Carole Lombard mit John Barrymore in "Twentieth Century". Foto: Österreichisches Filmmuseum
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Berlinale-Retrospektive "No Angels" Das Patriarchat ins Wanken bringen

Als „No Angels“ brachen sie mit den Geschlechterklischees von Hollywood: Die Retrospektive der Berlinale feiert Mae West, Rosalind Russell und Carole Lombard.

Um auf Kommando überzeugend schlecht spielen zu können, muss eine Darstellerin schon verdammt gut sein. So wie Carole Lombard, die in der Komödie „Twentieth Century“ (1934) alle Register des Overactings zieht. Am Anfang steht sie bei Proben auf der Bühne eines Broadway-Theaters und vermasselt jede Szene. Talent ist bei Mildred, bis dato Unterwäsche-Model, nicht zu erkennen. Nicht einmal richtig schreien kann sie.

Als in einem Suspense-Moment ein Schuss fällt, kommt nur ein schriller Laut von ihren Lippen. „Das war ein Quieken!“, schimpft der von John Barrymore gespielte Theaterprinzipal. Dann platzt ihm der Kragen, er sticht ihr mit einer Krawattennadel ins Gesäß. Mildred schreit markerschütternd. Die Premiere wird ein rauschender Erfolg, und die nun wie ein Kronjuwel in einem Etui verwahrte Nadel begleitet ihren weiteren Aufstieg.

Trennung nach dem Triumph

Interessant ist der von Howard Hawks inszenierte Klassiker, weil er gleichzeitig die patriarchalen Verhältnisse ins Wanken bringt. Nach triumphalen Jahren, in denen sie auch seine Geliebte wird, trennt sich Mildred vom Impresario, weil sie seine Eifersucht nicht länger erträgt. Dabei glaubt er, sie entdeckt, ja geradezu erschaffen zu haben. Als sie einander im „Twentieth Century“, einem luxuriösen Expresszug, wiederbegegnen, ist sie ein Filmstar und er bankrott. Nur wenn er sie als Zugpferd fürs nächste Stück gewinnt, kann er als Unternehmer weitermachen. Lombard gibt eine herrlich zickige Hollywooddiva, sie hat nun die Macht und lässt es ihren Ex spüren. Die Ping-Pong- Dialoge rasen so hochtourig wie der Zug.

Carole Lombard, 1908 geboren, bildet zusammen mit Rosalind Russell (Jahrgang 1907) und der eine halbe Generation älteren Mae West (Jahrgang 1893) das Triumvirat, das die Berlinale-Retrospektive unter dem Titel „No Angels“ feiert. Drei Stars, die auf der Leinwand nicht länger Engel sein wollten und in ihren Filmen mit den herrschenden Geschlechterrollen brachen. Ideales Medium für die zumindest zeitweilige Aufhebung der alten Ordnung war die Screwball-Comedy. Die Deutsche Kinemathek hat unter Leitung von Rainer Rother 27 Filme aus den Jahren 1932 bis 1943 zusammengestellt, der Goldenen Ära des Genres.

Die für ihre Eleganz gelobte Carole Lombard kämpfte augenrollend grimassierend gegen ihr Image an. Wenn sie sekundenschnell Gefühlszustände wechselt, ist das „zugleich großartiges Handwerk und intelligenter Kommentar dazu“, schreibt Rother im Begleitbuch zur Retro (Edition Text und Kritik, 163 Seiten, 15 €). Ihre Großstadtkomödien zeigen oft die brutale Realität der Jahre nach der Weltwirtschaftskrise. Etwa, wenn sie im Eröffnungsfilm „My Man Godfrey“ (1936) als verzogene Millionärsgöre einen Obdachlosen in einer New Yorker Müllkippen-Siedlung aufgabelt und zum Butler macht. Lombard engagierte sich politisch, unterstützte Präsident Roosevelt. Sie starb 1942 während einer Werbetour für Kriegsanleihen bei einem Flugzeugabsturz. Kurz danach kam ihr letzter Film in die Kinos, Ernst Lubitschs Anti-Nazi-Komödie „To Be or Not to Be“.

Berühmt und berüchtigt

Keine andere wiederum rebellierte radikaler als Mae West gegen die Konventionen. Sie konnte es sich leisten, weil sie bereits als Broadway-Autorin berühmt und für ihre Sottisen berüchtigt war, bevor sie 1932 mit „Night After Night“ auf der Leinwand debütierte. „Mae West in ...“, so beginnen die Vorspänne ihrer Filme; ihre Rollen und Dialoge schrieb sie selbst. Den Typus des selbstbewussten, sexuell offensiven Vamps formte sie zu einer eigenen Kunstfigur. In der Showbizz-Groteske „Go West, Young Man“ (1936) wird sie bei einer Premiere als „amtierende Königin des Kinos“ vorgestellt.

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In dem Film bleibt ihre Luxuslimousine auf dem Rückweg nach Hollywood im Mittleren Westen liegen. Mavis, so ihr Rollenname, ist beeindruckt von Randolph Scotts Muskeln, der als Mechaniker das Wagenrad wechselt. Außerdem konstruiert er Maschinen, und wenn die Diva sich von ihm die „vibrierende, rotierende Technik“ erklären lässt, ist die sexuelle Konnotation beabsichtigt. Bevor Mavis mitsamt Entourage nach Kalifornien aufbricht, spuckt sie noch einige One-Liner wie Kirschkerne aus: „Du hast sehr schönes Haar – für einen Mann“.

Immer richten sich alle Augen auf Mae West, immer stehen die Männer für sie Schlange. In „I’m No Angel“ (1933) – dem Namensgeber der Retro –, bringt sie es bis zur Löwenbändigerin im Zirkus. In Wirklichkeit sind es aber die Verehrer, die sie dressiert. Legendär blieb die biestige Darstellerin auch nach ihrer Kinolaufbahn. Dalí schuf ein Sofa nach ihren Lippen, noch Madonna diente sie als role model.

Rosalind Russell, lange festgelegt aufs Klischee des patenten Girls, hatte man das komische Fach zunächst nicht zugetraut. Ihre Rolle als intrigantes Klatschmaul in George Cukors Klassiker „The Women“ (1939) hat sie sich regelrecht bei den Produzenten erstritten. Der Film war ausschließlich mit Frauen besetzt, angeblich waren auch alle mitwirkenden Tiere weiblich. Rasend schnell sprechen und artistisch agieren zu können – diese Disziplinen, auf die es im Kuddelmuddel der Screwball-Comedies ankam, beherrschte Russell wie kaum eine andere.

Keine Liebe, bloß Business

Energie geht schon von ihr aus, wenn sie in „Hired Wife“ (1940) als Chefsekretärin eines Zement-Moguls eilig ein Großraumbüro durchquert oder in „His Girl Friday“ (1940) als Starreporterin durch einen Newsroom pflügt. Oft spielt sie moderne Großstädterinnen, ist Richterin oder Geschäftsfrau. In „Hired Wife“ kann ihr Chef (Brian Aherne) sein Vermögen nur retten, wenn er es auf eine Gattin überschreibt. Russell lässt sich auf die Hauruck-Ehe ein, sagt aber: „Es ist keine Liebe, sondern strictly business“. Was natürlich nicht stimmt. Genauso wenig wie in „His Girl Friday“, wo sie sich mit Cary Grant als ihrem Ex-Ehemann in Hochgeschwindigkeits-Dialogen kabbelt, um doch wieder mit ihm zusammenzukommen. Trotz aller Regelbrüche blieb das Happyend in einer Hollywoodkomödie obligatorisch.

Als die Soldaten aus dem Krieg nach Hause kamen, kehrte auch das Patriarchat zurück. Männer waren im Kino wieder unangefochtene Helden, die Anti-Engel hatten ausgedient.

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