Zurückgegeben. Carl Spitzwegs Zeichnung „Das Klavierspiel“. Foto: Legat Cornelius Gurlitt/Kunstmuseum Bern
© Legat Cornelius Gurlitt/Kunstmuseum Bern

Aufarbeitung des Schwabinger Kunstfunds beendet Letztes Gurlitt-Bild restituiert

Spitzwegs Zeichnung "Das Klavierspiel" ging zurück an die Erben. Doch trotz Abschluss des Falls Gurlitt bleibt die Dunkelziffer bei NS-Raubkunst hoch.

Es ist geschafft, könnte man meinen. Das letzte der 14 als NS-Raubkunst identifizierten Bilder der Sammlung Gurlitt ist endlich restituiert. Die Zeichnung „Das Klavierspiel“ von Carl Spitzweg wurde auf Wunsch der Erben des ehemaligen Eigentümers Dr. Henri Hinrichsen am 12. Januar direkt an das Auktionshaus Christie’s übergeben.

Doch nichts ist geschafft, auch wenn der Fall Gurlitt vorläufig seinen Abschluss gefunden hat. Die Suche nach zwangsenteigneter Kunst jüdischer Sammler muss weitergehen, in öffentlichen Sammlungen wie privater Hand. Die Dunkelziffer ist immer noch immens.

Sammlung des NS-Kunsthändlers tauchte vor sieben Jahren auf

Die Causa Hildebrand Gurlitt lenkte vor sieben Jahren ein grelles Licht auf die komplizierte Gemengelage. Das überraschende Auftauchen der Sammlung des ehemaligen NS-Kunsthändlers in der Münchner Wohnung seines Sohnes Cornelius setzte einen Prozess in Gang, genauer: forcierte ihn, obwohl schon sehr viel mehr und sehr viel früher hätte geschehen müssen.

Die 2012 im Rahmen eines nicht ganz einwandfreien Steuerermittlungsverfahrens eingezogenen 1200 Kunstwerke machten offenbar, dass in Privatbesitz und den Depots der Museen Bilder schlummern, die einst verfolgten jüdischen Sammlern gehörten.

Bei Gurlitt sollten es auch nach Auffinden weiterer Werke im Salzburger Haus des Sohnes und damit insgesamt 1556 Objekten letztlich nur 14 indizierte Stücke sein, doch die Bundesregierung hatte damals ihren internationalen Skandal.

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Die eiligst einberufene Taskforce zur Erforschung der Bestände, nachdem man monatelang geglaubt hatte, im Geheimen operieren zu können, brachte angesichts des Umfangs der Sammlung nur magere Ergebnisse zutage. Die Kritik an Kulturstaatsministerin Monika Grütters und dem von ihr mit Millionen budgetierten Forscherteam hielt an.

Nicht unbedingt fairerweise, denn Grütters stockte in der Folge vor allem die Mittel für das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg auf, das mittlerweile auch für unrechtmäßig entzogenes Eigentum aus kolonialem Kontext und der DDR Provenienzrecherchen unterstützt.

Solche Verfahren sind schmerzhaft und kompliziert

Die Rückgabe des letzten bislang als NS-Raubkunst identifizierten Werks aus der Gurlitt-Sammlung zeigt auf, wie kompliziert und schmerzhaft die Restitutionsverfahren sein können, ist erst einmal erwiesen, dass Unrecht vorliegt. Die Spitzweg-Zeichnung war 1939 bei dem jüdischen Musikverleger Henri Hinrichsen beschlagnahmt worden, Gurlitt erwarb das Blatt ein Jahr später und zahlte den Kaufpreis auf ein Sperrkonto ein. 1942 wurde Hinrichsen in Auschwitz ermordet. Als sich seine Nachfahren bei der Witwe von Gurlitt, der nach dem Krieg als Kunstvereinsleiter in Düsseldorf reüssiert hatte, nach dem Werk erkundigten, stellte sie sich ahnungslos.

Gurlitt war ein übler Taktierer

Für die Taskforce „Schwabinger Kunstfund“ lag schon 2015 der Fall klar. „Das Klavierspiel“ gehörte mit Max Liebermanns „Zwei Reiter am Strand“ zu den bekanntesten Stücken der Sammlung, die Gurlitts übles Taktieren auf dem Markt offenbarten. Dass die Rückgabe des Spitzweg so lange dauerte, hängt laut Pressemitteilung der Kulturstaatsministerin mit der komplexen Erbfolge und der weitverzweigten Familie der Restitutionsberechtigten zusammen.

Ein Trost ist es nicht, wie die Weiterreichung an Christie’s erweist. „Wir können dieses schwere Leid nicht wiedergutmachen“, so Grütters denn auch. „Aber durch die Aufarbeitung des NS-Kunstraubs versuchen wir, ein Stück weit zu historischer Gerechtigkeit beizutragen und unserer moralischen Verantwortung gerecht zu werden.“

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