Franz Wilhelm Seiwerts „Wandbild für einen Fotografen“ (1925) erzielte als Auktions-Highlight über eine Million Euro. Foto: Grisebach / VG Bild-Kunst, Bonn 2021
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Auktionen bei Grisebach Fünf Bockwürste und ein Weltrekord

Die Frühjahrsauktionen bei Grisebach liefen prächtig, selbst Rekordpreise werden inzwischen telefonisch verhandelt.

So locker sie durch die üppige Landschaft traben, so heiß umkämpft waren Max Liebermanns 1924 gemalte „Reiter in der Allee bei Sakrow“ im Berliner Auktionshaus Grisebach. Das wunderbare Spätwerk des Impressionisten konnte seine Schätzung verdoppeln und ging für stolze 1,2 Millionen Euro an eine norddeutsche Privatsammlung. Ein bemerkenswertes Ergebnis, zumal der Bieter online zugeschaltet war. Mit insgesamt 1.465000 Euro ist es die bislang höchste Summe, die via Internet auf einer Auktion in Deutschland gewährt wurde.

Dass die Zeit der Online-Versteigerung als Nebenschauplatz allein für das niedrigpreisige Segment vorbei ist, haben aber auch weitere Zuschläge im sechsstelligen Bereich gezeigt. So wechselte Gerhard Richters frühes und marktfrisches Gemälde „Heidi" von 1965 mit Richters typischen Farbverwischungen von einer Berliner Privatsammlung an einen Online-Bieter aus der Schweiz, der inklusive Aufgeld 550.000 Euro für das Bild bewilligte.

Carl Grossbergs magisch neusachliches „Selbstbildnis“ vor der Silhouette eines Kraftwerks von 1928 erzielte auf eben diesem Wege nicht nur ein Ergebnis oberhalb der Schätzung, sondern mit insgesamt 649.000 Euro auch einen neuen Rekord. Gleichauf und ebenfalls mit einer neuen Höchstmarke sicherte sich ein im Saal anwesendes Paar das „Träume II“ betitelte Frühlingserwachen des Worpsweder Jugendstil-Vertreters Heinrich Vogeler.

Parallel zu den sinkenden Inzidenzwerten scheint die Pulsfrequenz der Sammlerschaft wieder höher zu schlagen. An die Pandemie erinnerten lediglich die Masken und der gebührende Abstand im voll besetzten Saal von Grisebach. Die Kauflaune scheint zurück und bescherte dem Auktionshaus ein Bruttoergebnis von 17,6 Millionen Euro – noch vor der Versteigerung von knapp 150 weiteren Losnummern der Zeitgenossen-Auktion.

Zu einem besonderen Highlight der sechs Grisebach-Sommerauktionen wurde die „Sander Collection“. Sie umfasste 63 Losnummern mit Malerei, Papierarbeiten und Kleinplastiken der während der Weimarer Republik tätigen Künstlergruppe der Kölner Progressiven, die der Fotograf August Sander zusammengetragen hatte und die nun marktfrisch aus dem Nachlass zum Aufruf kamen.

Ein Privatsammler bietet gegen das Art Institute Chicago

Ihren Höhepunkt fand die an kräftigen Zuwächsen nicht gerade arme Versteigerung mit Franz Wilhelm Seiwerts „Wandbild für einen Fotografen“. Das 1925 entstandene Gemälde für den befreundeten August Sander sollte en passant der Akquise in eigener Sache dienen. Zur Ausführung als Freskomalerei kam es nicht, doch die Leinwand hing als Blickfang im Treppenhaus der Familie Sander. Schon die schriftlichen Aufträge für das hinreißende Ölbild hatten bei Grisebach mit 550.000 Euro die mittlere Schätzung übertroffen, als zwei Telefonbieter zu einem ebenso ausgiebigen wie atemberaubenden Wettstreit ansetzten. Gegen das Art Institute Chicago am einen Ende setzte sich schlussendlich eine Privatsammlung aus Süddeutschland durch. Der Hammer fiel bei einer Million Euro (inklusive Aufgeld 1.225000 Euro). Applaus und ein Weltrekord für den 1933 verstorbenen Künstler.

[Grisebach, Fasanenstraße 25, 27 & 73. www.grisebach.com]

Aber auch Werke von Otto Freundlich, Heinrich Hoerle oder Gerd Arntz zogen kräftig an. So kletterte Arntz' Holzschnittzyklus „Häuser der Zeit“ auf 50.000 Euro, Hoerles überaus frische Papierarbeit „Vordermann“ erzielte schließlich 150.000 Euro. Selbst vier kleinformatige Holzschnitte der mit nur 23 Jahren verstorbenen Angelika Hoerle schnellten von geschätzten 1000 Euro auf einen Hammerpreis von 20.000 Euro hoch. Mit einer Verkaufsquote von über 200 Prozent sorgte die Sander-Offerte nicht zuletzt auch für eine Neubewertung der Kölner Progressiven.

Schon das 19. Jahrhundert hatte Grisebach am Mittwoch einen überaus soliden Auftakt beschert. Das kleine Ölbild „Blaue Grotte“, 1848 von ihrem Wiederentdecker August Kopisch gemalt, konnte die untere Schätzung mit insgesamt 47.500 Euro verfünffachen, für ein als Kohlezeichnung im Jahr 1891 gefertigtes Selbstbildnis von Hugo Höppener alias Fidus, das auf 4000 Euro taxiert war, bewilligte ein schriftlicher Auftrag aus den Vereinigten Staaten am Ende 35.000 Euro. Auf 25 000 Euro geschätzt war Eugen Brachts hochdramatisches „Templerschloß“ von 1915, für das der Hammer erst bei 150.000 Euro fiel.

Spitzenlos des Nachmittags wurde Adolph Menzels kürzlich wiederentdeckte Zeichnung „Morgens früh im Nachtschnellzug“. Ob die kraftvolle Genrestudie so katasthrophisch und kulturkritisch gemeint war, wie der Katalogtext des Auktionshauses sie interpretiert, sei dahingestellt. Schließlich war Bahnfahren 1877 weit entfernt vom Liegekomfort heutiger Schlafwagen. Da konnte sich der Fahrgast nach durchfahrener Nacht schon mal kräftig räkeln und die Gattin freudig aus den Federn blicken, wenn ein Kellner vom Bahnsteig aus den Morgenkaffee kredenzt. Ob katastrophisch oder schlicht menschlich – das beeindruckende Blatt stieg zügig von 80.000 auf 135.000 Euro, als ein neuer Telefonbieter auf den Plan kam, noch einmal 30.000 Euro bis zum Hammer zulegte und schlussendlich inklusive Aufgeld 206.250 Euro bewilligte.

Einen weiteren Rekordpreis gab es bei der Versteigerung der „Ausgewählten Werken“ für Konrad Lueg, der vom Maler später in die Rolle des Galeristen wechselte und unter seinem Geburtsnamen Konrad Fischer zu Weltruhm gelangte. Für die 1962/63 entstanden "Bockwürste auf Pappteller" des Pop-Künstlers Lueg gewährte nordrhein-westfälischer Handel summa summarum 437.500 Euro.

Als eine der wenigen mitbietenden Institutionen sicherte sich ein süddeutsches Museum Franz Marcs „Grüne Studie“ zum Hammerpreis von 330.000 Euro im Rahmen der Schätzung. Während eine Dame im Saal für Konrad Klaphecks „Ähnliche Eltern“, die der Künstler 1957 durch zwei Schuhspanner symbolisierte, mit insgesamt 575 000 Euro mehr als das Doppelte der unteren Taxe bewilligen musste. Die eigentlich mit 700.000 Euro als Spitzenlos apostrophierte „Sonnenblume“ von Emil Nolde hat übrigens keinen Liebhaber gefunden und wird also noch im Nachverkauf offeriert.

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