Zwangspause für Hollywood. Auch der Mulholland-Aussichtspunkt über Los Angeles ist geschlossen. Foto: Reuters/Lisa Girion
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Armut wächst, 100 000 Obdachlose Wie die Coronakrise Kalifornien verändert

Herbert Krill

Kalifornien ist der bevölkerungsreichste Bundestaat der USA. Die Zahl der ungelösten Probleme ist groß. Ist man vorbereitet auf die Pandemie?

Der Autor lebt als Dokumentarfilmer bei San Francisco und in Wien; er realisierte zahlreiche TV-Dokumentationen über Schriftsteller und Filmthemen.

Die Grand Princess war einmal das größte und teuerste Passagierschiff der Welt. Jetzt liegt sie in der San Francisco Bay vor Anker. Nachdem die zweieinhalbtausend Passagiere, 94 von ihnen mit dem Coronavirus infiziert, im Hafen von Oakland von Bord gegangen sind, hat der Luxusdampfer vorläufig ausgedient.

Auf meinen Morgenspaziergängen an die Bucht sehe ich ihn, zehn Kilometer entfernt, trotzdem noch riesig. Je nach Strömung zeigt er mir die eine oder andere Seite, ansonsten bewegt er sich nicht von der Stelle. Jogger und Hundebesitzer kommen vorbei, wir machen Bögen umeinander, halten uns an das „social distancing“ von sechs Fuß und grüßen einander freundlich. Das ist die neue Etikette.

Die Stimmung ist verhalten optimistisch. Es gibt Platz genug für alle. Das Wetter ist fast immer schön. Man hört Vogelgezwitscher. Ansonsten ist es still. Früher stiegen am nahegelegenen Flughafen Oakland die Flugzeuge im Drei- oder Fünfminutentakt auf, jetzt zieht vielleicht alle fünfzehn Minuten eines über den Himmel. Was beruhigend wirkt: Noch macht sich die Zivilisation bemerkbar.

Kalifornien hat Glück im Unglück. Es hätte natürlich auch ganz anders kommen können, mit einer zweiten Katastrophe zur gleichen Zeit, Feuerstürmen, Erdbeben (beides nicht ganz unwahrscheinlich). Senatorin Kamala Harris hat kürzlich diese Befürchtung geäußert: Sind wir darauf vorbereitet?

Am Montag gab es 349 Virus-Tote. Viel oder wenig? Kalifornien ist der bevölkerungsreichste Bundesstaat der USA, 40 Millionen Menschen leben hier. 2019 starben hier rund 275 000, knapp 750 pro Tag. Es ist alles relativ. Die Infektions- und Todeszahlen gehen nicht ganz so stark nach oben wie an der Ostküste. In San Francisco ist sogar eine gewisse Verflachung der Kurve festzustellen.

Hintergrund-Informationen zum Coronavirus:

Liegt es daran, dass die Bay Area die erste Region in den USA war, die Ausgangsbeschränkungen verfügte? Liegt es an der guten Luft – Covid-19 ist ja eine Lungenkrankheit? Oder sind die Leute hier etwas gesünder? Nicht umsonst ist die „California cuisine“ berühmt, auch bei der Fitness ist das Land führend. Bis 2011 war ein Bodybuilder und Actionfilmheld Kaliforniens Gouverneur.

Nachträglich steht der Austro-Amerikaner Arnold Schwarzenegger sogar als Pandemie-Held da. Das Center for Investigative Reporting hat herausgefunden, dass Kalifornien während dessen Amtszeit gut für die Bekämpfung von Infektionen ausgerüstet war. Unter dem Eindruck der Vogelgrippe, aber auch des Hurrikans „Katrina“ hatte Schwarzenegger 200 Millionen Dollar in medizinische Ausrüstung gesteckt, in mobile Spitäler, 2400 tragbare Beatmungsgeräte, 50 Millionen Atemschutzmasken, sowie in die Möglichkeit, rasch 21000 zusätzliche Krankenbetten einrichten zu können.

Aber dann kam die Rezession von 2008. Jerry Brown, der neue Gouverneur (der diese Position auch schon zuvor innehatte, versuchte die Staatskasse wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen und sparte ein, wo es nur ging. Die unter Schwarzenegger angeschafften Dinge wurden eingemottet oder abgegeben.

Gouverneur Gavin Newsom, seit gut einem Jahr im Amt, machte zunächst eher eine blasse Figur. Als Bürgermeister von San Francisco hatte er einst Aufsehen erregt, als er dort die Homo-Ehe legalisierte. Nun tritt er auch als Gouverneur mehr und mehr in Erscheinung, hält die Zügel fest in der Hand, tritt täglich im Fernsehen auf, spricht Klartext, strahlt Zuversicht aus. Was die medizinische Infrastruktur betrifft, versuchen er und sein Office of Emergency Services, sie so rasch wie möglich hochzufahren.

Millionen von Kinder werden online unterrichtet

Und wie sieht es mit Hollywood aus? Auf den ersten Blick ist die Unterhaltungsindustrie schwer getroffen. Dreharbeiten für Filme und Serien wurden gestoppt, die Studios stehen leer, die Kinos sind geschlossen. Mindestens 170 000 Filmschaffende sind vorübergehend arbeitslos. Gleichzeitig wird gestreamt wie nie zuvor: Hollywoodproduktionen wie „I Am Legend“, „Outbreak“ oder „Contagion“, die sich mit Pandemien befassen, sind zum Renner geworden.

Wie lange hält das Internet noch? Wie verletzlich ist es? Es ist ja (auch) eine physische Struktur, die gepflegt, gewartet und verwaltet werden will. Über dem Coronavirus hat man die Gefahr von Computerviren nahezu vergessen. Saboteure oder Terroristen sind ebenfalls aus dem Gefahrenhorizont verschwunden. Das Internet ist zur wichtigsten Infrastruktur in der Krise geworden; ein teilweises oder gänzliches Versagen wäre ein Katastrophe. Vor allem für die Psyche der Menschen. Für die Eingeschlossenen.

Aber selbst in dem Staat, der so viel auf seine Technikinnovationen hält, haben etliche gar keinen Internetzugang. Millionen von Kindern und Jugendlichen werden ausschließlich online unterrichtet – gleichzeitig verfügt etwa ein Fünftel der Haushalte im L.A. Unified School District, dem größten Schulbezirk Kaliforniens, nicht über WLAN. Hilfe kommt nun von Google: 100 000 Hotspots installiert die Firma im Bundesstaat, damit auch Einkommensschwächere sich einloggen können.

Obdachlose werden in Hotels untergebracht

Die Zahl der ungelösten Probleme ist groß. Millionen Menschen haben ihre Arbeit verloren, bis auf weiteres. Laut U.S. Census Bureau sind über 20 Prozent der Bevölkerung unter die Armutsgrenze gerutscht – die derzeit Verletzlichsten. Einhunderttausend Menschen in Kalifornien sind obdachlos (die Hälfte aller Obdachlosen in den USA).

Die food banks sind überlaufen und haben viele ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter verloren, nämlich die Älteren, die jetzt zu Hause sitzen. Gerade wurde in L.A für eine Aussetzung der Zwangsräumungen und mehr Toleranz bei verzögerter Mietenzahlung demonstriert – unter Einhaltung der  Abstandsregeln: Man ging und fuhr mit dem Auto um die Villa von Bürgermeister Eric Garcetti herum. Immerhin werden Obdachlose jetzt in Hotels untergebracht, die mangels Touristen leerstehen.

Besonders schwer haben es die 400 000 landwirtschaftlichen Arbeiter im Central Valley, dem größten Anbaugebiet von Amerika. Sie wurden als systemrelevant eingestuft, müssen jedoch ungeschützt arbeiten, sind überwiegend nicht krankenversichert und haben kein soziales Netz. Auch Neueingewanderte trifft es hart. Die Journalistin Maanvi Singh berichtete über den Fall eines Ehepaars aus El Salvador, das vor einem Jahr legal in die Bay Area kam. Jetzt müssen sie sich über eine Hilfsorganisation ihr Essen besorgen. „Ich hätte nie gedacht, dass wir so etwas tun müssten,“ sagt die Frau. „In El Salvador war mein Mann Rechtsanwalt, ich war Lehrerin. Hier arbeitete er als Gärtner, ich in einem Kindergarten. Nun haben wir unsere Jobs verloren. Wir glaubten, in ein sicheres Land gekommen zu sein. Nun fühle ich mich nicht mehr sicher."

Das Ambiente ist für alle das gleiche

So hat das Coronavirus auch die kalifornische Bevölkerung in zwei Gruppen gespalten. Hier die Arbeitenden in „systemrelevanten“ Berufen, in Kliniken und Supermärkten, als Zusteller oder BusfahrerInnen, dort die unfreiwillig Ruhiggestellten, die so viel wie möglich zu Hause bleiben sollen.

Das Ambiente ist für alle das gleiche: die Busse sind leer, die Stadtautobahnen verlassen, Staus gibt es keine mehr, es wird jetzt viel weniger Benzin verbraucht. Die Luft ist noch besser geworden, die Natur kann sich erholen, die Tiere dringen langsam bis in die Leerräume vor. Manches Wild wurde an Orten gesichtet, wo es biser noch nie aufgetaucht ist.

Mich erinnert das an „Earth Abides“ („Leben ohne Ende“, auf Deutsch bei Heyne erschienen), den ökologisch-dystopischen Roman von 1949 des Berkeley-Professors George R. Stewart. Der Held, einer der wenigen Überlebenden einer globalen Virus-Epidemie, verbringt den Rest seines Lebens an der Bay, sieht täglich hinüber zur langsam verfallenden Skyline von San Francisco und auf die Bay Bridge, auf der schon lange keine Autos mehr fahren. Herbert Krill

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