Schönheitstrunkene Melodien. Bobo Stenson in Berlin. Foto: Roland Owsnitzki/Berliner Festspiele
© Roland Owsnitzki/Berliner Festspiele

Berliner Jazzfest 2021 Zähme mich, ich bin ein Steinway

Endlich wieder vor Publikum: Das Berliner Jazzfest beginnt im Pierre Boulez Saal mit Bobo Stenson, Kaja Draksler und Vijay Iyer.

Was ist schon ein Klavier, oder besser: ein Flügel. Ein Monstrum mit Eisenrahmen, Resonanzboden, Stimmstock und Stahlsaiten mit einer Zugkraft von jeweils bis zu 160 Kilogramm, was in der Summe gut und gerne 20 Tonnen ergibt. So äußerlich gelassen, wie es sich gibt, ahnt man nicht unbedingt, welche Kräfte in ihm wirken. Unter den Händen erfahrener Dompteure tut es gerne alles, um sein gewaltiges Innenleben zu verschleiern. Sicher, es kann rasen und brüllen. Es kann aber auch singen und summen, und wenn es sich Operationen am offenen Herzen hingibt, lässt das chirurgische Besteck es zuweilen so zart klirren und scheppern, dass man fast Mitleid bekommt.

Alles drei an einem Abend zum Auftakt des Berliner Jazzfests im Pierre Boulez Saal erleben zu können, kommt nicht oft vor. Der Sänger ist der Schwede Bobo Stenson. Bei ihm drängt sich das Wort vom bescheidenen Riesen auf. In wie vielen traditionellen und weniger traditionellen Konstellationen hat er seine ruhige Stimme nicht schon erklingen lassen und sich doch nie in die Reihe der pianistischen Weltstars vorgekämpft: Seine größte Demütigung war es wohl, dass ihn Mitte der 1970er Jahre im Quartett von Jan Garbarek der genialische, aber kapriziöse Keith Jarrett verdrängte. Mit seinem Trio hat er sich dennoch unbeirrt ein eigenes Universum geschaffen, und der alterslosen Frische seines Spiels merkt man die 77 Jahre, die er mittlerweile zählt, nicht an.

Hochmelodiös, ja schönheitstrunken ist diese Musik, geprägt von einer hohen inneren Beweglichkeit. Ein Motiv von Charles Ives, ein Thema von Sibelius, ein slowakischer Hochzeitstanz, ein von Don Cherry für die westafrikanische Kora geschriebenes Stück – das ist der Stoff, aus dem sie gewebt ist. Im konturierten Ineinanderfließen von Stensons Piano mit Anders Jormins Kontrabass und Jon Fälts Schlagzeug entwickelt sie eine zauberische Dichte, in der jedes Detail Bedeutung gewinnt.

Substanz und Show

Stensons Anschlagskultur und solistische Erfindungsgabe, Jormins Intonationssicherheit in Arco-Flageolettpassagen und Fälts überraschend leise Akzente verbinden sich in größtmöglicher Freiheit. Allein wie Fält, ohne sein Perkussionsarsenal zu berühren, mit dem Besen durch die Luft peitscht, theatralische Fintenschläge inszeniert, hinter sich eine Klangschale erwischt, deren Glockenton er mit der Ferse sofort wieder austritt, oder in einer kleinen Steelpan herumpfuschelt, ist ein Vergnügen, das die Substanz nie an die Show verrät.

Nicht, dass ihm Tyshawn Sorey, der Drummer des Vijay Iyer Trios, vor vier Jahren Artist-in-Residence des Jazzfests, in punkto Differenziertheit unterlegen wäre. Aber am anderen Ende von Bobo Stensons feinziselierter Musik bringt er eine unruhige Glut zum Lodern, die das im Frühjahr erschienene Album bewusst „Uneasy“ nennt. Stoisch in seiner Leibesfülle kantet er Schlag um Schlag heraus: ein Bud Spencer des Schlagzeugs, dem man seine kraftstrotzende Reaktionsschnelligkeit auf Anhieb so nicht zutrauen würde.

Was bei Stenson nach innen gewandt ist, drängt hier mit aller Kraft nach außen. Das Übertransparente verwandelt sich zusammen mit Linda May Han Ohs virtuosem Bass in gemeinschaftliche Energie - und pures Volumen. Als Konzept und Ensembleleistung ist das nicht minder beeindruckend. Würde man allerdings Iyers Soli über seinen klangmächtig aufgeschichteten Blöcken aus dem Ganzen herauslösen, bliebe wohl jede Menge pentatonisches Formelwerk übrig.

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Dazwischen, ungleich spröder und dissonanter, doch nicht minder reizvoll, das frei improvisierende Duo der slowenischen Pianistin Kaja Draksler und der portugiesischen Trompeterin Susana Santos Silva. Klangmusterkundungen, expansiv und auf der Stelle tretend. Fahles und Strahlendes, Mattes und Majestätisches. Sich verschiebende Felder, Mikroereignisse, abrupte Brüche. Nicht auf Entwicklung kommt es hier an, sondern auf die fast kubistische Herangehensweise: 100 Arten, einen Ton von allen Seiten anzusehen.

Draksler, die ihr Instrument nur mechanisch manipulieren kann, hat es da schwerer als Santos Silva, die sich hauchend, atmend, stotternd und winselnd mit dem präparierten Klavier vermählt. Und dann nimmt sie eine Spieluhr, setzt sie versonnen summend in die Eingeweide des Flügels, während Kaja Draksler die hellstmöglichen Töne in der obersten Oktave zu finden versucht: zwei große Kinder, die ihr Glück über das, was sie gerade entdeckt haben, kaum fassen können.

Im Jazzfest-Stream von Arte Concert

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