Geschaffen aus Werbesprospekten. Lindy Annis inmitten ihrer Installation „The Swarm“. Den Winzlingen stehen übermannshohe Papierfiguren gegenüber. Foto: Sven Darmer/Davids
© Sven Darmer/Davids

Berlin Art Week Die Körperknüllerin

Als Performance-Künstlerin ist Lindy Annis eine feste Größe in Berlin. Nun macht sie Skulpturen und untersucht durch ihre Gesten das Körpergedächtnis.

Ein Luftzug reicht. Schon bewegen sich die an Nylonfäden aufgehängten Gestalten. Es sind kleine Menschen, ganz klar. Keiner ähnelt dem anderen. Sie trudeln, sie drehen sich um sich selbst. An der Wand tanzen ihre Schatten. Und der eben noch in Angriffsposition nach oben gereckte Arm einer Kriegerin verwandelt sich in das graziöse Schwungholen einer Ballerina.
„The Swarm“ heißt die federleichte, dynamische Installation aus 118 nur elf Zentimeter großen Figürchen. Wie ein schwärmendes Bienenvolk verteilt sie sich in geschwungenen Linien über zwei Wände der Charlottenburger Galerie Bernet Bertram. Anders als die streng symmetrisch angeordnete Papierfiguren-Arbeit „Simple Souls“, für die Lindy Annis im Sommer den Kunstpreis der Ruhr-Universität Bochum erhalten hat. Eine Auszeichnung, die die 1960 in Boston geborene Künstlerin mit Stolz erfüllt. „Ich mache bildende Kunst noch nicht lange“, sagt sie.
Stimmt. Die 2017 erstmals ausgestellten Papierfiguren, die zur Berliner Art Week jetzt auch übermannshohe Geschwister bekommen haben, sind gewissermaßen ihr skulpturaler Einstand. Es ist der Einstand einer Künstlerin allerdings, die seit 30 Jahren eine feste Größe in der Kulturszene der Stadt ist. Als Wanderin zwischen den Welten Kunst, Musik, Tanz und Theater. Lindy Annis zog 1985 aus New York nach West-Berlin.

Seit den 90er Jahren hat sie rund 50 Performances und theatralische Installationen konzipiert, mit Musikern, Choreografinnen und Künstlern wie Frieder Butzmann, Xavier Le Roy, Antonia Baehr, Lucile Desamory, Hans Peter Kuhn oder Sasha Waltz gearbeitet und diverse Theaterstücke für Kinder geschrieben. Aufgeführt wurden die Arbeiten überall in Berlin: im Rathaus Schöneberg oder dem ZK der SED am Werderschen Markt wie bei der „Paternoster Trilogy“ (1990–92), in der Ateliergemeinschaft Milchhof, wo sie seit 2004 ihr Studio hat, in den Sophiensälen oder dem Hamburger Bahnhof.
Die Vielfalt der Ausdrucksmittel hat Tradition in ihrer Familie. Gerade kommt sie von der Hochzeit ihres Neffen aus Boston zurück. Die Mutter war Tänzerin, zwei Schwestern haben Bildhauerei studiert, sie selbst Experimentaltheater an der New York University. Ihre prägende Erfahrung sei ein Praktikum bei der legendären Wooster Group gewesen, erzählt sie. Doch als Performancekünstlerin in New York zu arbeiten, habe schon Mitte der Achtziger keinen Spaß mehr gemacht.

West-Berlin bietet Freiräume

Die Mauerstadt Berlin jedoch bot ihr, die zuerst nur auf Besuch da ist, jede Menge Freiräume und ein neugieriges, unterstützendes Publikum. „Die Stadt war toll, wirklich besonders.“ Lindy Annis blieb, gründete eine Familie und richtete sich zwischen den Sprachen und Künsten ein. Und heute? „Da gibt es mehr Bürokratie, weniger Flexibilität und Abenteuerbereitschaft. Und doch haben zeitgenössische Künstler es immer noch gut.“

Lindy Annis’ Statur ist zierlich, ihr Lachen offen, die Haltung tadellos, das macht der jahrelange Tanzunterricht. Trotzdem wachsen ihr die als Antipoden konzipierten Figuren „Big White“ und „Big Black“ in der Galerie (Bernet Bertram, Goethestr. 2–3, 13. 9. – 11. 11., Di–Sa 13–18 Uhr, zur Art Week bis 20 Uhr, Eröffnung: 12. 9., 19 Uhr) deutlich über den Kopf. Die tänzerische weiße und die kriegerische schwarze Skulptur sind 2,20 und 2,50 Meter hoch und lassen sich doch mit einer Hand wegtragen.

Genau wie die Winzlinge sind auch die großen Papiergeschöpfe aus einem Blatt gefaltet. Nur misst es im Fall der Riesen drei mal vier Meter. Ein Schöpfungsakt, den Annis jeweils als Video festhält und der das kostengünstige Material Papier urplötzlich mit Wert und Bedeutung auflädt.

Geformt sind sie aus Reklameprospekten

Manchem Menschlein aus „The Swarm“ sieht man noch ihr früheres Leben als Supermarktprospekt an: Bei näherem Hinsehen entpuppt sich der Papierleib als Ex-Werbung für Kirschen, Fleisch oder Cola-Dosen. Wie überhaupt erst beim Herantreten die Individualität der Gestalten sichtbar wird. Auf ihre Erscheinung habe sie beim Knautschen des Papierbogens keinen Einfluss, erzählt Lindy Annis. Die expressiven Posen entstünden allein durch Interaktion von Material und Körper.
Seit 20 Jahren widmet sich die Künstlerin der Erforschung emotionaler Körpergesten, deren Ikonografie schon auf antiken Reliefs ablesbar ist. „The Body Archive“ lautet der Titel dieses Langzeitprojekts, zu dem auch die ausdrucksstarken Papierfiguren gehören. In der westlichen Kultur sei der Körper das Archiv emotionaler Erinnerungen, erläutert Lindy Annis. „Und die Gesten sind deren Ausdruck.“
Ihre Recherchen reichen von den im 18. Jahrhundert in Neapel aufgeführten Tableaux vivants, den „Attitüden“ der Lady Hamilton bis zu den Theorien des Hamburger Kunsthistorikers Aby Warburg. Posen wie das heroische Siegerpathos mit hochgerecktem Arm, die Stirn und Augen bedeckende Hand von Trauernden oder die fliehende Frau mit dem zurückgewandten Blick sind kodiert, dem Körper quasi als Urerinnerung, als universelle Gesten eingebrannt.

Papierabdrücke nimmt sie vom eigenen Körper ab

Ähnlich ist Lindy Annis eigener Körper den Papierfiguren implantiert. Sie sind eine Weiterentwicklung ihrer Performance „Frankenstein – Paper Pieces“, bei der sie sich 2017 mit Mary Shelleys Frankenstein-Roman auseinandersetzte. Wie das aussieht, lässt sich auf ihrer Homepage (lindyannis.net) studieren. Da zeichnet sie den Umriss ihres Körpers ab, knüllt daraus Gestalten, formt in Papier Abdrücke von Gesicht, Schenkeln und Armen und schafft aus diesen Blättern die Abstraktion menschlicher Anatomie.
„Die Papierskulpturen sind die Frucht der Performances“, sagt sie, kaum überrascht, dass zur Fülle ihrer Ausdrucksmittel nun die Skulptur hinzugekommen ist. Die Bronzegießerei Noack hat inzwischen den Abguss einer „Simple Soul“-Figur angefertigt, die damit den vergänglichen Zauber, der dem Papier innewohnt, gegen die Wucht beständigen Erzes eingetauscht hat. Die eigentlich der flüchtigen Performancekunst verpflichtete Künstlerin macht nicht den Anschein, als sei ihre Lust auf skulpturale Experimente damit gestillt. Im Gegenteil. „The sky’s the limit“, sagt Lindy Annis halb scherzend, halb ernst und sieht plötzlich sehr amerikanisch aus. Gunda Bartels

Zur Startseite