Regalweise Kopien. Wie in der Charlottenburger Manufaktur sind die Objekte präsentiert. Foto: Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker
© Staatliche Museen zu Berlin / David von Becker

Ausstellung in der James-Simon-Galerie Heller Gips mit dunkler Geschichte

In der neuen James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel sind die Prunkstücke der königlich preußischen Gipsformerei zu sehen.

Fast 200 Jahre hat es gedauert, bis die traditionsreichste Sammlung der Staatlichen Museen, die sogar noch älter ist als die Königlichen Museen, eine eigene Sonderausstellung bekommt. Die Gipsformerei mit ihren 7000 Objekten aus allen Kulturbereichen galt als zweitrangig, denn sie hatte „nur“ Reproduktion zu bieten. Jetzt zeigt sie zum ersten Mal in der neu eröffneten James-Simon-Galerie im Raum für Sonderausstellungen ihre Schätze. Mit ihren historischen Formen, Modellen und Abgüssen ist sie ein Universalmuseum en miniature.

Der Besucher steht als Ausstellungsprolog unvermittelt vor drei hohen Regalen, wie sie auch in der Charlottenburger Manufaktur benutzt werden. Darauf lagern die mit Nummern versehenen Abgussmodelle von Nofretete, der Dioskuren, der Kolossalkopf des Juno Ludovisi, von Fürsten der Renaissance bis hin zu einem Beninkopf. Den Gips schützt Schelllack, der ihnen eine gelblich-bräunliche Farbe verleiht.

„Nah am Leben“ ist das Ausstellungskapitel überschrieben, das sich den unterschiedlichen Aspekten der Abformung nach der Natur widmet. Ein Prunkstück ist das spektakuläre Krokodil von 1892. Liebling dürfte der Kopf von Knut sein, dem legendären Eisbären, gefertigt mit Hilfe eines 3D-Druckers aus Polymergips und Epoxitharz. Am zotteligen Fell des Bären zeigt sich, dass der 3D-Druck noch keine Konkurrenz für die analoge Gipsabformung ist.

Die Fellspitzen von Knut sind noch seltsam rund und die Aufbauschichten sind deutlich zu erkennen. Von der Bildhauerin Maria Volokhova stammt „Pearlesence in und out“, der Kopf eines Seeteufels und dessen Inneres. Ihre Skulpturen werden anschließend in Porzellan gegossen.

Eine traurige Premiere sind die Vitrinen in dem Ausstellungskapitel „Zu nah am Leben“. Die Gipsformerei besitzt rund 300 Objekte aus den deutschen Kolonien. Aus ethischen Gründen werden die Abgüsse nicht mehr gezeigt. Zu sehen ist nur die geschlossene Form von N’Kurui, einem Buschmann, der sich weigerte, eine Abformung von sich nehmen zu lassen. Der Abguss wurde gegen seinen Willen angefertigt. Anschließend wurde sein Abguss wie andere Stücke aus den Kolonien auch weltweit an Völkerkundemuseen und Anthropologen verkauft, zuletzt 1937.

Die Forschung zur Kolonialsammlung steht erst am Anfang

Seitdem ist die Form des Mannes mit Tauen zusammengebunden und liegt nun so verschnürt auf einem Podest. Eine Fotoserie zeigt die entwürdigende Prozedur der Abformung. Manch einer bekam Geld, doch 99 Prozent der Abformungen erfolgten unter Zwang. Obwohl in den Unterlagen der Gipsformerei die Namen zu finden sind, wurden sie im offiziellen Verkaufskatalog von 1911 getilgt. Wo es noch möglich war, wurden die Namen nun nachgetragen. Die Forschung zur Kolonialsammlung steht gerade erst am Anfang.

Gipsstückform zu Lebendabguss eines Mannes namens N'Kurui, der im heutigen Namibia gegen seinen Willen abgeformt wurde. Rund 300 Objekte aus der Kolonialzeit wurden jetzt entdeckt. Zehn Mal wurde dieser Körper an Anthropolgen verkauft, zuletzt 1937. Es werden aber keine Abgüsse von Menschen aus den Kolonien öffentlich gezeigt. Die Forschung zu diesen Funden hat gerade begonnen. Foto: epd Vergrößern
Gipsstückform zu Lebendabguss eines Mannes namens N'Kurui, der im heutigen Namibia gegen seinen Willen abgeformt wurde. Rund 300 Objekte aus der Kolonialzeit wurden jetzt entdeckt. Zehn Mal wurde dieser Körper an Anthropolgen verkauft, zuletzt 1937. Es werden aber keine Abgüsse von Menschen aus den Kolonien öffentlich gezeigt. Die Forschung zu diesen Funden hat gerade begonnen. © epd

Totenmasken berühmter Persönlichkeiten waren im 19. Jahrhundert ein gutes Geschäft. König Friedrich Wilhelm III. gründete die Gipsformerei, um die teuren Importe aus Italien überflüssig zu machen. Der Ursprung hatte also rein ökonomische Gründe, der Bildungsaspekt wurde nachgereicht.

[ James-Simon-Galerie,  bis 1. März 2020; Mo – So 10 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr.]

Begleitet wird die Ausstellung in der James-Simon-Galerie von Interventionen zeitgenössischer Künstler. Asta Gröting beispielsweise ließ eine von Kugeln durchsiebte Mausoleumsmauer vom Dorotheenstädtischen Friedhof mit Silikon ausgießen. Die Einschusslöcher aus dem Endkampf um Berlin ragen nun als Negativrelief hervor, ein morbider Effekt der besonderen Art.

Umgekehrt schien den Zeitgenossen Donatellos „David“ so perfekt, dass er nur von einem Abguss stammen könne – was nicht stimmt. Auch Rodin kämpfte lange mit dem Vorurteil, sein „Ehernes Zeitalter“ gehe auf einen Abguss zurück. George Segals „Woman on a Park Bench“ (1998) beweist, dass Abguss und Kunst kein Widerspruch sind. Das bestätigt eindrucksvoll auch Asta Grötings vergoldeter „Acker“. 20 Tonnen Gips goss sie in ein fast zwei mal zwei Meter großes Stück brandenburgischen Acker, um daraus die Skulptur herzustellen. Der Gips als Material ist damit endgültig in der Moderne angekommen.

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