Robin Ticciati, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters, macht das Zukunftsweisende von Berlioz’ Musik erfahrbar. Foto: DSO
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Berlioz in der Philharmonie Robin Ticciati dirigiert die Crossover-Oper „La Damnation de Faust"

Der britische Stardirigent interpretiert die „dramatische Legende“ als Ritt ins Höllenfeuer.

Nichts passiert, aber es ist immer was los. Da schlängelt sich eine einsame Streicherlinie aus dem Nichts in den Raum, entfaltet sich allmählich zu einer fassbaren musikalischen Gestalt. Plötzlich geben ihr ein paar Flötenterzen die harmonische Orientierung. Tänze, Märsche, Fugen brechen in solch abstrakte Gebilde ein, simple Dreiklangsharmonik schlägt um in kühnste, grellfarbige Klänge. Zarter Chorgesang kennt auch naturalistische Aufschreie, und den Ritt ins Höllenfeuer illustrieren im Blechbläsergewitter nicht sehr „klassische“ Posaunenglissandi.

Hier erklingt keine neue Musik, sondern ein Werk von Hector Berlioz: „La Damnation de Faust“ (Fausts Verdammnis) sitzt zwischen allen nur denkbaren stilistischen Stühlen, ist schon als „dramatische Legende“ ein Zwitter aus Konzert, Oratorium und Oper. Robin Ticciati, bekennender Berlioz-Fan, macht in der Philharmonie das Offene, Zukunftsweisende dieser Musik zwingend erfahrbar.

Seinem Deutschen Symphonieorchester Berlin verlangt der Dirigent äußerste Feinzeichnung und Transparenz ab, führt es behutsam durch den ersten Teil der Geschichte: Mit hellem, nuancenreichem Tenor beklagt Allan Clayton als grüblerischer Held seinen Lebensüberdruss, sucht Ruhe in der unendlichen Natur. Weiter geschieht nichts, doch reiht sich Bild an Bild: Da sprudeln die Flüsse, rauschen die Blätter, wechseln Licht und Schatten schnell wie Wind und Wolken.

Dem Komponisten genügen dafür manchmal reihenweise Pizzikati und Tremoli, kein besonders reizvolles Orchesterfutter. Doch den DSO-Streichern steht das Vergnügen ins Gesicht geschrieben; temporeich, beweglich und lebendig bleibt es auch in anspruchsvollsten Stimmverwicklungen. Ticciati ist präsent, den Musikern und Sängern zugewandt. Im Drama frei nach Goethes Faust prunkt der wandlungsfähige, famos von Michael Alber einstudierte Rundfunkchor Berlin mit deftigen Trink- und Studentenliedern in Auerbachs Keller, Höllen- und Engelsgesängen.

Letztere übernehmen, wenn Marguerite ins Paradies aufgenommen wird, die Knaben vom Staats- und Domchor in schwebender Reinheit und gerade noch erträglicher Süße. Karen Cargill als Marguerite bietet sensible, kraftvolle Mezzotöne auf, wirkt stimmlich aber ein wenig zu reif. Ansonsten stimmt das „Casting“: Faust als etwas aus der Zeit gefallener Student, Mephisto als aalglatter und knallharter „Geist der stets verneint“ mit dem schlanken, geschmeidigen Bariton Alexander Vinogradovs.Isabel Herzfeld
 

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