Manische Selbstentäußerung: Der Schauspieler Lars Eidinger in „Peer Gynt“ von Henrik Ibsen. Foto: Benjakon
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Berliner Kulturszene Schluss mit dem kollektiven Exhibitionismus!

Carlotta Wald

Alle wollen in Berlin roh, sexy und extravagant sein. Instagram-Egos beherrschen die Hauptstadt. Wie wär es denn zur Abwechslung mit ein bisschen Diskretion?

Der Hype um Lars Eidinger scheint grenzenlos zu sein. Weil er sich an seinem Ego nicht nur im Theater und auf der Social-Media-Bühne sowie hinterm DJ-Pult, sondern jüngst auch vor Obdachlosen mit Tasche eigener Marke im Aldi-Design ergötzt. Weil er gern Details zu seinem Penis preisgibt und trotzdem oder gerade deshalb bei Instagram umso mehr Zuspruch findet. Diese Woche hat er an der Schaubühne als „Peer Gynt“ Premiere, eine Solo-Performance, und bei der Berlinale ist er in zwei Filmen zu sehen.

Auch Eidingers Kollege Mark Waschke hat das Potenzial der „manischen Selbstentäußerung“ entdeckt, die sich Eidinger selbst attestiert. Als Metaware brachte er letztes Jahr den Monolog „Ich ist ein anderer dieses wir bin nicht eine Pfeife“ auf die Bühne. Darin zieht er sich aus, singt, spricht über seine pubertäre Tochter, ihr Liebesleben, sein Liebesleben und ruft live seine Ex-Frau an. Mit dem Lautschalten ihrer Stimme bringt er den absoluten Beweis: Das alles hier bin ich. Und es ist echt. Es ist authentisch.

Doch der Wahn zur rigorosen Authentizität ist kein Phänomen der Berliner Schaubühne. Er findet sich ebenso in der zeitgenössischen Literatur, in TV-Serien und sozialen Medien. Lena Dunham, Produzentin und Regisseurin der US-Amerikanischen Serie „Girls“ und Autorin einer Autobiografie „Not that kind of Girl“, verhandelt nichts als ihre seelischen und sexuellen Karambolagen, ihre Panikattacken, ihre Essstörungen.

Ständige Oszillation zwischen Chaos und Ordnung

Darin liegt ihr Erfolg begründet. Sie bietet schonungslosen, rohen Realismus und wurde dafür 2013 vom „Times Magazine“ zu den 100 weltweit einflussreichsten Personen gekürt. Aus einer ähnlichen literarischen Nische kommen die Berlinerinnen Anna Gien und Marlene Stark, die 2019 gemeinsam den autofiktiven Roman „M.“ veröffentlichten. Auch diese Geschichte einer rastlosen, frustrierten Künstlerin, die mit dem Berliner Kunstbetrieb abrechnet, ist ein Close-up von alltäglichen, vornehmlich sexuellen Details.

Berlin ist ein besonderer Nährboden für dieses Format. Bereits in den goldenen Zwanzigern wurde die Hauptstadt aufgrund ihres diffusen Durcheinanders und ihrer nicht vorhandenen Intimität als Weltstadt gehandelt. Heute zieht Berlin aus ähnlichen Gründen wieder international Blicke auf sich. Wer sich in anderen Metropolen als (Wahl-)Berliner bekennt, erhält anerkennendes Raunen und einen Lobgesang auf das Berghain, die Kunstszene und Berlins Anti-Ästhetik in Retour: Das meint das Groteske, Absurde, Skurrile und versteht sich als Opposition zum Gewöhnlichen. Es ist der Mut, Fratze zu zeigen statt konform zu lächeln.

Aber was genau daran macht Berlin heute so attraktiv und was hat Lars Eidinger damit zu tun? Berlins Eigenart lässt sich am besten mit der ständigen Oszillation zwischen Chaos und Ordnung beschreiben. Das schlägt sich in dem Gefühl nieder, dass hier nie etwas richtig fertig wird. Aber eben auch in einem großen Spektrum an Subkulturen und Nischen.

Mekka der postmodernen Boheme

Aufgrund der losen Strukturen und Normen kann sich ein hohes Maß an individueller Freiheit einstellen, ein Merkmal, das Berlin zum Mekka der postmodernen Boheme, all jener technikaffinen, mit Ironie und Macbook durchs Leben ziehenden Youngster macht. Die Postmoderne war geprägt durch den Verfall orientierungsgebender gesellschaftlicher Normen und Strukturen und einen immer stärker werdenden Individualismus.

Roh, schroff, extravagant und sexy lädt Berlin zum Hyper-Individualismus ein, der sich nicht selten des Narzissmus bezichtigen lassen muss. Hier kommen Lars Eidinger und Co ins Spiel. Mit ihrer Ich-mach-worauf-ich-Bock-hab-Geste entsprechen sie dem Chic, der sich in Berlin so zu Hause fühlt. Als selbststilisierte Außenseiter ziehen sie blank. Mit ihrer radikalen Selbstentblößung brechen sie das angeblich letzte Tabu, unsere Scham, und finden damit reichlich Anklang.

Doch im allgemeinen Wettbewerb um Aufmerksamkeit erregen nur noch die Bruchstellen, nicht die glatte Fassade Interesse. Ob das strategisches Marketing oder egozentrische Aufmerksamkeitshascherei ist, spielt an diesem Punkt gar keine Rolle. Das eine bedingt das andere. Wir leben in einer Gesellschaft, die nach Individualität und deren Beweis verlangt. Und das forciert die Exhibition der eigenen Einmaligkeit.

Ausufernder Exhibitionismus bekommt etwas Zwanghaftes

Schließlich zelebriert kein Lebensbereich Originalität und Individualität so sehr wie das Kunstsystem. Sich selbst als abgewracktes Künstlergenie zu inszenieren ist deshalb aber trotzdem keine gelungene Antwort auf die Zeichen der Zeit. Auch wenn Selbstdarstellung ein Massenphänomen unserer Gesellschaft ist. Künstlerische Selbstreferenz kippt an einem bestimmten Punkt. Ausufernder Exhibitionismus bekommt etwas Zwanghaftes und wirkt nicht avantgardesk, sondern ranzig, fällt in sich zusammen und offenbart die dahinterstehende klaffende Leere, die Egozentrik und Beliebigkeit.

Dankbarer wäre eine Kunst, die es schafft, uns aktuelle gesellschaftliche Phänomene nicht nur roh und übersteigert vor die Füße zu spucken, sondern über den kollektiven Narzissmus nachzudenken. Das muss nicht zwangsläufig in Kulturkritik münden und jeglichen Spaß an sich selbst ausschließen. Vielmehr ginge es um eine Art von Kunst, der es gelingt, diese Techniken zu nutzen, zu zeigen und zu reflektieren – den Zwiespalt transparent zu machen statt ihn als Shitstorm über alle Beteiligten ergehen zu lassen.

Diese Künstler-Spezies gibt es. Es sind die Filme von Arthur Jafa und Khalil Joseph, die Videoarbeiten von Ed Atkins. Sie alle können auf die eigene Pathologisierung verzichten und gleichzeitig bemerkenswerte Gesellschaftsanalysen in Werken künstlerisch verhandeln. Das ist subtiler, einfallsreicher und übersättigt nicht so ungemein schnell.

Diskretion den eigenen Pathologien gegenüber

Ein gutes Beispiel aus der Literatur ist Annie Ernaux, die in ihrer autofiktiven Erzählung „Die Jahre“ eine scharfsinnige, wortgewandte Beobachtung ihrer Generation sowie der Befreiung der 68er anstellt. Durch die Fülle der Details und Aufzählung der Ereignisse lässt sie den Leser selbst beobachten, wie alte gesellschaftliche Imperative von neuen ersetzt werden. Der Fotograf Wolfgang Tilmanns arbeitet zwar auch mit hartem Realismus und Dokumentarismus, aber er schafft es, sein Ego herauszuhalten.

Oder Anne Imhof: Sie zeigt in ihren Performances eine verlorene, lethargische Generation zwischen Rausch und Smartphone, führt subtil und erdrückend Machtstrukturen vor und macht sie erlebbar. Verwirrt, erdrückt, erstaunt bleibt man als Zuschauerin zurück und kann danach vielleicht nicht in Worte fassen, was diese Generation quält und antreibt, aber hat es für einen kurzen Moment gespürt.

Als Beispiel aus der Theaterwelt wäre unbedingt René Pollesch zu nennen. Der zukünftige Intendant der Berliner Volksbühne brilliert aktuell mit einer Inszenierung am Deutschen Theater. Im Stück „Life on Earth can be sweet Donna“ plädiert Pollesch mit Humor für das epische Theater und seine Diskretion den eigenen Pathologien gegenüber. Das trifft es auf den Punkt: Ein bisschen Diskretion, bitte.

Mehr Qualität und weniger Shitstorm

Nicht, weil die Kunst wieder zahm werden soll. Nicht, weil gewisse Dinge verschwiegen werden sollten oder sich auf der Bühne, in den sozialen Medien oder der Literatur nicht schicken. Nicht, weil wir zu den angepassten, glatten, nichtssagenden Gesichtern von prominenten Schauspielern oder Frauenrollen zurückwollen. Es geht um Diskretion im ursprünglichen Sinn: als eine Kunst und Gabe der weisen Unterscheidung, die das Zuviel und das Zuwenig meidet und das richtige Maß sucht.

Es bedeutet Mut zur überlegten Distanz. Es geht um eine Beobachtung und Darstellung, die es erlaubt, sich von dem eigenen Ego genauso wie von überspitzten politischen Anspielungen fernzuhalten. Die Dinge kühl von außen zu beschreiben, anstatt sich emphatisch von ihnen verleiten zu lassen.

Etwas Diskretion würde mehr Qualität und weniger Shitstorm bedeuten. Berlin müsste dann nicht nur die Stadt der postmodernen Instagram-Narzissten sein, sondern könnte die Oszillation zwischen Ordnung und Chaos wieder für eine mutige, heterogene, offene und experimentierlustige Szene nutzen, die sich nicht in leeren Schablonen erschöpft. Das wäre ein Gewinn für alle.

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