Nie ausreichend deutsche Filme im Wettbewerb

Guter Dinge. Festival-Chef Dieter Kosslick bei der diesjährigen Pressekonferenz. Foto: DAVIDS/Sven Darmer/dpa
Berlinale-Chef Dieter Kosslick „Ohne Publikum gäbe es uns nicht“

Ein Blick aufs Programm: Welche Themen ziehen sich durchs Festival?

Zivilcourage, die braucht man offenbar, heute wie früher. „Das schweigende Klassenzimmer“ erzählt von einer DDR-Schulklasse, die wegen einer solidarischen Schweigeminute nach dem Ungarn-Aufstand 1956 komplett relegiert wurde. In „Dovlatov“ geht es um Schriftsteller im rigiden Sowjetregime der 70er Jahre. Malgorzata Szumowska ist so mutig, sich in „Twarz“ wieder die katholische Kirche in Polen vorzunehmen. Religion und Zugehörigkeit zu ungewöhnlichen Familienkonstellationen tauchen immer wieder auf. Von Cédric Kahns „La Prière“ über einen Drogensüchtigen, der im Gebet Heilung sucht, bis zu „Figlia mia“ aus Italien, mit Alba Rohrwacher und Valeria Golino. Einer meiner Lieblingsfilme ist „Unga Astrid“ im Berlinale Special, mit Alba August als Astrid Lindgren. Man begreift die Tragik ihres Lebens - und warum alle Kinder Lindgren lieben.

Vier deutsche Filme im Wettbewerb, ein deutscher Jury-Präsident, bisschen viel deutsch

Entweder es sind zu viele oder zu wenige deutsche Filme im Wettbewerb - ich freue mich über alle vier. Christian Petzold verhandelt in „Transit“ das Gegenwartsthema, Flucht und Migration, und schafft es, Anna Seghers' Roman von 1944 ins moderne Marseille zu verpflanzen. In Emily Atefs „3 Tage in Quiberon“ brilliert Marie Bäumer als deutsche Filmikone Romy Schneider. In „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ nähert sich Philipp Gröning mit Heidegger'scher Wucht dem Thema Zeit. Und Thomas Stubers „In den Gängen“ ist ein Film über die Liebe bei der Arbeit und die Arbeit an der Liebe, angesiedelt in einem Großmarkt auf dem Land. Voll magischem Realismus.

Und Tom Tykwer?

Wir kennen uns seit seinem allerersten Film, den wir damals bei der NRW-Filmstiftung unterstützt haben. Mein erstes Festival 2002 wurde mit Tykwers „Heaven“ eröffnet, ich wünschte ihn mir schon lange als Jury-Präsidenten. Aber er konnte nie. Jetzt hat es endlich geklappt, er sagte zu, längst bevor wir mit der Filmauswahl angefangen hatten.

Sie zeigen mit „Isle of Dogs“ erstmals einen Animationsfilm zur Eröffnung.

Es ist alles andere als ein klassischer Animationsfilm, ein echter Wes Anderson, sehr verblüffend. Ich bin froh, dass er auf der Berlinale läuft. Alle waren da hinterher. Und, kleine Vorschau auf die Eröffnungsrede: Wir sind im chinesischen Jahr des Hundes.

Noch mal zurück zur Zukunft: Wie geht es weiter hier am Potsdamer Platz?

Der Mietvertrag für die Büros und die Kinos ist bis 2022 verlängert, im Sommer zieht das Festivalteam ins Glashochhaus am Potsdamer Platz, endlich unter einem Dach vereint. Nächstes Jahr stehe ich zum letzten Mal am roten Teppich. 2020 feiert die Berlinale ihren 70. Wer dann am roten Teppich steht, das will Kulturstaatsministerin Monika Grütters in diesem Sommer bekannt geben. Wir sind alle gespannt.

Und wenn Grütters Sie fragt, ob Sie ein künftiges Filmhaus mit aufbauen wollen?

Gute Idee. Aber ich hör erst mal auf, bevor ich weitermache.

Das Gespräch führten Andreas Busche und Christiane Peitz.

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