Leander Haußmann zeigt an der Volksbühne in der nächsten Spielzeit eine Stasi-Komödie, als Uraufführung. Foto: dpa/Alexander Heinl
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Berliner Volksbühne: die nächste Saison Leander Haußmann kommt mit Stasi-Komödie

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Nach dem Dercon-Aus spielt die Volksbühne weiter. Interims-Chef Klaus Dörr gibt die nächste Spielzeit bekannt, unter anderem mit einer Uraufführung von Leander Haußmann.

Der Spielplan der Berliner Volksbühne steht – bis Ende Januar 2019. Die Zeit, in der er aus dem Boden gestampft wurde, ist mutmaßlich Landes- und vielleicht sogar Weltrekord. Nach dem Aus von Chris Dercon als Volksbühnen-Chef Mitte April, das zwar – ein bisschen wie jetzt bei der deutschen Fußballnationalmannschaft – nicht wirklich überraschend, am Ende aber doch plötzlich kam, hatte Interimsintendant Klaus Dörr ganze acht Wochen Zeit, eine Art Repertoire auf die Beine zu stellen. „Besser geht immer“, kommentiert er das Ergebnis gewohnt lakonisch und selbstkritisch. Aber für die extreme Kürze der Zeit sei er durchaus zufrieden.

Kann er auch sein. Vieles von dem, was jetzt schwarz auf weiß nachzulesen ist, war schon vorab gerüchteweise durchgesickert. Leander Haußmann steuert, von Dörr angeleiert, Mitte Dezember mit „Haußmanns Staatssicherheitstheater“ eine der insgesamt fünf Uraufführungen bei, die in der ersten Hälfte der kommenden Saison am Rosa-Luxemburg-Platz präsentiert werden. In Aussicht steht eine eigens geschriebene Komödie über „die Stasi als verlängerten Arm der kleinbürgerlichen Mittelmäßigkeit“.

Leander Haußmann ist der einzige Rückkehrer aus der Castorf-Ära

Mit einer weiteren Uraufführung – „Die sechs Brandenburgischen Konzerte“ von Anne Teresa De Keersmaeker, ihrer Kompanie Rosas und dem B’Rock Orchestra unter der Leitung von Amandine Beyer – wird die neue Saison am 12. September eröffnet. Danach kommen Bonn Parks und Ben Roesslers Opernentwicklung „Drei Milliarden Schwestern“ nach Anton Tschechow mit dem hauseigenen Jugendtheater P14 und Christian Filips’ szenische Uraufführung „Des Menschen Unterhaltsprozess gegen Gott“ nach Calderon de la Barca und Bernd Alois Zimmermann. Hinter der letzten Neuproduktion, „Coming Society“ im Januar, verbirgt sich eine installative Performance von Susanne Kennedy und Markus Selg.

Zumindest für die erste Saisonhälfte 18/19 bleibt Leander Haußmann, der in den nuller Jahren mehrere Regiearbeiten an der Volksbühne gezeigt hatte, damit der einzige künstlerische Rückkehrer aus der Castorf-Ära. René Pollesch hatte bereits vor einiger Zeit freundlich abgewunken, was eine mögliche Wiederaufnahme seiner Arbeiten etwa mit Fabian Hinrichs betrifft. Mit Herbert Fritsch indes sei er nach wie vor über „Die (s)panische Fliege“ im Gespräch, sagt Dörr: Pläne, die im Fall des Falles aber allerfrühestens ab der zweiten Spielzeithälfte 2018/19 realisierbar wären. Auch der Gedanke an Frank Castorfs final-epochalen Volksbühnen-„Faust“ ist zumindest noch nicht hundertprozentig aus der Welt, wenngleich Dörr entsprechende Erwartungen deutlich dämpft. Zum einen – und das betrifft, ganz generell, Wiederaufnahmen ebenso wie Gastspiele – aus Kosten- und Dispositionsgründen. Selbst wenn andere Bühnen oder Künstler dem Haus mit solidarischen „Freundschaftspreisen“ unter die Arme greifen, ist und bleibt es einfach „extrem teuer“, ausschließlich mit Gästen zu arbeiten, so Dörr. Und außerdem halte er es auch „nicht für das Richtige, rückwärts zu gehen.

Viele Positionen im neuen Spielplan stammen noch von Chris Dercon

Bis Ende Januar 2019 enthält der Volksbühnen-Spielplan logischerweise viele Positionen, die auf Verabredungen aus der Dercon-Zeit zurückgehen. Zum Beispiel – neben dem Großteil der genannten Uraufführungen – das Auftragswerk „The Factory“ von Mohammad Al Attar in der Regie von Omar Abusaada, eine Koproduktion der Volksbühne mit der Ruhrtriennale, die Ende September Berlin-Premiere hat. Dass alle „Verträge und vertragsähnlichen Absprachen“ mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Dercon-Zeit eingehalten würden, hatte Dörr ja von Anfang an betont.

Da neue und eigene Akzente logischerweise einen gewissen Planungsvorlauf brauchen, werden sie also eher ab der zweiten Spielzeithälfte 2018/19 beziehungsweise erst in der Saison 19/20 sichtbar werden. Viele prinzipiell durchaus interessierte Künstler, sagt Dörr, mussten ihm bis dahin schlicht aus Kurzfristigkeitsgründen absagen. Oder andere, ganz generell, weil sie fest an andere Berliner Bühnen gebunden sind. Eine perspektivische Zusammenarbeit plant Dörr erfreulicherweise mit der Choreografin Constanza Macras, die ja in Berlin absurderweise praktisch heimatlos geworden ist. Neben der Übernahme von „Megalopolis“ soll es im Frühjahr 2019 eine neue Macras-Produktion an der Volksbühne geben. Zudem wird Susanne Kennedy, die unter Dercon Hausregisseurin war, über die bereits verabredete Installation „Coming Society“ hinaus auch unter Dörr weiter an der Volksbühne arbeiten.

Aus Hamburg kommt "Die Unterwerfung" mit Edgar Selge als Gastspiel

Fest ins Volksbühnen-Repertoire übernommen werden Hermann Schmidt-Rahmers „Volksverräter!!“ nach Henrik Ibsens „Volksfeind“ aus Bochum und Kay Voges’ „Das 1. Evangelium“ vom Schauspiel Stuttgart. Und freuen können sich die Berliner außerdem, dass auch sie endlich zwei Abende zu sehen kriegen, die – mal mehr, mal weniger kontrovers – seit Langem überregional im Gespräch sind: Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ kommt im Dezember als Gastspiel vom Hamburger Schauspielhaus – in der Regie von Karin Beier mit Edgar Selge. Einen Monat später folgt Heiner Müllers „Auftrag“ in einer – wie man hört – außergewöhnlich bemerkenswerten Inszenierung von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner aus Hannover. Mit einem Castorf-Volksbühnen-erprobten Superstar, Corinna Harfouch.

Vorverkauf für September ab 2. Juli an den Tageskassen, Telefon: 030- 2406 5777, und www.volksbuehne.berlin. In den Theaterferien (8. Juli bis 22. August) bleiben die Tageskassen geschlossen. Der Vorverkauf für die Stücke im Rahmen von "Tanz im August" läuft schon: www.tanzimaugust.de.

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