Prunkvoll: Marinella Senatores " Alliance des corps" (2021) vor dem Ausstellungshaus. Foto: Yosuke Kojima
© Yosuke Kojima

Ausstellung im Palais populaire Musik in den Mixer geworfen

„Opera Opera“ im Palais Populaire verwendet Oper als Metapher für die Gesellschaft. Die Schau streift große Fragen, eine Antwort bleibt sie schuldig.

Die Oper ist die Kunstform, in der sich alles mischt: Musik, Theater, Tanz, Architektur. Auf Italienisch meint „Opera“ nicht nur einen Abend Mozart oder Monteverdi, sondern heißt buchstäblich: Er, sie, es arbeitet, operiert. „Auch diese Ausstellung ist ein ständiger Prozess, ein Prozess der Verhandlung“, sagt Hou Hanru, einer der Kurator*innen der Schau „Opera Opera“ im Palais Populaire.

Die Werke kommen vom Maxxi-Museum in Rom, Hanru ist dessen künstlerischer Leiter, auch die anderen Kurator*innen von „Opera Opera“ arbeiten dort. „Oper“ sei eine Metapher, sagt Hanru. Viele der Kunstwerke haben etwas mit Musik oder Bühnenästhetik zu tun. Aber vor allem sollen sie ihre Betrachter*innen dazu anregen, mit ihnen in einen Austausch zu treten, meint Hanru; „ihre Bedeutung neu zusammenzusetzen“.

Dafür müssen die gewohnten Weisen des Hörens und Sehens gebrochen werden. Wie, das zeigt etwa Philippe Rahms „Sublimated Music“. Die Installation füllt einen ganzen Raum, darin: Dutzende Lautsprecher, die einzelne Töne aus einem klassischen Klavierstück abspielen – Claude Debussys „Cloches à travers les reuilles“. Das Stück wird in den Mixer geworfen, man streift irritiert durch den Raum und kann sich aus den Zutaten ein neues Werk backen.

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Nun wurde in der Postmoderne von der Kritik bis zum Käsekuchen bereits alles Mögliche dekonstruiert. Viel spannender ist der unausweichliche Prozess der Rekonstruktion, also eben des Neu-Zusammensetzens – denn einen Sinn macht sich der Mensch ganz automatisch auf die Dinge, die nicht zueinander passen. Und dieser Sinn ist oft problematisch: enthält Vorurteile, schließt aus, führt zu Konflikten.

Viele der Bilder und Installationen kreisen um die Fragen, wer Kunst konsumiert, wer in ihr vorkommt – und wie. Das ist schon bei der Oper ein Problem: Dort bleibt man gern unter sich. Postmoderne Kunst dagegen reflektiert ihre Rolle in der Gesellschaft, kommentiert sich selbst ironisch.

Aufstieg zum Licht. Installation mit Kronleuchter von Vedovamazzei. M. Schormann Vergrößern
Aufstieg zum Licht. Installation mit Kronleuchter von Vedovamazzei. © M. Schormann

Zum Beispiel die Installation „Climbing“ des Künstler*innenduos Vedovamazzei. Sie steht im Treppenhaus des rekonstruierten Rokoko-Palastes. Ein Kronleuchter aus goldgefärbten Eisengittern hängt dort von der Decke. Das Gitter schafft eine Plattform, wie sich beim Gang in die erste Etage offenbart. Darauf befinden sich, in mehreren Metern Höhe, ein Schlafsack, ein Karton und eine Nachttischlampe. In die Mitte des Gitters führt von unten eine Bergsteigerleiter, die Betrachterin zum Aufstieg ins prekäre Nachtlager ermutigt.

Das Werk lebe vom Gegensatz zwischen der Opulenz des Leuchters und der zur Schau gestellten Obdachlosigkeit, erklärt der Kurator Bartolomeo Pietromarchi beim Rundgang durch die Ausstellung. Und wohl auch zwischen schickem Museum und der ärmlichen Welt, die darin verhandelt wird. Ein ironischer Kommentar also auf den Kunstbetrieb, das Establishment, die Institution – der nichtsdestotrotz daran mitwirkt.

Die Kulturwissenschaftlerin Sianne Ngai schreibt in ihrem Buch „Zany, Cute, Interesting“ über diese paradoxe Schwäche der Kunst: Sie ist das Medium schlechthin, um Gegenwelten zu entwerfen – aber tut das im Modus des Als-ob, der Fiktion, des allzu schnell harmlosen Bürger*innenschrecks.

"Volk" gegen "Pöbel"

Schon der Name des Ausstellungsortes („Populaire“) verweist auf ein weiteres Problem, das auch in der Ausstellung Thema ist. In der Installation „Sonorizzare il luogo (Grand Tour)“ von Luca Vitone dringen zwanzig populäre Lieder aus Holzkisten, jeweils eines aus einer Region Italiens.

Der Politikwissenschaftler Philip Manow seziert in einem Essay aus dem Jahr 2019 die traditionelle Unterscheidung zwischen „Volk“ und „Pöbel“. Das „Volk“, der „Populus“, sei ein Elitenprojekt, bestehe aus dem, was die Mächtigen für abbildbar halten, ohne ihre Macht zu gefährden; der „Pöbel“ sei der ungeliebte Rest, der aus der Repräsentation eines guten, im Sinne der Mächtigen vorbildhaften Volkes ausgeschlossen werden müsse.

Die Holz-Installation im „Palais Populaire“ ist in diesem Sinne wahrhaft „populär“, denn sie siebt aus der Kultur des „Volkes“ das aus, was es ins Museum schaffen soll. Zugleich markiert sie diesen Akt und wehrt sich gegen ihn, indem sie den ironischen Titel „Grand Tour“ trägt – also einen Begriff, mit dem reiche Engländer*innen im 19. Jahrhundert ihre kolonialistisch anmutenden Italien-Reisen bezeichnet haben.

Kakophonie der Klänge

Außerdem vermischt die Installation die scheinbar originalen und authentischen Klänge der 20 Volkslieder zu einer Kakophonie. Steht man im Raum, hört man nur Chaos. Man muss das Ohr an die einzelnen Kisten halten, um das jeweilige Lied gut zu verstehen.

Eine solche Kakophonie ist in der Ausstellung oft zu hören. Beim Sinn-Zusammensetzen rauscht und knirscht es. Ständig überlagern sich miteinander verwurschtelte Sounds, ratternde Filmrolle neben klatschender Hand, Pfeifgeräusche neben Debussy. Der vulgäre Widerstand gegen die alles andere als populäre Oper bricht sich Bahn. Eine Jahrhundertaufführung ist das nicht, will es aber auch gar nicht sein.

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