Sie schafft das. Wilhelmine wurde 1990 in Berlin geboren. Foto: Daniel Graf
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Begegnung mit der Berliner Musikerin Wilhelmine Lass uns tanzen wie noch nie

Wie kommt man zu einem Plattenvertrag? Wilhelmine, ein neuer Stern im Deutschpop, macht es vor – mit Ermutigungsliedern.

Einen Plattenvertrag kriegen? Ist gar nicht so schwer, wie manche glauben. Einfach danach fragen. Wilhelmine hat es getan. Die drei größten Plattenfirmen im Land angeschrieben.

„Ohne ein Management zu haben oder groß drüber nachzudenken“, sagt sie. Alle – Sony, Warner und Universal – haben die Sängerin eingeladen. Sie hat ihre Musik vorgestellt. „Und dazu ein Video gezeigt, in dem ich erzählt habe, wer ich bin und was ich mache.“ Das funktionierte. Inzwischen ist sie bei Warner Music unter Vertrag.

Bei "Inas Nacht" war sie schon

Dem Livepublikum ist Wilhelmine, die 1990 in Berlin geboren wurde, außer auf Stadtfesten aber woanders aufgefallen: in der Bar jeder Vernunft. Dort tritt sie seit zwei Jahren regelmäßig mit ihrem biografischen Songprogramm „Meine Geschichte in Liedern“ auf. Als eine aus der Nachwuchsriege. Solche Vertrauensbeweise seien wichtig beim Aufbau einer Karriere, sagt sie. „Es ist noch mal was anderes, wenn ein Leitungsteam wie Lutz Deisinger und Franziska Kessler von der Bar sagt: Wir glauben daran, dass du den Abend inhaltlich füllst.“ Und wenn dann auch Leute kommen.

Den Sprung in das doppelt so große Tipi am Kanzleramt hat sie schon geschafft. Und nicht nur dass, ihre Liebesballade „Eins sein“, die 2021 in den sozialen Medien viral ging, trug ihr eine Einladung in die ARD-Show „Inas Nacht“ ein. Das hauseigene Morgenmagazin ist schon im Jahr davor aufgewacht und lud sie mit dem Song „Solange du dich bewegst“ in die Sendung. Nicht übel für eine Newcomerin.

Der fröhliche, ganz auf emotionale Texte, eingängige Melodien und tanzbare Beats setzende Deutschpop von Wilhelmine trifft einen Nerv. Und sie kann mit Menschen. Weil sie mit ihnen können will. „Liebe“ lautet der programmatische Schriftzug auf ihrer Basecap, die sie beim Treffen in einem Kreuzberger Café trägt. Wilhelmine wirkt zugewandt und smart, aber keineswegs forsch.

Zufrieden sieht sie aus. Ihre erste eigene Tour mit Band ist bestens gelaufen. Alles ausverkauft. „6000 Menschen wollten mich in verschiedenen Städten sehen.“ Für die jetzt im Juni nur in Begleitung ihres Gitarristen startende „Komm wie du bist“-Tour zeichnet sich ähnliches ab: Hamburg, Dresden, München und viele weitere Städte sind ausverkauft. Aber am 12. August beim Bergfunk Festival in Königs Wusterhausen, da geht noch was.

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Wilhelmine ist glücklich über den Zuspruch. Unter ihren Videoclips stehen mit Herzchen geschmückte Kommentare wie die hier: „Man fühlt sich immer wieder zu Hause in deinen Songs. Wenn man dich hört und sieht, fühlt es sich immer an, als wenn man auf eine Energiewelle springt, zu dir fliegt und dabei sich selbst findet.“

In ihren Feelgood-Songs und Mutmach-Liedern geht es genau darum: um Motivation, um Akzeptanz. Selbstliebe-Pop, Zuspruchs-Pop, nennt sie das auch und erzählt von ihrem Online-Engagement. „Über die sozialen Medien können die Menschen hinter die Kulissen der Musikindustrie gucken“, glaubt sie. Also teilt sie Lieder, filmt sich beim Musizieren.

[Am Di 7. 6., 20 Uhr, tritt Wilhelmine im Tipi am Kanzleramt auf. Ihr Album "Wind" erscheint am 23. September bei Warner Music.]

Die Künstlerin schreibt für einen Musikverlag, netzwerkt auf Branchentreffs und preist ihren Anwalt, der ihr immer die letzten Entscheidungen einräumt, für seine wasserdichten Verträge. Ihr steter Strom von Posts und Clips auf Tiktok, Instagram und Facebook und die Corona-Idee, auf ihrer Webseite einen Fanclub einzurichten, hat Wilhelmine eine Gemeinde verschafft. Von jungen Frauen zwischen 20 und Anfang 30.

Wilhelmine ist Teil der queeren Community

Das hat auch damit zu tun, dass Wilhelmine Teil der queeren Community ist. Eine lesbische Musikerin, die sich für Diversität und gegen Diskriminierung einsetzt und in ihren Videos und Liebesliedern in schönster Selbstverständlichkeit Frauen ansingt. Die Zeiten, in denen diese Art Offenheit von Majorlabels als verkaufsschädigend eingestuft wurde, sind offensichtlich vorbei. Trotzdem fällt einem bei homosexuellen deutschsprachigen Sängerinnen nur Kerstin Ott ein und vielleicht noch Becks.

Vorzeige-Lesbe will Wilhelmine keine werden. „Aber durchaus ein Vorbild.“ Mit 15, bei ihrem Outing, gab es keine Menschen in der Öffentlichkeit, die über gleichgeschlechtliche Liebe sangen. „Dass ich diese Vorbilder als Teenager nicht hatte, war mein Hauptantrieb, selbst eins werden zu wollen.“ Dass die Plattenfirma womöglich mit ihr auch ihr Diversitäts-Image aufmöbelt, ist ihr bewusst. Darüber habe sie sich durchaus Gedanken gemacht, sagt sie entspannt. „Doch selbst wenn es so wäre, fühle ich mich wertgeschätzt und gehört."

Das ist das Wichtigste für Wilhelmine, die nicht nur Liebeslieder singt, sondern auch Selbstfindungsdramen, über Diskriminierungserfahrungen und das Kindheitstrauma einer Alkoholsucht in der Familie. Aufgewachsen ist sie frei. Erst in Kreuzberg in einem besetzten Haus, dann mit den Anti-Atomkraft-bewegten Eltern im Wendland. Mit elf entdeckt sie in der Schule das Singen, der Musiklehrer fördert sie, später sammelt sie mit einer Mädelsgruppe erst Auftrittserfahrungen im A-capella-Gesang.

Sie spielt in einem Fußballclub, hat Erfolg. Doch nach ihrem Outing kommt es vor, dass Spielerinnen der gegnerischen Mannschaft plötzlich nicht mehr mit ihr in eine Umkleide wollen. Einmal wird im Einkaufszentrum gar eine Plastikflasche nach ihr und ihrer Freundin geworfen. Sowas prägt.

Jede und jeder ist zur Identifikation eingeladen

„Warum ist meine Liebe deiner Rede wert?“ fragt sie 2019 wütend in der ersten offiziellen Single „Meine Liebe“. Und „Komm wie du bist“ ist eine Diversitätshymne, die jede und jeden zur Identifikation einlädt. Alle Zweifelnden und Liebeskranken jedes Geschlechts.

Das gilt auch für die beiden vorab veröffentlichten Singles von Wilhelmines Debütalbum „Wind“, das am 23. September erscheint: „Besonders“ und vor allem die funky Dancefloor-Nummer „An all diesen Tagen“ erfüllen alle Anforderungen mitsingbaren Mainstream-Pops. Mit den Zeilen „An all diesen Tagen / An denen du zweifelst, wenn alles in dir / wieder irgendwie einbricht“ und später „Lass uns tanzen wie noch nie / So, als ob uns niemand sieht“ greift der Song ans Herz, streichelt die Stirn und geht wie verrückt in die Beine. Empowerment muss tanzbar sein. Wilhelmine hat es begriffen.

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