Vater der Revolution. Seu Jorge als Carlos Marighella nach dem Militärputsch in Brasilien. Foto: O2 Filmes
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Berlinale-Film über brasilianischen Rebellen Carlos Marighella - der gute Terrorist

Außer Konkurrenz im Wettbewerb: Der Schauspieler Wagner Moura erzählt in seinem Regiedebüt „Marighella“ vom Leben des brasilianischen Rebellen.

Der revolutionäre Kampf hat in den letzten Jahren als Konzept ziemlich gelitten. Nicht nur, dass das Sowjetreich kollabiert ist, der Kommunismus hatte allem Revolutionären zuvor schon den Garaus gemacht. Immer kleiner wurden die Inseln des Widerstands. Kuba, Vietnam. Zuletzt einzelne Länder der arabischen Welt. Immer mit demselben Ergebnis: Das System ist stärker.

Nur in Lateinamerika und – nach der Wahl des Rechtspopulisten Jair Bolsonaro zum Präsidenten – insbesondere in Brasilien scheint der naive Glaube an die Richtigkeit des bewaffneten Kampfes ungebrochen. In dem Land stand immer schon ein Name dafür: Carlos Marighella, intellektueller Vordenker des Konzepts der „Stadt-Guerilla“. Nach Ché Guevaras Tod in Bolivien 1967 geht er in den Untergrund, um nun praktisch die große Idee des antiimperialistischen Kampfes so weit zu zersplittern, dass sie sich von der Partei lösen und von unabhängig agierenden Gruppen durch Terroranschläge, Banküberfälle und Entführungen populär gemacht werden kann. Das Problem dabei war dasselbe wie bei all den gescheiterten Versuchen in anderen Ländern: Niemand unterstützte sie.

Am Ende ist Marighella vollkommen allein

Das weiß der brasilianische Schauspieler und Regisseur Wagner Moura natürlich. Sein Held ist eine tragische Figur. Mag er noch so überzeugend in seinem Unrechtsbewusstsein auftreten, und die sich 1964 an die Macht geputschte Militärjunta gibt ihm genügend gute Gründe an die Hand, es führt kein Weg von Gewalt zum Wohlwollen der Massen. Es sei denn, man ist tot und wird zur Legende. Genau diese Mythisierung hat „Marighella“ vor. Moura will an einen Patrioten erinnern, der von Jean-Paul Sartre verehrt, 1969 in einen Hinterhalt in Sao Paulo gelockt und hingerichtet wurde.

Zu diesem Zeitpunkt war Marighella 58, also viel älter als die Studenten, die sein „Minihandbuch des Stadtguerilleros“ auch in Deutschland als Bestätigung ihrer eigenen Radikalisierung lasen. Doch für Moura hat dieser Mann kein Alter. Der Musiker Seu Jorge spielt ihn als sanft entschlossenen, humorvollen Anführer, der seine Gefolgsleute vor allem Kraft seiner einnehmenden Persönlichkeit in einen aussichtslosen Kampf schickt. Aber kaum ein Mitstreiter entgeht dem Schicksal des Verrats, das in der Folter auf sie wartet. So bleibt Marighellas Gruppe weitgehend isoliert, während sie sukzessive dezimiert wird. Am Ende ist Marighella vollkommen allein. Ein schwarzer Jesus der Dritten Welt, von seinem Jünger, einem Priester, ans Messer geliefert.

Lassen sich revolutionäre Impulse nicht mehr anders als sentimental begründen? Nicht nur, dass der Film politischen Terror aus dem Gefühl der Ohnmacht legitimieren will, er lässt seine Protagonisten sich ständig innig umarmen. Alle sind immerfort furchtbar gerührt, während sie im nächsten Moment ihre Waffen zücken und sich wilde Schießereien mit ihren Verfolgern von der Staatspolizei liefern. Das ist revolutionärer Kitsch.

Als wäre John Travolta eigentlich Brasilianer

Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Bild des noblen Außenseiters verstärkt Moura dadurch, dass sein Hauptdarsteller der einzige Schwarze im Cast ist, und das obwohl Carlos Marighella mit seinen indianischen und afrikanischen Wurzeln – seine Vorfahren waren unter anderem Sklaven aus dem Sudan – sich gerade nicht durch seine Hautfarbe von seinen Landsleuten unterschied. Er war ein Mischling wie 38 Prozent der Brasilianer. Ihn als Schwarzen zu zeigen, und mit einem Satz zur Zielscheibe zu machen wie, „einen Schwarzen töten heißt einen Roten töten“, führt aus dem politischen Konflikt hinaus und macht ihn zu einem rassistischen. Und zwar so, dass jeder ihn als solchen versteht.

Falls Moura je Zweifel gekommen sein sollten, ob sich sein Held für eine moderne Widerstandsparabel eignet, so hat er sie jedenfalls nicht beachtet. Was als traurige Geschichte über die fatale Eigendynamik der Gewalt angelegt ist, wird bald zu einem Rache-Drama zwischen Marighella und seinem Jäger, Kommissar Lúcio. Bruno Gagliasso spielt den Geheimpolizisten angemessen gnadenlos, als wäre John Travolta eigentlich Brasilianer. Aber nicht mal seine Brutalität rechtfertigt die Pointe, dass der Mythos Marighella ein Versprechen ist.

16.2., 9.30 Uhr (HdBF), 12 und 19 Uhr (Friedrichstadtpalast)

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