Pressekonferenz zur "Berliner Erklärung der Vielen", mit u.a. Shermin Langhoff (l.) und Kathrin Röggla (4.v.l.) Foto: Christoph Soeder/dpa
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"Berliner Erklärung der Vielen" Wer einen angreift, greift uns alle an

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Die Kunst bleibt frei: 150 Kultureinrichtungen propagieren die „Erklärung der Vielen“.

Der vielleicht wichtigste Moment dieser Pressekonferenz ist gekommen, als nichts mehr gesagt wird. Shermin Langhoff, Intendantin des Gorki Theaters, nutzt die verbliebene Minute ihrer Redezeit, um zum gemeinsamen Schweigen aufzurufen, im Gedenken. Schließlich jährt sich an diesem 9. November die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Und das Max Liebermann Haus am Brandenburger Tor, wo der Verbund „Die Vielen“ sich selbst, sein Absichten und seine „Berliner Erklärung“ präsentiert, trägt den Namen eines Künstlers, der ebenso wie seine Frau Martha von den Nazis in den Tod getrieben wurde. Max Liebermann war es ja, der angesichts der Nazi-Fackelzüge den Satz prägte: „Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte“, woran Kai Uwe Peter, der Vorstand der Stiftung Brandenburger Tor, in seiner eröffnenden Rede erinnert.

Das alles ist von großer Bedeutung für heute, denn „Die Vielen“ – denen sich in Berlin derzeit 150 Kunst- und Kulturinstitutionen sowie Verbände angeschlossen haben – richten sich gegen ein rechtes Erstarken, das eben nicht nur die Gegenwart angreift. Sondern auch die Deutungshoheit über die Vergangenheit erobern will. Wozu bekanntlich Versuche gehören, Kunst und Kultur zu instrumentalisieren und zu re-nationalisieren, in die Spielpläne und die Gestaltungsfreiheit einzugreifen, gegen alles Unliebsame zu polemisieren. Dem setzten „Die Vielen“ – nicht nur in Berlin, sondern auch in Nordrhein-Westfalen, Dresden, Hamburg und weiteren Städten – ein Zeichen entgegen: „Solidarität statt Privilegien. Es geht um Alle. Die Kunst bleibt frei!“, lautet das Motto der „Berliner Erklärung“.

Berndt Schmidt vom Friedrichstadtpalast erlebte 2017 einen Shitstorm

„Wer einen von uns herausgreift“, so formuliert es Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadtpalastes, „hat künftig 150 an der Backe“. Schmidt sah sich ja im vergangenen Jahr einem Shitstorm ausgesetzt, nachdem er AfD-Sympathisanten zu unerwünschten Personen in seinem Haus erklärt hatte (was er kurz darauf zurücknahm). In der Folge musste unter anderem eine volle Samstagabend-Vorstellung wegen einer Bombendrohung abgesagt werden.

„Die Bedrängung von rechts nimmt dramatisch zu“, beschwört auch Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Und kritisiert im Zusammenhang mit den jüngsten Querelen um den abgesagten Auftritt der Band „Feine Sahne Fischfilet“ am Bauhaus Dessau, die dortige Politik habe das Gefühl entstehen lassen, „dass der Staat diese Kultureinrichtung nicht mehr schützen kann“.

Strategien für den Umgang mit Rechten und ihren Störaktionen (die ja an mehreren Berliner Theatern schon stattgefunden haben) braucht es jedenfalls dringend. Und zwar gemeinsame. „Solidarität“, betont auch Annemie Vanackere, Intendantin des HAU, „ist so viel wichtiger als ewige profilneurotische Konkurrenz der Institutionen“. Wie wahr. Freilich zielen „Die Vielen“ nicht nur auf Kulturschaffende. Ihr Aushängeschild – eine goldglitzernde Rettungsdecke mit Logo-Aufdruck – steht für den Schulterschluss mit Menschen, „die durch eine rechtsextreme Politik immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden“, so die Berliner Erklärung. Gerade auch dort, wo es schon gar keine Theater oder andere Kultureinrichtungen mehr gibt.

„Die Vielen“ wollen bundesweit Netzwerke stiften, die selbst aktiv werden. Einzelpersonen können die Kampagne auf www.dievielen.de unterstützen. Geplant sind in den kommenden Monaten auch Aktionen, Diskussionen und Demonstrationen – welche genau, wird momentan noch verhandelt. In jedem Fall sollen die Veranstaltungen über das Tagesprogramm der Institutionen hinausweisen. Und helfen, den Rechten und ihren Parolen eben nicht das Megafon zu überlassen. Kathrin Röggla, Vizepräsidentin der Akademie der Künste, zitiert dazu das mahnende chinesische Sprichwort: „Ein Baum, der umfällt, macht mehr Geräusch als tausend, die wachsen“.

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