Sozialrevolutionärin und Mystikerin. Simone Weil (1909 - 1943). Foto: R/D
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Asketisches Denken Das ewig Unzulängliche

Neu ediert mit einem Nachwort von Frank Witzel: Simone Weils philosophische Notizen „Schwerkraft und Gnade“.

Heinrich Böll gestand, er habe „Angst vor ihrer Strenge“ und fürchtete die Konsequenzen, die sie ihm auferlegen würde, wenn er ihr „wirklich nahe käme“. Susan Sontag sprach sogar von Simone Weils „vernichtender Originalität“. Gut, dass Frank Witzel im Nachwort zur Neuausgabe ihres Notizenbandes „Schwerkraft und Gnade“ erklärt, dass man sie nicht nur „als Heilige verehren“, sondern auch als „Nervensäge und Tollpatsch“ betrachten könne.

[Simone Weil: Schwerkraft und Gnade. Aus d. Französischen von Friedhelm Kemp. Matthes & Seitz, Berlin 2020. 249 S., 24 €.]

Tatsächlich lässt sich ihr ebenso sozialrevolutionäres wie mystisches philosophisches Genie, mit dem sie ihr Judentum hinter sich zu lassen versuchte, ohne jemals ganz im Katholizismus anzukommen, nicht von einem krankhaften Zug zur Askese trennen. Sie hatte, so Witzel, das Bedürfnis, „sich selbst immer mehr zu kontrollieren, bis sie nicht einmal mehr einen Löffel Milch zu sich nehmen konnte, weil in der Gestalt von Nahrung doch noch etwas Unzulänglichkeit in ihren Körper eingedrungen wäre“.

Simone Weils vor gut zwanzig Jahren von Wolfgang Matz und Elisabeth Edl erstmals ins Deutsche übersetzten „Cahiers“ sind das labyrinthische Bergwerk dieses Denkens, „Schwerkraft und Gnade“ ist der aus seinem Schutt aufgehäufte Hausberg. 1942, ein Jahr vor ihrem Tod mit 34 Jahren, übergab sie ihre Aufzeichnungen Gustave Thibon, einem Rechtskatholiken mit antisemitischen Anwandlungen. Charlotte Bohn hat seine umstrittene Auswahl, ergänzt um ein lange unterschlagenes Israelkapitel, mustergültig neu ediert und für heutige Leser eingeordnet.

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