Der Dirigent Francois-Xavier Roth wurde 1971 in Paris geboren. Foto: Stephan Röhl
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Berliner Philharmoniker Bis in die Fingerspitzen

Ein inspirierender Konzertabend mit dem Dirigenten François-Xavier Roth, dem Oboisten Albrecht Mayer und den Berliner Philharmonikern.

„Maestro, was machen wir jetzt?“ So fragt der Solist zwischen den Sätzen eines Bach-Konzerts in der Philharmonie. Es ist Albrecht Mayer, der wohlbekannte Solooboist der Berliner Philharmoniker. Er spielt das Konzert für Oboe d'amore BWV 1055R, womöglich die Frühfassung eines Cembalokonzerts. Und kämpft damit, dass die Oboe d'amore, die er seltener in Betrieb nimmt, nicht intakt ist. Er verlässt die Bühne, um das Instrument zu reinigen. Danach blitzen die vielen kleinen Noten im tänzerischen Duktus des letzten Satzes.

Die Soli von Albrecht Mayer krönen das Klangbild der Philharmoniker nun schon seit 30 Jahren. Und er hat für dieses Konzert mit seinem Orchester eine ernste Zugabe vorbereitet, die dem Leiden der Ukraine gewidmet sein soll. „Lascia ch'io pianga“, das berühmte Klagelied von Händel, wird zu einem bewegenden Höhepunkt des Abends.

Albrecht Mayer ist seit 1992 Solo-Oboist der Philharmoniker. Foto: Stephan Röhl Vergrößern
Albrecht Mayer ist seit 1992 Solo-Oboist der Philharmoniker. © Stephan Röhl

Den Spuren Bachs ist Igor Strawinsky gern gefolgt. So passt es, das Solokonzert mit Werken des Komponisten zu umgeben, die das Orchester als Teil seiner Hommage an Strawinsky musiziert. Am Pult steht François-Xavier Roth, Generalmusikdirektor der Stadt Köln.

Der französische Musiker wird leicht unterschätzt, weil er in seiner Vielseitigkeit alles umfassen will. Bei Strawinskys Ballettmusiken aber zeigt sich, dass er als ehemaliger Flötist an dirigentischer Ausdruckskraft gewonnen hat und den Philharmonikern ein willkommener Gast ist. So tänzeln sie angeregt mit ihm durch die Tschaikowsky-Vorlagen im Divertimento „Der Kuss der Fee“.

Roth dirigiert ohne Stab, während die Rhythmen des „Petruschka“-Balletts seine Körpersprache bis in die Fingerspitzen beherrschen. Erfahren in der Aufführungspraxis alter Musik, lässt er das brillant besetzte Orchester die Erstfassung der Partitur spielen. Alles klingt märchenhaft. Als Instrument eines Gauklers besitzt die Flöte Emmanuel Pahuds die Zauberkraft, Gliederpuppen mit Leben zu versehen. Leierkasten und Lanner-Walzer ziehen vorüber. Die bezaubernde Interpretation aber macht deutlich, dass das Jahrmarktstreiben von 1911 schon ein sehr historisches ist.

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