Bertrand Chamayou wurde 1981 in Toulouse geboren. Foto: Marco Borggreve
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Bertrand Chamayou zu Gast in Berlin Ein Virtuose stellt sich der Herausforderung

Der französische Pianist Bertrand Chamayou beeindruckt im Berliner Pierre Boulez Saal mit Olivier Messiaens Zyklus "Vingt regards sur l'enfant-Jésus".

Fast alles hier steht in Fis-Dur, dieser lichten, wahrscheinlich himmelblau schimmernden Tonart. Dass die Franzosen, Erfinder der Plein-air-Malerei, damit noch ein ganz anderes Blau im Sinn haben als wir wolken- und nebelgeplagten Deutschen, versteht sich von selbst: Monet-Blau, Sisley-Blau, Pissarro-Blau. Der Synästhesist Olivier Messiaen hat seinen monumentalen Klavierzyklus „Vingt regards sur l'enfant-Jésus" (Zwanzig Blicke auf das Jesuskind) mit gleißenden, funkelnden, sprühenden Klangfacetten versehen, die zugleich auch den Nur-Hörer ein breites Farbspektrum assoziieren lassen.

Das blendet und überwältigt wie die Betrachtung eines gotischen Kirchenfensters oder das Erlebnis eines Gipfelpanaromas. Denn obwohl der Komponist hier „die Wahrheiten des katholischen Glaubens“ musikalisch verkündet, ist deren „immaterielle Freude“ und Ekstase auch in der mystischen Einheit mit der Natur erfahrbar. Der Kosmos der „Vingt regards“ wirkt also universal, auch auf den ungläubigen Hörer. Die Messiaen-Verehrer im Boulez-Saal sind am Sonntag jedenfalls recht zahlreich und applaudieren heftig und dankbar.

Anschlagssensibilität und Klangfantasie

Pianist Bertrand Chamayou postiert die „Blicke“ der Engel, der Sterne, des Kreuzes, der Stille und der Zeit als Stationen einer großen, in jedem Ton faszinierenden Klangreise. Mit seiner Anschlagssensibilität und Klangfantasie, seiner unablässigen Intensität und strukturellen Durchdringung komplexer Texturen erweist sich der junge Franzose als würdiger Nachfolger eines Pierre-Laurent Aimard, der noch bei Messiaens Ehefrau Yvonne Loriod studierte und als autorisierter Interpret gilt.

Er punktet mit stupender Beweglichkeit und einem nie versiegenden emotionalen Engagement, das auch bei noch so ausladenden Arpeggienkaskaden oder donnernden Oktavgängen nicht erlahmt. Denn dieser Zyklus ist schon aufgrund seiner über zweistündigen Dauer und seiner etwa an die großen Liszt-Etüden anschließenden virtuosen Ansprüche auch eine physische Herausforderung, kaum einmal als Ganzes in einer Live-Darbietung zu hören.

Himmlische Längen

Was mit sanften Dur-Akkorden beginnt, deren dissonante Beimischungen ihre Harmonien fast noch reiner erscheinen lassen, steigert sich zu gleißenden, an Orgelklänge erinnernden Mixturen, zu scharfen, splittrigen Rhythmen, gewaltig flutenden Bässen. Denn die Blicke in die Zukunft Jesu verheißen auch Gewalt und Leid, den Kreuzestod. Dazwischen erheben sich mächtiges Glockengeläut und die kecken, frohlockenden, auch spöttischen Laute der von Messiaen so geliebten Vogelstimmen.

Nur wenn den tonalen Klängen das Salz der Dissonanz und der Modulation in andere Tonarten fehlt, wenn sich „immlische Längen“ ausbreiten, etwa beim „Kuss des Jesuskindes“, dann verspürt das kritisch-säkularisierte Herz ein leichtes Unbehagen. Messiaen kann eben auch hart am Devotionalien-Kitsch vorbeischrammen, Chamayous Geschmackssicherheit zum Trotz.

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