Lautlose Waffe. Detail einer Armbrust aus dem Jagdpark Kaiser Maximilians I., um 1510. Foto: Deutsches Historisches Museum
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Armbrust-Ausstellung in Berlin Aus dem Hinterhalt

Schönheit und Schrecken: Das Deutsche Historische Museum präsentiert seine Armbrust-Sammlung.

Ein Held auf weißem Ross, weithin an der Krone zu erkennen, stürmt seinen Soldaten voran. Ein Scharfschütze in der belagerten Burg beugt sich über die Zinnen. Ein Schuss, ein Sturz. Im Hals des Königs steckt ein Bolzen. So zeigt Ridley Scott in seinem „Robin-Hood“-Film den Tod von Richard Löwenherz im Jahr 1199. Nur dass der legendäre englische König nicht bei der Eroberung der südwestfranzösischen Burg Châlus getroffen wurde, sondern bei einem Erkundungsgang davor. Einige Tage später starb er jämmerlich am Wundbrand. Es war nicht das erste Mal, dass mit einer Armbrust Geschichte geschrieben wurde.

Der Besucher als Zielscheibe

„Schönheit und Schrecken“ lautet der Titel einer Ausstellung, in der das Deutsche Historische Museum seine Armbrustsammlung präsentiert. Der Schrecken ist, siehe Löwenherz, selbsterklärend, die Schönheit erschließt sich, wenn man die 35, teils überaus prunkvollen Armbrüste betrachtet. Am Eingang der Ausstellung, die 240 Objekte auf 400 Quadratmetern versammelt, steht der Besucher zwei mannshohen Schilden aus dem 14. Jahrhundert gegenüber, zwischen denen ein Schütze in Helm und Kettenhemd auf ihn zielt.

Schon Römer und die Chinesen der Quin-Dynastie besaßen Armbrüste, in Europa geriet die Waffe danach in Vergessenheit. 1066 gelang ihr ein spektakuläres Comeback: Mit ihrer Hilfe gelang es den Normannen, in der Schlacht von Hastings die Angelsachsen zu besiegen. Es war der Beginn der Eroberung Englands.

Langsames Laden

Die Armbrust ist in erster Linie eine Defensivwaffe, weil ihre Wirksamkeit bei Distanzen über 200 Metern deutlich limitiert ist, war es wenig sinnvoll, sie in der Feldschlacht zu verwenden. Außerdem konnte ein Armbrustschütze sie mit einer Winde nur ein- bis zweimal pro Minute nachladen, Bogenschützen waren dreimal so schnell.

Der Vorteil der Armbrust liegt darin, dass sie Energie speichert. Ihr Benutzer kann endlos warten und zielen, ohne auf die Kraft seiner Arme angewiesen zu sein. Die Armbrust sei „etwas hinterhältig“, sagt Kurator Sven Lüken. Ihr Gebrauch galt als unritterlich, 1139 erließ das Zweite Laterankonzil das Verbot, die „Gott verhasste Kunst der Armbrust- und Bogenschützen“ gegen Christen einzusetzen. Rüstungsbeschränkungen lassen sich nur schwer durchsetzen, das Verbot wurde wenig beachtet. Den Garaus machte ihr der technische Fortschritt, in Form der effektiveren Feuerwaffen, die sie im 16. Jahrhundert verdrängten.

Die Nase des Kaisers

Was folgte war eine zweite Karriere der Armbrust als Jagdwaffe. Sie funktioniert lautlos und verscheucht kein Wild. Zwei Spitzenstücke der Ausstellung stammen aus dem Besitz von Kaiser Maximilian. Bei der Restaurierung im Vorfeld fand sich auf der Vorderseite einer der Waffen, die um 1510 entstand, das eingeätzte Porträt des Herrschers: Maximilian I., zu erkennen an seiner vorspringenden Nase, bei der Eberjagd. Eine kleine Sensation. Auf der Rückseite kündet ein Sinnspruch vom Selbstbewusstsein des Habsburgers: „SI DEVS PRO NOBIS QVIS CONT(RA) NOS“ (Wenn Gott für uns ist, wer wäre dann gegen uns).

Auf die Jagd zu gehen war lange ein Privileg des Adels. Dabei wurde auch Politik betrieben, es ging darum, die anderen zu beeindrucken. Ein Wettbewerb der Distinktion, den Lüken mit heutigen Versuchen vergleicht, den Besitz eines Porsches mit einem Lamborghini zu überbieten. Entsprechend beeindruckend sind manche Exponate. Da sind Teile einer mit Blech verkleideten Armbrust vergoldet, da finden sich Tiere, Engel, Ritter mit gezückten Schwertern als Intarsien, da wechseln biblische Szenen mit antiken Helden. Bei einer Waffe aus dem Jahr 1567, die unter anderem die Hochzeit von Kana sowie David und Batseba zeigt, ist es gelungen, die Druckgrafiken zu finden, die dem Armbrustmacher als Vorlage dienten.

Vom Krieg zum Sport

Es gibt auch eine Art Schießstand, allerdings nicht 80 Meter lang wie bei den Wettbewerben, die Schützengilden seit dem 15. Jahrhundert veranstalteten. Getroffen werden musste ein Loch in einer Zielscheibe, wenig größer nur als ein 5-Cent-Stück. Bei den Kämpfen, die oft durch eine als „Glückshafen“ bezeichnete Lotterie finanziert wurden, traten, ähnlich wie heute in der Fußball-Bundesliga, mehrere Städte gegeneinander an.

Die vor allem in Mittel- und Süddeutschland florierenden Schützenfeste markieren den Beginn einer Ära, in der die Armbrust zum Sportgerät wurde. Was als Innovation zum Töten von Menschen begann, endete als Freizeitbeschäftigung. Die Feldarmbrust des mehrfachen Welt- und Europameisters Jürgen Baumann, ein Eigenbau, ist flächendeckend mit Aufklebern beklebt, Souvenirs von Dutzenden Turniertriumphen.

Alpiner Westernheld

„Vertraute Bogensehne, die so oft / Mir treu gedient hat in der Freude Spielen, / Verlass mich nicht im fürchterlichen Ernst.“ So fleht Wilhelm Tell bei Schiller, bevor er auf den Tyrannen Gessler anlegt. Tells Geschichte wird bereits in einer „Cosmographia“ von 1559 erzählt, Starpostkarten von rübezahlbärtigen Darstellern bezeugen seine Popularität im 19. Jahrhundert. Der Armbrustschütze behält selbst in größter Not noch eine ruhige Hand. Ähnlich treffsicher wie der Schweizer Nationalheld ist allenfalls noch John Wayne (Deutsches Historisches Museum, bis 8. März, täglich 10–18 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Bestandskatalog der Sammlung erschienen, Hirmer, 35€).

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