Gemalt nicht geklebt. Eckart Hahns "Papiertiger" von 2016. Foto: Eckart Hahn, Privatsammlung, Tübingen
p

Ausstellung Eckart Hahn in Berlin Vögel, Fäuste, Flöten

0 Kommentare

Künstler betrachten Kunst: Eckart Hahns „Der schwarze Hund sieht bunt“ im Haus am Lützowplatz.

Man nehme vier Tauben, schneide die Brüste mit einem scharfen Messer sorgfältig von den Karkassen herunter, verteile sie auf Tellern, bedecke sie mit Gemüse, Gewürzen und gare sie 25 Minuten unter einer Alufolie bei 145 Grad Umluft, bis sie zartrosa sind.

Man muss schon sagen, der Küchenchef Andreas Neubauer hat die Aufforderung, sich ein Gemälde von Eckart Hahn anzuverwandeln, wörtlich genommen. So verzehrend ist die Wirkung von Kunst doch gar nicht gemeint. Zu dem surrealistisch anmutenden Bild „Mobilé“, das eine Taube im Zentrum einer Goldfolie zeigt, hat er ein Gericht gekocht. Das hier arg verknappte Rezept ist in dem Band „Der schwarze Hund trägt bunt“ nachzulesen, der die Ausstellung im Berliner Haus am Lützowplatz begleitet.

Statt ein Katalogbuch zur Werkschau des 1971 geborenen Malers aus Reutlingen aufzulegen, das mittels handelsüblicher Schlaumeieraufsätze den Werken erst die rechte intellektuelle Weihe verleiht, hat sich der humorbegabte Hahn für einen anderen Dreh entschieden. Er hat Kulturschaffende gebeten, eine Betrachtung seiner fotorealistischen, an die Scheinrealitäten René Magrittes erinnernden Werke zu schreiben. Und weil ein Koch ja die Esskultur pflegt, gibt es nun „Mobilé von Taubenbrüstchen, Kirschen, Gewürzjus“ für acht Personen.

Der Kunstbetrieb ist festgefahren

Kunsthistoriker pflegten oft eine stereotype Betrachtungsweise, sagt Eckart Hahn beim Ausstellungsrundgang, deswegen habe er andere Betrachter gewinnen wollen. „Der Kunstbetrieb ist festgefahren, da bleibt die Elite unter sich.“ Dass er durch seine Auswahl von Schriftstellerinnen, Regisseuren, Schauspielerinnen, Architekten nichts anderes tut, als seinerseits Spezialistenblicke auf seine Bilder zu lenken, betrachtet er nicht als Widerspruch. Von Künstlern erwarte er einen offenen Blick und den Mut, sich auf etwas Neues einlassen zu können, sagt er. „Sonst hätte ich ja eine Straßenumfrage machen können.“ Stattdessen hat er aber inhaltlich wie typografisch ein ausgesprochen vielgestaltiges Buch gemacht, das – obwohl der Künstler das verneint – sehr wohl auch ein Prominentenbuch ist.

Schwimmlehrer? Eckart Hahns Gemälde "Koko" (Ausschnitt) von 2010 setzt Assoziationen frei. Foto: Eckart Hahn, Privatsammlung, Wuppertal
p

Das kann bei Namen wie Katja Riemann, Charly Hübner, Judith Hermann, Roman Signer, Mieze Katz oder Gerhard Polt gar nicht anders sein. Riemanns analytisch-assoziative Betrachtung des Bildes „Cocoon“, das einen von einer roten Kordel umschlungenen Seeadlerkopf zeigt, wandert vom preußischen Adler bis zum IS und dem Gefangenenlager von Guantanamo. Und ihr Kollege Charly Hübner bringt eine in Rotbraun getauchte Erdmännchenfamilie namens „Waiting“ mit der Arbeiter-Hymne „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ zusammen.

Dieses stille Werk spricht im Original weit deutlicher als in der Reproduktion von der handwerklichen Meisterschaft Hahns. Dem theatralischen Aufbau seiner überaus plastischen Bilder, ihrem Licht- und Schattenspiel ist das Studium der alten Renaissance-Meister anzusehen. Fell, Federn und Muskulatur seiner häufig tierischen Motive sprechen vom fast in Vergessenheit geratenen Ethos der Wirklichkeitsmalerei, das wiederum vom Witz der Bilder unterlaufen wird.

Die Natur als romantisches Konstrukt

Gewiss sei die Natur ein romantisches Konstrukt, sagt der Maler denn auch. „Ich ringe genauso mir ihr wie mit der künstlich konstruierten Welt.“ Die von Hahn gemalten Fäuste, Flöten, Vögel und Affen laden jedenfalls auf direkterem Weg zu Kommentaren und Assoziationen ein, als das abstrakte Werke gemeinhin könnten. Und nicht nur das: Einige Kollegen haben ihrerseits mit Fotos, Karikaturen, ja ein Komponist gar mit einem Notensatz reagiert.

Faltengezwitscher. Eckart Hahns "Graveyard" von 2015 (Ausschnitt). Foto: Eckart Hahn, Privatsammlung
p

Oder mit einer Kindheitserinnerung wie der Musiker Gernot Bronsert vom DJ-Duo Modeselektor. Ihn erinnert der mit Plastiktüten eingehüllte Gorilla namens „Koko“ an seinen haarigen Schwimmlehrer Herrn Hass, der ihn als Kind piesackte. „Am liebsten hätte ich ihm damals auch eine Plastiktüte übergestülpt.“ Und der Sänger Jens Friebe lässt sich angesichts der mit „Graveyard“ betitelten Szene, in der eine Amsel auf einem Baguette sitzt, das wiederum auf einem von Faltenwürfen verdeckten Postament ruht, zu einer albtraumhaften Prosa-Miniatur inspirieren. In der Tat entsteht auf diese Weise etwas Neues als einfach nur Kunstrezeption, nämlich ein gewissermaßen doppelt gespiegeltes Werk.

Das leistet auch Kabarettist Gerhard Polt, der ein dunkelgrau-gelbes Küchenstillleben mit Äffchen namens „Kitchen“ betrachtet. Er teilt dem Maler bedauernd sein Unvermögen mit, seine Gefühle dazu in Worte zu kleiden. „Ich überlasse Ihre Werke also meinen Augen und meinen Sinnen allein, und halte es mit der Person, die beim Essen gefragt wird, wie es denn sei, das Essen: ,Ich weiß es nicht, aber mir schmeckt’s!‘ “

Haus am Lützowplatz, bis 8. April, Di–So 11–18 Uhr, Buch 35 €; Künstlergespräch mit Eckart Hahn am 8. Februar, 19 Uhr

Zur Startseite