Pionierin. Die feministische Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun. Foto: HU/promo
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Autobiografisches Schreiben Mein Schicksal ist das Kollektiv

Christina von Braun erzählt ihre Lebensgeschichte als einen Fall von „Geschlecht“.

Es gehört Mut dazu, eine Autobiografie „Geschlecht“ zu nennen. Der Titel scheint den auf das Individuum zielenden Selbstauftrag zu konterkarieren, sich eine „persönliche Biografie“ abzufordern. Gewohnt, die Person hinter der Autorität von Wissenschaftlichkeit zu verbergen, wünscht sich die Berliner Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun wie in einem Roman von Nabokov deshalb, den Buchstaben „I“ zu tilgen, um nicht „Ich“ sagen zu müssen: „Wie schön wäre es, wenn man über die eigene Lebensgeschichte so berichten könnte“, schreibt sie, „als gäbe es kein Ich!“

[Christina von Braun: Geschlecht. Eine persönliche und eine politische Geschichte. Propyläen Verlag, Berlin 2021. 363 Seiten, 24 €.]

Deshalb warnt sie vorab vor einer „holprigen Entdeckungsreise“. Diese führt weit zurück in die Kindheit der 1940 in Italien geborenen Wissenschaftlerin, die nach der Wende an der Berliner Humboldt-Universität den Studiengang Gender Studies aus der Taufe hob und heute, emeritiert, als Vize-Präsidentin des Goethe-Instituts globale Kulturvermittlung betreibt. Sie beschreibt aber auch das Kollektivschicksal einer Generation von Frauen, die in den sechziger und siebziger Jahren über das Patriarchat stolperte und daraus eine Idee machte, als „blinde Passagiere eines Projekts der Geschichte“, wie sie schreibt.

Vorangetrieben hatte dieses Projekt bereits ihre Großmutter mütterlicherseits, Hildegard Margis, die in der Hausfrauenbewegung der 1920er Jahre und später im Widerstand eine Rolle spielte. Von der Familie totgeschwiegen, wurde die Frauenrechtlerin mit jüdischen Wurzeln erst von der Enkelin in dem bemerkenswerten Buch „Stille Post“ (2007) ins Licht gerückt.

Die Armut war anderswo zu Hause

In ihrer Kindheit in Vatikanstadt, wo Vater Sigismund von Braun, Bruder des umstrittenen Raketenforschers Wernher von Braun, bis 1945 in der Botschaft als deutscher Legationssekretär tätig war, unterschied das Mädchen die Menschen nach der Augenfarbe: braun für katholisch, blau für evangelisch, so einfach war das. Nach dem Krieg wurden die Zuordnungen komplizierter, in der Familie mit am Ende fünf Kindern wurde an den mittlerweile deutschen Küchentischen zwar viel über Geld gesprochen, doch in der Godesberger Villa mit Kinderfrau begann das Mädchen zu ahnen, dass Armut woanders zu Hause war.

Was Christina von Kindesbeinen an aufsaugte, waren Bildung, die kosmopolitische Orientierung und der selbstverständliche Zugang zu den „besseren Kreisen“. Egal wohin es sie durch den Diplomatenjob ihres Vaters verschlug, ob nach London, ins Internat an die Nordsee, nach New York als jobbende Studentin oder, schon als Erwachsene, nach Paris: Überall öffneten sich die wichtigen Türen, begleitet allerdings vom Gefühl der „Entheimatung“, die für umherziehende Kinder so prägend ist.

Der Außenseiterstatus im Internat provozierte bei von Braun sogar die Flucht in eine Essstörung. Ihr Interesse an der unmittelbaren deutschen Vergangenheit trieb sie schließlich vom Germanistik- in ein Politologiestudium, aus dem die Dokumentarfilmerin hervorging.

Dieser erste Teil des in kurze Kapitel gegliederten Buches lebt von einer überaus selbstironischen Haltung und skurrilen Begebenheiten, darunter einer Audienz beim Papst, der nicht weiß, was er mit den jungen Besucherinnen reden soll. Manchmal schlägt hier schon die Neigung durch, das mehr oder weniger berühmte Personal aufzuzählen, mit dem Christina von Braun im Laufe ihres Lebens zu tun hatte.

Im zweiten Teil verstrickt die Autorin ihre eigene Biografie in das weibliche „Kollektivschicksal“ dieser Zeit, den aufkommenden Feminismus, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und den Antisemitismus. Es sind Themen und Motive, die zunehmend auch bedeutsam für die Filmerin werden, gleichgültig, ob sie über die Französische Revolution, Meret Oppenheim oder den Umgang der Gesellschaft mit dem Tod arbeitet.

Biografischer Befreiungsschlag

Hintergrund ist das Paris der siebziger Jahre, wo von Braun zwölf Jahre lebt und zwei Kinder bekommt. Die Ehe mit einem Psychoanalytiker und der Kontakt mit den ebenso gestimmten französischen Intellektuellen weisen ihr den Weg. In ihrem ersten Buch über die Hysterie lässt von Braun „den Körper sprechen“, es wird zu einem auch biografischen Befreiungsschlag.

Die am Bespiel ihrer Filme und Bücher veranschaulichten und streckenweise aufschlussreichen Theoriekapitel verlangsamen spürbar den Erzählfluss und gerinnen mitunter zum Referat. Nur an einigen Stellen gelingt es der Autorin, die Verschmelzung von Theorie und Leben, etwa wenn sie die sozialen Gepflogenheiten in den südfranzösischen Bergen, wo die Familie ein kleines Landhaus besitzt, zum Anlass nimmt, um über den „Gabentausch“ nachzudenken. Aufschlussreich sind auch ihre Überlegungen über die unterschiedlichen Ausdrucksformen des Filmens und späteren Schreibens, auf das sie sich nach ihrer Übersiedlung nach Berlin immer mehr verlegt.

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Die Kapitel über den Aufbau der Gender-Studies und die in dieser Zeit realisierten Bücher sind ein Beispiel dafür, wie ein Leben in der Institution aufgeht, so wie auch „die Bewegung“ institutionalisiert wurde. Gewünscht hätte man sich mehr kritische Selbstreflexion in Bezug auf den Studiengang, dessen Aufbau zwar eine Pionierleistung darstellt, aber mit vielen Problemen behaftet ist.

Von Brauns Entschlüsselung der Schrift als machtvermittelndem Instrument männlicher Vorherrschaft ist indes wegweisend und hat, zuletzt in „Blutsbande“ (2018), eine inspirierend neue Sicht auf die Rolle der Religion eröffnet. Die Fähigkeit zur Erbschaft, die die Schrift Männern garantiert, müssen Frauen immer noch lernen, gerade mit Rekurs auf die, die vor ihnen kamen.

Die Coronapandemie scheint den Prozess teilweise zurückzuwerfen, ein Effekt, schreibt von Braun in ihrem bissigen Resümee, könnte aber sein, dass unsere Zeit eingeht in die Geschichte „als das Zeitalter, in dem eine Handvoll starker Männer das Unternehmen Patriarchat an die Wand fuhr.“

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