Monotone Arbeit in der Jeansfabrik. Szene aus "Waiting for the Carnival" Foto: Carnaval Filmes / Berlinale
© Carnaval Filmes / Berlinale

Berlinale-Beiträge aus Brasilien Filme aus einem zerrissenen Land

Evangelikale, Cowboys, ein ultrarechter Präsident: Filme aus Brasilien im Forum und Panorama spiegeln die Stimmung im Land.

Sechs Sektionen, ein Dutzend Filme: Beiträge mit brasilianischer Beteiligung prägen diese Berlinale. Kein Wunder angesichts des ultrarechten neuen Präsidenten Jair Bolsonaro. Obwohl dessen Wahl erst dreieinhalb Monate zurückliegt, reichen die Wurzeln des Rechtsrucks weit tiefer, wie auch die Festivalbeiträge nahelegen. Wie ein Mosaik ergeben sie das Bild einer gespaltenen Nation. So gehört die Verfassung Brasiliens zu den fortschrittlichsten der Welt; die gleichgeschlechtliche Ehe ist darin schon seit sechs Jahren festgeschrieben. Gleichzeitig erlebt Brasilien seit Bolsonaros Wahlsieg eine Welle der Gewalt gegen queere Menschen.

In „Greta“ von Armando Praça (Panorama) schmuggelt der Krankenpfleger und Greta-Garbo-Fan Pedro einen verletzten Verbrecher aus dem Krankenhaus, um ihn daheim zu versorgen. Der 70-Jährige und der deutlich jüngere Patient kommen sich körperlich näher, die Kamera bleibt ganz nah bei der Hauptfigur, die der brasilianische Star Marco Nanini mit stiller Präsenz verkörpert: eine physische Anziehung zwischen den Männern ohne jede Scham.

Riss zwischen Liberalen und Konservativen, Stadt und Land

Trotzdem: Ein Großteil der Brasilianer lehnt solche liberalen Tendenzen entschieden ab. Dazu gehören die evangelikalen Kirchen, die seit Jahren an Einfluss gewinnen und maßgeblichen Anteil daran hatten, dem gottesfürchtigen Bolsonaro ins Amt zu verhelfen. Mit „Divino Amor“ ist nun eine bittere Satire im Panorama zu sehen, die sich um eine evangelikale Sekte dreht. Joana (Dira Paers) kümmert sich im Brasilien des Jahres 2027 in einer Behörde um Scheidungsfälle. Doch da sie gleichzeitig Mitglied der Sekte Divino Amor ist, nutzt sie ihre Position, um die Klienten wieder auf den Pfad der Liebe zu bringen.

Das ist weniger hochtrabend als ganz körperlich gemeint: Sie und ihr Mann (Julio Machado) haben rituellen Sex mit den Scheidungswilligen und wollen so erloschenes Verlangen in den Paaren wieder wecken. Gleichzeitig hadern beide damit, dass ihrem eigenen Liebesleben kein Nachwuchs entspringen will. Regisseur Gabriel Mascaro entwirft eine Welt, in der alles auf Fortpflanzung zugeschnitten ist. Ständig laufen Menschen durch Detektoren, die jedoch nicht auf Metall scannen, sondern auf Schwangerschaft. Dabei wohnt der Zukunft von „Divino Amor“ etwas charmant Altmodisches inne. Die Farben leuchten schwül wie in einem 80er-Aerobic-Video, dazu diffuses Licht, eine kaum bewegte Kamera. Leider entscheidet sich Mascaro schließlich für eine gleichnishafte Wendung, die dem Film den entscheidenden Biss raubt.

Lieber Tonne reiten als in die Tonne treten. Carlos Dalmir in "Querencia". Foto: S. Maniscalco Vergrößern
Lieber Tonne reiten als in die Tonne treten. Carlos Dalmir in "Querencia". © S. Maniscalco

Durch Brasilien zieht sich aber nicht nur ein Riss zwischen Liberalen und Wertkonservativen. Auch Stadt und Land haben sich stark entfremdet. „Querência“ (Forum) fängt die Verbitterung auf dem Land in den Weitwinkelaufnahmen eines Western ein. Malerisch heben sich die Silhouetten der Farmer vom glühenden Abendhimmel ab, doch Regisseur Helvécio Marins Jr. hat keinen betont kunstvollen, sondern einen beinahe dokumentarischen Spielfilm gedreht. Er lässt sich Zeit für die kleinen Episoden, die viel über das Wesen der Figuren erzählen, besonders über das Trauma von Marcelo di Souza, der tatsächlich so heißt. 100 Kühe sind dem Cowboy gestohlen worden, doch sein Job als Zeremonienmeister beim Rodeo gibt ihm Halt, in der Arena blüht er auf, rappt mit leuchtenden Augen Verse, die Korruption anprangern. „Querência“ spielt 2016, als die linke Präsidentin Dilma Rousseff unter fragwürdigen Umständen ihres Amtes enthoben wurde. Mit dem Frust der Landbevölkerung scheint der Nährboden bereitet für den Siegeszug eines radikalen Populisten.

Leben in einer unendlichen Monotonie

Die Protagonisten der Panorama-Doku „Waiting for the Carnival“ hingegen beschweren sich nicht, machen einfach weiter, Tag für Tag. Sie leben in Toritama, der Hosen-Hauptstadt Brasiliens. Mit gerade mal 40 000 Einwohnern deckt die Gemeinde im Bundesstaat Pernambuco 20 Prozent der nationalen Jeansproduktion ab. Regisseur Marcelo Gomes besucht Arbeiter, die sich selbstständig gemacht haben und nun in kleinen Garagen vor sich hinschneidern. Man erlebt ihren Stolz, gewinnt aber auch einen Eindruck ihrer prekären Situation. Sie genießen keinerlei Rechte und Sicherheiten, leben in einer unendlichen Monotonie, die nur durch den Karneval unterbrochen wird. Gomes zeigt diesen Alltag mit dem Mut, sich über filmische Konventionen hinwegzusetzen. Einmal blendet der Regisseur den Sound der Nähmaschine aus, weil er ihm auf die Nerven geht, wie er auf der Tonspur erklärt. Als ihn die ewig gleiche Bewegung der Arbeiterin immer noch anstrengt, packt er einfach Musik von Bach darunter.

Verrückterweise beteuern die vielen Akteure immer wieder, wie zufrieden sie seien. Bei der Präsidentenwahl haben die Menschen vom Bundesstaat Pernambuco mit großer Mehrheit für den Kandidaten der linken Arbeiterpartei gestimmt – und gegen Bolsonaro.

Zur Startseite