Fondazione Berengo
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Biennale in Venedig Das Feuer von Murano

Zur Biennale in Venedig gibt es wieder die Ausstellung „Glasstress“ – dabei sind Ai Weiwei, Thomas Schütte, Tony Cragg.

Papier oder Draht, Zucker, Schokolade, Diamanten: Der Brasilianer Vik Muniz arbeitet mit Werkstoffen aller Art. Die DNA Galerie in der Auguststraße zeigte zum Gallery Weekend seine Fotografien von uralten Rebstöcken aus der Champagne; knorriges, knochiges Holz, alt wie die Erde. Er lässt das Material sprechen. In Venedig befasst sich der Bildhauer mit zerbrechlicher Materie.

Bei „Glasstress“, einer Parallelausstellung zur Kunst-Biennale, stellte er 2017 traditionelle Weinkelche auf, jedes Glas aber zwei Meter hoch, Überhöhung eines luxuriösen Gebrauchsgegenstands. Einen der Kelche stürzte der Künstler absichtsvoll um. Am Boden lagen die Scherben wie verschütteter Wein, getrocknetes Blut. In diesem Jahr ist Vik Muniz, zusammen mit Koen Vanmechelen, auch Kurator der „Glasstress“-Schau; sie eröffnet an diesem Donnerstag.

Auf Murano, der Insel der Glasfabriken in der Lagune, wird ein doppeltes Jubiläum gefeiert: Seit zehn Jahren gibt es die Reihe mit avancierter Glaskunst, und seit 30 Jahren existiert auf Murano das Studio Berengo, gegründet und bis heute geführt von Adriano Berengo. Er hat „Glasstress“ erfunden und sieht sich als Impresario, der Top-Künstler für sein gläsernes Reich begeistert. Berengos Aktivitäten reichen bis in die USA, wo es seit den 60ern eine selbstbewusste Studioglas-Bewegung gibt.

In der digitalisierten Welt hat Glas an Bedeutung gewonnen

In vielen europäischen Ländern dagegen ist das anders, gilt ein Künstler immer noch schnell als potenziell kitschig, wenn er sich mit dem Werkstoff Glas einlässt. Die Kunstwelt zelebriert hundert Jahre Bauhaus, doch die sogenannte angewandte Kunst steht oft hinter den zeitgenössischen konzeptuellen Arbeiten zurück – was die Bauhaus-Bewegung ja aufbrechen wollte. Mit der starken venezianischen Tradition und generell der italienischen Leidenschaft für Design im Hintergrund versteht sich Berengo als „Brücke zwischen Kunst und Handwerk“. Und er hat, weil sich handwerkliche Qualität herumspricht, internationale Künstler nach Murano geholt und einen Glastrend geschaffen.

Nach Murano kommen die Besucher in der Regel nur für ein paar Stunden. Dramatisch wechselt die Stimmung, wenn man von der Fondamenta dei Vetrai, der Straße der Touristen, zum Campiello Della Pescheria einbiegt, wo sich neben einem Restaurant der Eingang zur „Glasstress“-Ausstellung befindet. Keine bunten Trinkgläser, Blumenvasen, Briefbeschwerer, Glasclowns und -pinguine mehr. Wild-bizarre Objekte prägen das Bild. Aus Glas lässt sich tatsächlich alles formen; das ist sein Segen und sein Fluch.

„Glasstress 2019“ konzentriert sich ganz auf Murano, diesmal wird nicht am Canal Grande ausgestellt, es geht zurück zum Ursprung. Alte Backsteinhallen, Zeugnisse aufgelassener Industriearchitektur, die Berengo vor dem Verfall bewahrt, sind das natürliche Ambiente für Experimente mit einem seit vielen Tausend Jahren genutzten Kulturstoff. In der digitalisierten Welt hat Glas noch einmal an Bedeutung gewonnen. Glasfaserkabel, Handybildschirme, intelligente Oberflächen werden daraus gefertigt.

Tony Cragg gehört zu den Stammkunden bei Berengo

Ai Weiwei interpretiert den gläsernen Menschen anders. Er schuf für „Glasstress“ ein gigantisches Mobile in der Art eines venezianischen Kronleuchters, mit Knochen und Organen. Geformt aus schwarzem Glas, hängt das Monstrum unter der Decke eines Fabrikgebäudes. Zerbrechlich und auch bedrohlich. Ai Weiweis Arbeiten haben die Eigenheit, den Betrachter wie eine dunkle, anonyme Macht zu verfolgen.

In Berengos Öfen und Werkstätten wird nach alter Manier produziert – nach den Entwürfen der Künstler. Ai Weiwei schickte lange Listen für sein humanmedizinisches Inventar, das an ein Dinosaurierskelett im Naturkundemuseum erinnert. Auch Thomas Schütte schätzt die jahrhundertealte Erfahrung und technische Meisterschaft der Glasmacher von Murano. Seine auf der Seite liegenden „Glasköpfe“ wirken sanft morbid, verführerisch schläfrig und fühlen sich ungeheuer weich und kühl an. Tony Cragg gehört schon zu den Stammkunden bei Berengo, mit Glasskulpturen, die wie Bausteine des Lebens wirken, eine Art von biologischer Grundlage jeglicher Philosophie und Ästhetik.

Die Werke zeigen sich an dem Ort ihrer Produktion

Vik Muniz hatte die Idee, aus Murrinen sein Porträt zusammenzusetzen, mosaiktechnisch. Murrinen sind die Glasstäbe, die auf Murano zu Schmuck verarbeitet oder in Schalen und Vasen eingeschmolzen werden. Von Monica Bonvicini weiß man, dass sie gern mit Gürteln und Riemen arbeitet. Auf Murano sind sie aus Glas, wie die Hände der Frau, die sie halten. Im Glas ist der Moment eingefroren und das in Venedig stets präsente Hochwasser gebannt: „Acqua Alta“ nennt die brasilianische Künstlerin Valeska Soares ihre Arbeit aus Glascontainern. Der Ägypter Wael Shawky, von der Documenta bekannt für seine Filme mit Puppen, lässt bei Berengo für „Glasstress“ riesige Reliefs mit Motiven der Kreuzzüge fertigen.

Darin liegt das Besondere: Die Werke zeigen sich an dem Ort ihrer Produktion. Man begreift den Entstehungsprozess; immer hört man untergründig das vulkanische Grummeln der heißen Öfen, der fornaci, Tag und Nacht. Und damit stellt sich die Verbindung konzeptueller Kunst zur Außenwelt her, die hier vom Mythos der Glasbläser geprägt ist.

Auf der Biennale selbst ist Berengos Workshop in zwei Pavillons präsent. Laure Prouvost vertritt Frankreich in den Giardini, Renate Bertlmann gestaltet den Beitrag Österreichs. Sie gab ihrem Projekt – ein Feld aus reichlich 300 gläsernen Rosen – den Titel „Discordo Ergo Sum“ (Ich widerspreche, also bin ich).

Tagliapietra hat lange schon den Weg aus der Lagune gefunden

In den nächsten Jahren will Adriano Berengo mit „Glasstress“ heraus aus Venedig, nach St. Petersburg oder Wien. Neben all der Konzeptkunst, neben Jan Fabre, Jake und Dinos Chapman oder Tracey Emin, die zum erweiterten Glas-Club gehören, erweist die Ausstellung Lino Tagliapietra ihre Reverenz.

Der alte Glasmeister, der aus Murano stammt und auf der Insel ein kleines Privatmuseum hat, ist in Berengos wilder Welt mit einem klassisch schönen Glas vertreten. Tagliapietra hat lange schon den Weg aus der Lagune gefunden, er ist ein Star der internationalen Glaskunst-Szene und erzielt Spitzenpreise. In der „Glasstress“-Versammlung der Bildhauer wirkt „Lino“ – so nennen sie ihn liebevoll auf Murano – wie ein ruhevoller Anker, ein Schiff auf unberechenbarer See. Im Glas steckt der Stress, die Spannung der Elemente: Wasser, Feuer, Luft.

„Glasstress 2019“, Murano, Campiello Della Pescheria, bis 24. November, täglich außer Mittwoch 10–18 Uhr. Die Recherchen für diesen Artikel wurden teilweise von der Fondazione Berengo unterstützt.

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