Der Dokumentarfilm "In Bewegung bleiben" erzählt von privilegierten und schikanierten Tänzerinnen und Tänzern in der DDR. Foto: Salar Ghazi
© Salar Ghazi

Berlinale-Glosse (2) Die Legende vom Tänzer und der Tänzerin

"In Bewegung bleiben": So heißt die Berlinale-Doku, deren Titel sich unser Kolumnist zu Herzen nimmt. Erst recht nach dem Treffen mit Regisseur Salar Ghazi.

Ich kann nicht singen. Deshalb bin ich zum Fußball gegangen. Dann wurde der Libero abgeschafft. Ich kann auch nicht tanzen, zumindest nicht in Formationen. In unserem Lindy-Hop-Kurs tat mir meine damalige Freundin leid, besonders ihre Füße. Vielleicht war sie auch zu ungeduldig.

Klaus wollte Boxer werden. Er konnte auch gut reiten. Er landete als Balletttänzer an der Komischen Oper. Da lernte er Birgit kennen, die junge Choreografin der Männer-Compagnie. „Ich bin bald bei ihr eingezogen“, erzählt Klaus, „einen kleinen Sohn hatte sie auch.“ Am Ende erleben sie ein Drama, das nur die Liebe kennt. Und Berlin.

Klaus und Birgit erzählen in Schwarz-Weiß aus ihrem bunten Leben. Mehr als zwei Stunden dauert der Dokumentarfilm „In Bewegung bleiben“, der in der Reihe "Perspektive Deutsches Kino" im Rahmen der Sommer-Berlinale eine neue Farbe der DDR-Erzählung zeigt. Grazil und gedrillt, gefördert und bewacht, privilegiert und oft einsam: Die Vortänzerinnen und Vortänzer des Sozialismus durften ins Ausland reisen, auch ins ferne Deutschland nebenan. Manchmal kamen sie nicht zurück. Wie Birgit.

Salar Ghazi kommt vor lauter Reden gar nicht dazu, seinen Orangensaft zu trinken. Der 56-Jährige sitzt auf dem Bürgersteig vor seiner Wohnung in Prenzlauer Berg. Ein Autodidakt, Weltenbummler im Kopf, die Eltern Diplomaten in Kreuzberg, der kurdische Vater bei den Jubelpersern des Schahs aktiv. Aus Ghazis Mund fallen farbenfrohe Geschichten. „Die DDR war wie die lieben Eltern. Wenn man nicht gespurt hat, gab’s Dresche“, glaubt Ghazi.

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Birgit lernte er im Westen kennen, half ihr Briefe an Klaus zu schicken. Der wartete im Osten – mit ihrem Sohn: So lange war Mama noch nie auf Tournee. Ghazi denkt: Irgendwann muss man daraus einen Film machen. 2007 legt er los.

Er hat die Geschichte ganz allein gedreht, seine Lebensgefährtin half ihm, eine Krankenpflegerin, und eine frühere Kollegin, jetzt Lehrerin für Flüchtlinge. Salar Ghazi drehte 130 Stunden Interviews, dann Transkription, später Schnitt, Glättung, Nachschärfen.

Regisseur Salar Ghazi, Autodidakt und Weltenbummler im Kopf. Foto: Salar Ghazi Vergrößern
Regisseur Salar Ghazi, Autodidakt und Weltenbummler im Kopf. © Salar Ghazi

Filmförderung gab’s keine. Und damit keine Verleihförderung. Wie soll der Film nach der Berlinale in die Kinos kommen? „Keine Ahnung“, sagt Ghazi. „Ich find schon einen Weg.“ Um sein Leben zu finanzieren, arbeitet er beim RBB als Cutter. „Ich schneide den Sack Reis, der in Reinickendorf umfällt.“ Er lacht laut auf. Auf die Idee, den Film auszustrahlen, kam der RBB bisher nicht. Für die zweite Berlinale-Vorstellung muss sich Ghazi noch selbst eine Karte besorgen. Gesehen hat ihn außer ein paar Freunden und Menschen aus der Filmbranche niemand. Dabei lohnt er sich – wegen seiner farbigen Grautöne.

Die Stasi trägt Klaus auf, Birgit zurückzuholen. Aber Birgit hat sich drüben in einen anderen Tänzer verliebt, auch er ist in den Westen abgehauen. Der Staat droht Klaus, Birgits Sohn zur Adoption freizugeben. Bei ihm wohnt auch noch Mario, der in den Westen geflohen war, aber in den Osten zurückgekehrt ist. Wie kriegt man das alles zusammen? Nur durch einen Anruf: Ey, macht mal den Fernseher an. Die Mauer is uff!

Niemand muss singen können. Niemand muss tanzen können. Boxen, Fußball spielen, Filme drehen – egal. Nur Geschichten sollte man mögen. Und erzählen können. Denn nichts im Leben ist schwarz-weiß.
Die bisherigen Berlinale-Glossen von Robert Ide finden Sie hier.

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