Nava Ebrahimi bei der Preisverleihung am Sonntag in Klagenfurt, zugeschaltet von zuhause. Vorn rechts verliest Juror Klaus Kastberger die Laudatio. Foto: dpa
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Bachmannpreis 2021 Entblößen und verbergen

Was sich nicht sagen lässt, muss man tanzen: Nava Ebrahimi gewinnt den Bachmann-Preis. Und Dana Vowinckel und Necati Öziri folgen auf den Plätzen.

Es gibt an diesem Sonntagvormittag in Klagenfurt eine Ingeborg-Bachmann-Preisverleihung, die gänzlich ohne Überraschung auskommt; die, wie so oft in den Jahren zuvor, nicht einmal durch die Hintertür noch jemand hereinlässt, der oder die niemand auf dem Zettel hatte.

Wer also die vergangenen Tage die Lesungen und Diskussionen bei diesem 45. Bachmann-Wettbewerb verfolgt hat, ahnte, dass Nava Ebrahimi, Dana Vowinckel und Necati Öziri ziemlich sicher einen der fünf Preise bekommen würden – und das verdientermaßen, weil ihre Texte aus diesem Jahrgang herausragten.

Nur welcher Platz auf dem Treppchen, das war offen, und im Grunde egal: Gute Literatur lässt sich nicht in ein Ranking einteilen, nach einen Tick besser oder schlechter, einen Tick schneller oder langsamer, guter Stoff, nicht so guter Stoff.

"Kennt dich deshalb jemand wirklich?

Am Ende war es die 1978 in Teheran geborene, in Köln aufgewachsene und in Graz lebende Werbetexterin und Schriftstellerin Nava Ebrahimi, die für ihren Text „Der Cousin“ die meisten Stimmen von der Jury erhielt und den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmannpreis gewann. „Der Cousin“ erzählt von einer Schriftstellerin, die ihren Cousin in New York besucht.

Sie treffen sich im Theater, er ist Tänzer von Beruf. Und sie kommen auf das zu sprechen, was ihm nach seiner Flucht aus dem Iran widerfahren ist, wovon sie aber nicht wirklich sprechen können: Sie hat es in ihren Roman geschrieben, er tanzt erst die Worte und lässt sie dann von einem Tonband kommen, als Begleitung zu einer Performance.

„Der Cousin“ ist ein komplexer Text, es geht um Migration, um Erinnerung, um Traumata, um Show und was alles dahinterstecken kann. Allein der Beginn, da sie ein riesiges Foto von ihm halbnackt an der Fassade des Lincoln Centers sieht, hat es in sich: „Schon seltsam, du hängst fast nackt an der Fassade, aber keiner von den Leuten hier weiß, wer du wirklich bist.“

Und er: „Und du? Du hast ein Buch in Ich-Form vollgeschrieben. Du hast dich genauso entblößt. Aber kennt dich deshalb jemand wirklich?“

Timon Karl Kalyeta bekommt den 3-Sat-Preis

Anders als Ebrahimi, die 2017 und 2020 mit „Sechzehn Wörter“ und „Das Paradies meines Nachbarn“ schon zwei Romane veröffentlicht hat, steht die 25 Jahre alte Berliner Autorin Dana Vowinckel noch ganz am Anfang ihrer schriftstellerischen Karriere. Sie gewann den zweiten Preis, den mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis für ihren Romanauszug „Gewässer im Ziplock“.

Dieser handelt von gleich drei Generationen, die explizit nicht orthodoxen jüdischen Glaubens sind – Vowinckel stellte das nach falschen Annahmen in der Jury auf Twitter richtig: „Religion ist nicht immer Oppression, Glaube nicht immer Orthodoxie :).“

Es geht um drei Erfahrungswelten in Berlin, Chicago und Jerusalem, um einen Kantor und seinen Glauben und um die Nöte eines pubertierenden jungen Mädchens zwischen diesen Welten. All das erzählt Dana Vowinckel souverän, nie überbordend, immer ökonomisch, auf den Punkt, so dass man wirklich gespannt ist auf das bald folgende Romantableau.

Bleibt also der von einem österreichischen Stromunternehmen mit 10.000 Euro ausstaffierte dritte Bachmannpreis-Platz für Necati Öziri, der 1988 geboren wurde, in Berlin lebt und als Dramaturg und Theaterautor tätig ist.

Öziri galt nach dem schwachen ersten und diffusen zweiten Tage lange als Favorit mit seinem literarisch kraftvollen, enorm intensiven, Zeiten und Räume öffnenden Brief an einen Vater mit dem Titel „Morgen wache ich auf und dann beginnt das Leben“. Dafür wurde er noch mit dem von einer Bank mit 7000 Euro gesponserten Publikumspreis belohnt.

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Auffällig ist, dass alle ersten drei Preise an Geschichten gingen, die von unterschiedlichsten Migrationserfahrungen erzählen, es in ihnen um das Leben und Sich-Bewähren in mindestens zwei verschiedenen Kulturen geht.

Und auffällig ebenfalls, dass die gewählten ästhetischen Zugriffe jeweils andere sind, Form und Inhalt sich jedoch schön ergänzen, der Wille zum stilistischen Experiment sich dem Erzählstoff fügt.

So war die vielleicht einzige Überraschung, dass es die formal gewagtesten Texte des Wettbewerbs nicht einmal auf die Shortlist für die sonntägliche Verleihung schafften: Heike Geißlers mal aus schlimmen, nur leicht veränderten Platitüden, mal aus funkelnden Satzkaskaden bestehender Wir-Ich-die-böse-Welt-Text „Die Woche“. Und Verena Gotthardts an Peter Kurzeck gemahnendes Kurzsatzstakkato „In Jüngster Zeit“.

Stattdessen gingen die im Vergleich dazu eher konventionellen Beiträge von Anna Prizkau, Leander Steinkopf, Julia Weber und Timon Karl Karleyta ins Rennen um die Preise, und Karleyta gewann schließlich den mit 5000 Euro dotierten 3-Sat-Preis.

Kastberger und Kaiser trennen Welten

Insgesamt war dieser Jahrgang, trotz aller Befürchtungen zu Beginn, ein durchaus anständiger, mit Preisträgerinnen und Preisträgern, die entweder für eine größere literarische Bühne entdeckt worden sind (Vowinckel, Öziri), oder nun einen zusätzlichen Schub bekommen dürften (Ebrahimi, Kaleyta). Und die ihrerseits den Ruhm des immer mal wieder in der Kritik stehenden Wettbewerbs mehren dürften.

Die Vorjahressiegerin Helga Schubert hat es dieses Jahr vorgemacht, als sie mit ihrem Buch „Vom Aufstehen“ gar lange auf den Bestsellerlisten landete. Vielleicht folgen ihr demnächst Nava Ebrahimi und Dana Vowinckel.

Und die Jury? Hat ihre Arbeit ordentlich gemacht. Sie stellte sich nicht nur in den Dienst der Literatur, demonstrierte, wie Literaturkritik idealerweise funktionieren kann. Dabei schoss sie wie üblich manchmal auch übers Ziel hinaus und machte Texte größer und interessanter als sie sind.

Nein, die Jury vermochte bisweilen auch publikumswirksam zu unterhalten, gerade wenn sie sich nicht einig war. Wenn das hie und da Oberlehrerinnenhafte der Jury-Vorsitzenden Insa Wilke auf den Selbstdarstellungsfuror von Philipp Tingler traf.

Oder als spürbar wurde, dass Klaus Kastberger und Vea Kaiser Welten trennen, was ihren Zugang zu Texten und ihr Verständnis von Literatur anbetrifft.

So darf das sein, muss das sein – und so schaut man schließlich viel lieber einmal im Jahr drei Tage lang den Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb als acht bis zehn Mal im Jahr das Literarische Quartett.

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