Ungewohnte Berlinale-Perspektiven im Freiluftkino Kreuzberg. Festival und Publikum entdecken die Stadt neu. Foto: Stefanie Loos/AFP
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Berlinale Glosse (12) Verliebt in Berlin

Wer hat an der Uhr gedreht? Unser Autor kann es gar nicht glauben, dass die Berlinale schon wieder vorbei ist. Nur den Festivalstühlen trauert er nicht nach.

Wie jetzt, schon Schluss? So hätte es immer weitergehen können. Ein Film aus Filmen liegt sanft auf der Haut der Stadt. Berlinale, ein Sommernachtstraum.
Am Ende hab ich mir noch den kürzesten Film angeguckt. Er ging eine Minute.

Die Handlung ist schnell erzählt: Die Leinwand ist schwarz, man hört eine Spieluhr, die Melodie fließt wie ein klingelnder Singsang ins Ohr, über dem kleinen Kino bricht die Nacht herein, Schattenfiguren sind zu sehen, sie sind weiß, sehen aus wie ausgeschnittene Vögel, die von oben nach unten flattern, mal schräg von rechts oben nach links unten, mal im Bogen wie eine kleine Schnuppe am Sternenhimmel über Berlin.

Dazu der Singsang vorn und hinten, das Knattern des 16-Millimeter-Xenon-Projektors mit der kurzen Filmrolle. Erstaunlich, wie lange sich ein Film an sich selbst festhalten kann hier im versteckten Gemeinschaftsgarten-Kunstprojekt im Wedding – ein Arbeiterkiez im Übergang, der nicht kommt, sondern längst da ist, und jetzt ist auch die Berlinale angekommen, hat den roten Teppich ausgerollt im einst roten Bezirk.

Weil es hier im Silent Green still sein soll, tragen die 35 zugelassenen Zuschauerinnen und Zuschauer Kopfhörer, wir dürfen am Schluss auch nicht applaudieren, aber noch läuft er ja sowieso, der kürzeste Film des Festivals, die Spieluhr wird langsamer, die weißen Schattenvögel flattern in den Schlaf, eine sanfte Stimme sagt, dass es nichts zu erinnern gibt, wenn sich niemand erinnert, und vielleicht deshalb schreibe ich alles hier auf: damit auch diese Sommernacht nicht vergeht. Und Ende.

Das Festival endet mit der schönsten Szene

So, das war eine Minute Lesezeit. Wie geht’s jetzt weiter? Auf jeden Fall muss die Berlinale im Sommer weitergehen. Ein Nacht für Nacht wiederkehrender Traum vom Verträumtsein, eine Spieluhr der Leichtigkeit.

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Aber räumt vorher die harten Plastikstühle raus! Sie gehen einem echt nicht am Arsch vorbei. In der Vorstellung auf der Museumsinsel haut es einen Mann vor mir glatt vom Stuhl. Der Event-Plastik-Sitz „Europa“ bricht in sich zusammen. Ich bin neidisch auf den Mann, er darf jetzt stehen. Auf der Rückfahrt will ich mich nicht mal mehr auf meinen Fahradsattel setzen.

Letzte Szene, die beste: Ein Mann und eine Frau laufen sich über ihre Wege, ein Buch fällt zu Boden, sie schauen sich in ihre vier Augen für einen Moment der Magie, verabreden sich und werden jemand anderes, jeder für sich und vielleicht deshalb nie mehr allein. Der verträumteste Film der Berlinale trägt Poesie durch seine Bilder und Lieder – und in seinem Titel: Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? Vielleicht ja uns selbst. Ich hab Berlin gesehen, in sich verliebt wie lange nicht. Nicht auf der Leinwand, sondern davor. In uns. Berlinale, mach jetzt bloß nicht Schluss mit mir.

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