Artist in Residence: Tabea Zimmermann zu Gast bei den Philharmonikern. Foto: Marco Borggreve
© Marco Borggreve

Artist in Residence Schluss mit der Melancholie

Geister wecken: Tabea Zimmermann spielt Hindemiths-Bratschenkonzert bei den Berlin Philharmonikern.

Bach, den Sohn Carl Philipp Emanuel, spielen sie im Stehen, als reinigendes Synkopen-Gewitter bereits in den ersten Takten. Die Berliner Philharmoniker unter François-Xavier Roth vertreiben jede (angesichts des erneut spärlichen Konzertbesuchs erneut aufflackernde) Corona-Melancholie, so vital, wie sie bei Bachs später D-Dur-Symphonie Wq 183 Nr. 1 zupacken. Das quirlig-schnittige Barockwerk voller solistischer Verwirbelungen taugt vorzüglich als Auftakt für den Auftritt von Tabea Zimmermann mit Hindemiths Schwanendreher-Konzert. Auch sie macht Laune, schon das schiere Klangvolumen ihrer Robin-Bratsche weckt die Geister, wenn sie volltönend doppelgriffig anhebt und die tiefe C-Saite alle Körperfasern mitschwingen lässt.

Hindemiths 1934 entstandenes Konzert für ausschließlich tiefe Streicher, Bläser, Harfe und Pauke mit Motiven nach alten Volksliedern beschwört gleichwohl eine sich verdüsternde Zeit; dem Komponisten drohte Berufsverbot seitens der NS-Kulturpolitik. Panzerketten rasseln, wie ein tapferer kleiner Soldat marschiert das Melodieinstrument mit der Kolonne, ein Kondukt mit unerbittlich wiederholten Punktierten. Das Abendgebet des zweiten Satzes wird zur Enklave unter Wolkengebirgen.

Überzeugungstäterin: Zimmermann will für den oft verkannten Hindemith werben

Die Volkslied-Anklänge verraten Hindemiths Wehmut, 1938 muss er Deutschland verlassen. Das anschließende Fugato und der finale virtuose Variationssatz irrlichtern zwischen Ausgelassenheit, Fluchtversuchen und selig meditativen Inseln. Zimmermann will in ihrer Zeit als Artist in Residence bei den Philharmonikern für den oft verkannten Hindemith werben, eine Überzeugungstäterin. Als Zugabe wählt sie gleichwohl einen zu Herzen gehenden Bach-Choral, im innigen Zwiegespräch mit der Harfe.

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Zimmermann und Roth, bekannt für seine sinnfälligen Programme, arbeiten gerne zusammen. Beide sind Charismatiker, beide legen Wert auf pointierte Rhythmen, Plastizität, Transparenz. Ein Kobold am Pult ist der französische Dirigent, ein tänzelnder Maestro voller Esprit. Erst recht bei Béla Bartóks „Divertimento für Streicher“, das ähnlich wie Hindemiths Konzert von Volksmusikanklängen durchwebt ist. Auch das ein Energiezufuhr garantierendes (und durchaus raffinierteres) Werk, voller Zerrspiegelungen und Akzente, die wie Windstöße dreinfahren. Die chromatischen Kriechströme im Adagio, der Tanz auf dem Vulkan im Schlusssatz, die Hochspannung noch im Pianissimo: superb.

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