Vergangene Pracht. Die Corniche-Promenade in Beirut vor der Explosion. Foto: Lucas Vallecillos/Imago
© Lucas Vallecillos/Imago

Beirut nach der Explosion Wir haben nur noch uns selbst

Rainer Merkel

Diesmal ist es einfach zu viel: Stimmen aus der libanesischen Metropole, die schon vor der Explosion schwer gelitten hat. Ein Gastbeitrag.

Vom Meer aus sah die Stadt immer so ein bisschen aus wie New York. So wie Beirut sein will. Die Skyline aus verglasten Hochhäusern und Luxushotels. Eine komplizierte schwer zu entschlüsselnde Supermetapher, eine verwundete Konstruktion, glitzernde Projektionsfläche.

„Sie ist eine Königin. Aber eine ziemlich schmuddelige“, würde Raouf sagen, der als Journalist auf nichts Rücksicht nimmt. Aber zum Hafen runter und rausfahren? Das würde auch Raouf nie tun. Ihm sind schon die sechs Stockwerke zum „Coup d’etat“, einer Bar in Gemayze, zu viel, von wo der Blick auf den Hafen so schön ist.

Es ist nur ein paar Monate her, dass das halbe Land demonstriert hat

Die nächtlichen Lichter wie eine Chimäre, eine Lichtinstallation. Und gefühlt gibt es den Hafen ja auch gar nicht. Jedenfalls nicht für die Normalsterblichen. Die gehen zur Corniche und denken nicht an den Hafen. An der Corniche dreht man dem Meer den Rücken zu und schaut auf die Stadt und sagt sich: „Ja und das jetzt... Das halten wir auch noch aus.“

Jetzt ist der Hafen weg. In die Luft gesprengt. Es ist kein Anschlag, kein Krieg, keine von Geheimdiensten oder aus dem Ausland ferngezündete Bombe. Zeyna, die in der Presseabteilung der AUB, der Amerikanischen Universität von Beirut arbeitet, sagt: „Diesmal ist es nicht okay. Diesmal ist es einfach zuviel.“ Und Zeyna neigt nicht zu übermäßigen Pathos.

Dabei ist es nur ein paar Monate her, dass das halbe Land auf der Straße war, um gegen seine korrupte Regierung zu demonstrieren. Mit einem Karatetritt setzte eine junge Frau den Bodyguard des Erziehungsministers Arkam Chehaeb außer Gefecht. Und wurde damit zur Ikone der Revolution.

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Der Mann hatte in die Luft geschossen, um den Weg für den Konvoi seines Ministers frei zu schießen. Wer jemals in Beirut die sagenhafte Arroganz und Dreistigkeit der Sicherheitsleute von Politikern erlebt hat, kann nur berauscht sein von einer solchen Tat. Die Libanesen feierten sich selbst.

In diesem Moment waren sie große Poeten und Zauberer an der Sollbruchstelle zwischen den Konflikten und Blöcken, den Ideologien und spirituellen Leerstellen. Sie hielten ihre Telefone hoch, leuchteten in die Nacht hinein.

20 Cent Steuern auf Whatsapp-Anrufe, das war der Auslöser gewesen. Alle waren sie auf der Straße. Christen, Schiiten, Sunniten, Drusen und die 14 anderen Religionsgruppen des Landes. Jetzt braucht Zeyna vier Whatsapp-Nachrichten, um zu konstatieren, dass „wir uns diesmal nicht erholen werden“.

Diesmal gibt es keine Heilung. Ab und zu sitzt sie selbst am Telefon und versucht zu helfen. Das macht sie ehrenamtlich, obwohl ihr Job bei der AUB auch nicht mehr sicher ist. Sie arbeitet nebenbei für „Embrace“, der einzigen Hotline im Libanon, die sich um selbstmordgefährdete Menschen kümmert.

Die Hafengegend von Beirut nach der Explosion. Foto: REUTERS Vergrößern
Die Hafengegend von Beirut nach der Explosion. © REUTERS

Dann die Gerüchte: Das Flugzeug, das man oberhalb der aufsteigenden Wolke sieht, das ist doch viel zu groß für einen Vogel, oder? Und da am linken oberen Bildrand. Kurz vor der zweiten Explosion, was da auf das Lagerhaus 12 herunterrast? Ist das nicht eindeutig eine Rakete? Also doch Israel?

„Bevor wir Selbstmord begehen, kommen noch schnell die Israelis und machen eine Invasion“, würde Raouf sagen. Aber Raouf meldet sich nicht. Hat er sein Telefon ausgeschaltet?

„I don't think we will ever heal from that“, sagt Zeyna am Ende der dritten Nachricht. Sie sagt immer nur „Wir“. Dass ihre Wohnung, die sie gerade neu eingerichtet hat, durch die Druckwelle übel zugerichtet worden ist, darüber verliert sie kein Wort. Wenn sie jetzt überhaupt noch Ersparnisse hat, dann hat die geradezu irrwitzige Abwertung der Lira sie auf ein Minimum zusammenschmelzen lassen.

Denn die Finanzkrise war ja eigentlich die große Katastrophe; die Mittelklasse des Landes hatte schon zu existieren aufgehört. „Ich hab den Hausmeister angeschrien“, entschuldigt sich Zeyna. „Ich hatte so eine Panik. Ich dachte, es wäre nur unser Haus. Irgendeine Gasexplosion. Aber als ich draußen war, sah ich, es war ja die ganze Stadt.“

Es sieht so aus, als hätte es in Beirut nie ein Nachtleben gegeben

War Raouf etwa in Gemayze? Auf einem Parkplatz haben sie eine Triage eingerichtet, um die Verwundeten zu versorgen. Aber zum Zeitpunkt der Explosion um 18.08 Uhr war Raouf doch bestimmt noch in Hamra und hat Kaffee getrunken.

Gemayze ist geschlossen. Kaputt. Viele Gebäude zerstört. Die Bars zu. Verbarrikadiert zum Teil schon wegen Corona, aber das ist jetzt auch egal. Es sieht so aus, als hätte es in Beirut nie ein Nachtleben gegeben. Dann klingelt das Telefon. Joseph ist dran. Ob das Video angekommen sei? Das Video von Optique et Vision, wo Joseph seine Sonnenbrillen kauft, es gehört dem Ex-Mann seiner Nachbarin. Man hört die Mitarbeiterin im Off leise weinen, während sie die Kamera ihres Mobiltelefons vor sich auf den Boden gerichtet durch den Laden läuft, der gar nicht so kaputt ist.

Der Schriftsteller Rainer Merkel hat länger im Libanon gelebt. Zuletzt erschien von ihm der Beirut-Roman „Stadt ohne Gott“ (S. Fischer). Foto: Gaby Gerster/S. Fischer Vergrößern
Der Schriftsteller Rainer Merkel hat länger im Libanon gelebt. Zuletzt erschien von ihm der Beirut-Roman „Stadt ohne Gott“ (S. Fischer). © Gaby Gerster/S. Fischer

Außer den Glassplittern der zerstörten Vitrinen und zerschmetterten Brillen scheint alles ok zu sein. Das Weinen der filmenden Mitarbeiterin klingt wie ein sanftes beschwörendes Flüstern, bis sie den Riss in der Decke entdeckt und vollkommen die Fassung verliert. „Ich sag dir eins“, sagt Joseph. „Wir sind ja zwanzig Kilometer vom Hafen entfernt... Aber plötzlich gingen überall die Türen auf.

Einfach so. Als wären sie automatisch.“ Ist Joseph erkältet? Oder einfach nur erschöpft? Er hat fünfzehn Jahre Bürgerkrieg hinter sich, dutzende Bombenanschläge; letzten Monat ist sein Hund gestorben. Ein deutscher Rottweiler. Das einzige was ihm von seinen drei Kindern geblieben ist.

[Augenzeugenberichte aus Beirut lesen Sie hier: "Ich bin innerlich tot"]

Sein Sohn, der jetzt in Gibraltar lebt, hatte ihn von einem libanesischen Geschäftsmann geschenkt bekommen, der in Ghana sein Geld gemacht hat. Er ist ein Hund von dieser Welt, eigentlich aus Deutschland, in Afrika geboren, in Beirut zu hause. Jetzt ist er tot. „Wir gehen ja sowieso nicht mehr raus“, sagt Joseph. „Deswegen konnte uns ja auch nichts passieren.“

Was für ein Segen, dass er und seine Partner, eine schiitisch-christliche Kooperation, bewusst noch keine Glasfenster in dem neuen Bauprojekt in Hasmieh haben einbauen lassen, das für Joseph die einzige Altersabsicherung ist. Das war reine Intuition.

So wie er sich schon damals im Bürgerkrieg eine Nacht lang in einem Zeitungsladen versteckte, nachdem die feindlichen Milizen mit Pfeil und Bogen die Parfümerie an der Ecke in die Luft gesprengt hatten, um im Feuerschein der explodierenden Inneneinrichtung die Kameraden von Joseph zu erschießen, einen nach dem anderen.

Das Coronavirus gibt es ja auch noch

Joseph ist Überlebenskünstler. So wie viele in Beirut. Er würde nie den Mut verlieren und zu jammern anfangen. „Wir haben die Air Condition eingeschaltet und alles zugeschlossen“, sagt er. „Wer weiß, was das war. Es war ja die ganze Nacht in der Luft...“ Das? Die Bombe? Die Rakete?

Den Angriff, den die Hisbollah angeblich lieber verschweigt, damit sie darauf nicht reagieren muss? Auch die Pflanzen und Stühle auf der kleinen Terrasse haben sie am nächsten Morgen sicherheitshalber mit Wasser abgespritzt.

Er würde eigentlich schon gerne in die Stadt. Aber er will seine Frau nicht allein lassen. Abgewaschen haben sie ja schon die ganze Zeit alles, was ins Haus gekommen ist. Selbst die Dosen mit den Fertiggerichten. Wegen des Virus'. Das gibt es ja auch noch. Eigentlich hatten sie das ganz gut im Griff.

„Die sollen ruhig kommen und uns regieren“, sagt er. „Ich hab genug. Das soll jetzt mal jemand anderer machen.“ Damit meint er sein Land. Place Lebanon under French mandate for the next 10 years. 45 038 haben schon unterschrieben. Dabei ist ja Macron noch gar nicht in Beirut. Ein Witz? Avaaz, der Plattformbetreiber, hat sich erkundigt, ob man die Petition nicht lieber wieder löschen sollte.

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Einmal standen wir mit Raouf in Mar Mikhael auf der Straße. Er war gerade mit dem Taxi aus Hamra gekommen. Raouf hatte eine große unglaublich dünne, aber auch sehr glamouröse Dichterin aus dem Kasachstan dabei. Ob er noch ins „Coup d’etat“ wolle? Nein, sechs Stockwerke hoch, das war ihm zuviel. Dann sprach die Dichterin ein Machtwort. Vielleicht wollte sie ja den Hafen sehen. Wir gingen los und Raouf erklärte uns mal wieder, warum das alte Westbeirut doch besser, wilder und intellektueller sei als Gemayze oder Mar Mikhael.

Er hat immer noch nicht geantwortet. Ist er in Hamra geblieben? Raouf, der Meister der alten und neuen Coolness, dieser unglaublichen libanesischen Eleganz, in die sich oft ein destruktiver und düsterer Humor mischt, bei dem aber selbst die Witze über Israel noch charmant klingen.

Im „Coup d’etat“ gab es diesen wunderbaren kühlen Luftzug, der vom Meer herüber kam, und das Almaza schmeckte so wie ein weitgereistes Kölsch, das sich in eine arabische Köstlichkeit verwandelt hat. Selbst die Expats waren auf einmal glücklich. Das war der Meta-Ort. Dort oben auf den Dächern erstrahlte die Stadt in der Nacht zu ihrer ganzen Größe und Kraft, sodass man dachte, es konnte einem gar nichts mehr passieren und man sei unverletzbar.

Junge Trümmerfrauen und Trümmermänner, die nicht kleinzukriegen sind

Beim Krieg 2006, als die Israelis die Dahiye bombardiert haben, sind die Clubs in die Berge gezogen, damit man während des Krieges abends weiterfeiern konnte. Aber jetzt gibt es keine Clubs mehr. Keine Bars. Kein Gemayze, kein Mar Mikhael. „It's a tragedy“, schreibt Raouf auf einmal. Endlich meldet er sich. Um 23.45. Er ist in Brüssel. Kümmert sich um seine beiden Söhne. Was ist denn um Himmelswillen in Beirut los? Er könnte es doch erklären. Aber es dauert wieder unendlich lange mit der Antwort.

Vielleicht muss er es erst seinen Söhnen erklären, die aber schon gar keine richtigen Libanesen mehr sind. „A tragedy", schreibt er. „A real one.“ Mehr nicht? Das ist irgendwie zu wenig. Das reicht nicht! Da helfen auch die Bilder der jungen Libanesinnen und Libanesen nicht, die Helden der Zivilgesellschaft, die sich am nächsten Morgen Helme aufsetzen und mit Schaufeln die Straßen von Gemayze aufräumen.

Junge Trümmerfrauen und Trümmermänner, die nicht kleinzukriegen sind. Ein paar Minuten später sieht alles schon wieder ganz normal aus. Aber der Eindruck täuscht. Es ist überhaupt nichts normal. „We have no state. We only have each other“, twittert jemand.

Man würde am liebsten Zeyna bei „Embrace“ anrufen, der libanesischen Mental-Health-Disaster-Response-Hotline, und fragen, ob man sich nicht auch als Außenstehender, also mal aus Berlin, unverbindlich an sie wenden kann. Irgendjemand muss einem doch jetzt Trost spenden.

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