Die Neue Nationalgalerie am Kulturforum ist am Abend in der Dämmerung beleuchtet. Foto: Jens Kalaene/dpa
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Berlins schönstes Museum Ein Rundgang durch die Neue Nationalgalerie

Der Bau von Mies von der Rohe wurde grundsaniert, nun werden die Schlüssel an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben. Ein Besuch zur zweiten Geburt.

Der Bau war ursprünglich gar nicht für Berlin geplant. Ludwig Mies van der Rohe (1886–1969) hatte Ende der Fünfzigerjahre ein Bürogebäude für Bacardi entworfen, die Rum-Firma in Santiago de Cuba. Daraus aber wurde nach Fidel Castros Revolution nichts mehr – ein Glück.

So kam 1968 die eleganteste, erhabenste moderne Architektur in die damals geteilte Stadt. Es war Mies van der Rohes letztes eigenständiges Projekt, sein einziges auch in Europa nach der Emigration in die USA. Findet sich ein im klassischen Sinne schöneres Bauwerk weit und breit?

Die Neue Nationalgalerie ist geprägt von ihrer hybriden Herkunft. Wo gibt es so viel Licht und Helle, Leichtigkeit und eine Struktur, die aus einer anderen Hemisphäre stammt und die Sonne magisch anzieht, wie ein griechischer Tempel?

Das Podest, auf dem die Neue Nationalgalerie ruht, stellt eine ebenso noble wie demokratische Einladung für Besucher und Passanten dar. An dieser Stelle ist grandios gelungen, worum sich andere Museumsanlagen, zumal in der Nachbarschaft von Mies, vergeblich mühen: Es öffnet sich ein Museumsbau, der ebenbürtig ist der Kunst, die er ausstellt.

Wie lange wurde dieser Ort größter Urbanität vermisst! Vor sechs Jahren zogen die Kunstwerke aus, begann das sensible Zerlegen der gesamten Konstruktion. Ein Jahr dauerte allein die Demontage. 35.000 Bauteile wurden sortiert und eingelagert, ein gigantisches Denkmalschutz-Puzzle.

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Dass die Schließung im Januar 2015 mit einer Serie von Kraftwerk-Konzerten im Obergeschoss begangen wurde und dass zu den Tagen der offenen Tür Ende Mai die berühmte Compagnie der Rosas um Brancusis goldene Vogelskulptur tanzen soll, unterstreicht den speziellen Charakter der Neuen Nationalgalerie. Sie ist ein forderndes Museum, ein Haus mit hohem performativen Anspruch, Raum für viele Künste.

Die Aura lebt

Diese Herausforderungen zeigten sich auch während der Grundinstandsetzung. Sie dauerte doppelt so lange wie damals die dreijährige Bauzeit und verschlang 140 Millionen Euro. Das Warten und das Geld – sie waren es wert.

Zum zweiten Mal ist ein Meisterwerk entstanden. Jetzt hat man den Eindruck, die große Halle wirke noch lichter, schier schwerelos, während die Ausstellungsräume im Untergeschoss mit ihrem Teppichboden großzügiger erscheinen als je zuvor. Nach all den Museumskrächen und Pannen der letzten Zeit fühlt sich der Besuch in dieser Leere und Stille wie eine Erholung an, wie die Rückkehr in einer klarere Zukunft.

Haus der Künste. Die obere Halle. Foto: Staatliche Museen zu Berlin Vergrößern
Haus der Künste. Die obere Halle. © Staatliche Museen zu Berlin

Die Aufgabe der Ingenieure und diversen Gewerke bestand besonders auch darin, die Aura des Hauses nicht zu zerstören; neue Materialien bringen dieses Risiko mit sich. Dabei stellte die Verglasung der Halle wohl das größte Problem dar. Die Originalscheiben wiesen Brüche auf, Kondenswasser hatte den Profilen zugesetzt, heute gelten andere Brandschutz- und Sicherheitsbestimmungen. Mies van der Rohe hatte letztlich nicht für das kalte Berlin, vielmehr für die Karibik geplant.

Die Fenster kommen aus China

Eine wirklich globale Geschichte: Die neuen, im Vergleich zum Originalzustand doppelt so dicken Glasscheiben wurden nun in China gefertigt, in Europa stellt keine Firma mehr Glas in dieser Breite von 3,40 Metern her.

Auf offenen Containern, in Holzkisten verpackt, kamen die gläsernen Fassadenteile dann über die Ostsee nach Berlin und wurden in eine Konstruktion eingepasst, die Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen besser auffangen kann. Wenn man hineinschaut oder selbst im Glashaus steht, sind die Veränderungen so gut wie unsichtbar. Das war das Ziel.

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Die offizielle Eröffnung ist für den 22. August avisiert, mit zwei Ausstellungen, die den Geist des Hauses spiegeln. Eine Sonderschau wird dem amerikanischen Bildhauer Alexander Calder (1898–1976) gewidmet, dessen Skulptur „Têtes et Queue“ auf die Terrasse der Neuen Nationalgalerie zurückkehrt. Aus der Sammlung ersteht „Die Kunst der Gesellschaft“ aufs Neue, mit Hauptwerken der Klassischen Moderne von Otto Dix, Ernst Ludwig Kirchner, Renée Sintenis, Lotte Laserstein oder auch Hannah Höch. Deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis in den Zweiten Weltkrieg.

Ein Ort der Hoffnung

Die Werke werden mit neuen LED-Leuchten ins Licht gesetzt. Die komplette Haustechnik ist erneuert worden, Schadstoffe mussten entsorgt werden. Davon wird das Publikum unmittelbar nichts mitbekommen. Aber es gibt auch eine Reihe dezent vorgenommener Neuerungen, die dem Besucherservice dienen. Vor allem ist die Neue Nationalgalerie, die trotz ihres Namensherrn in die Jahre gekommen war, nun barrierefrei. In der oberen Halle wurde ein Aufzug eingebaut, zur Terrasse führt eine Rampe.

Selbst kleinere Veränderungen zeigen, wie sehr sich die Welt – und die Museumswelt – seit den späten 1960ern gewandelt hat. Die Neue Nationalgalerie hat einen Shop bekommen, der den Namen verdient, und die Garderobe findet ihren neuen Platz in einem Raum, der früher als Lager diente. Das Café bleibt an der Seite, fensterlos, erhält aber ein frisches Design. Im Übrigen wird man für Gastronomie und Ruhezonen eine generelle Lösung finden müssen: Die Neue Nationalgalerie ist nicht allein am Kulturforum, wie zu Mies’ Zeiten, vielmehr vornehmster Teil eines hoffentlich schlüssigen Ensembles, das nebenan mit dem Neubau von Herzog & de Meuron Zuwachs bekommt.

Man kann sich wirklich freuen – auf das Wiedersehen mit den Werken, was ja immer auch ein neues Sehen ist; auf den Skulpturengarten; auf lange Sommerabende draußen am Kulturforum und drinnen. Wenn es gut läuft, signalisiert die Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie Ende August den Aufbruch in der Stadt und ihrer Kultur. Das alte, nagelneue Haus verführt zum Hoffen und zum Träumen.

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