Winzig und auf einem Werbeblock: Walter Benjamins Handschrift.

Archiv der Akademie der Künste Berlin Aufbewahren bis: für immer

Noch größer werden die Augen in einem schlichten Besprechungsraum. Da hat Birgit Jooss Paradestücke aus zehn Archivabteilungen heraussuchen und auf Tischen ausbreiten lassen. Von Baukunst bis Theaterdokumentation. Komisch-originelle choreografische Skizzen von Mary Wigman, eine der wenigen Zeichnungen von Thomas Mann, „Arbeitskurven“ von Käthe Kollwitz, eine Fotopostkarte von John Heartfield an Otto Dix, Romy Schneiders Fotoalbum des tödlich verunglückten Sohnes, Notizen von Stefan Zweig, Brecht, Piscator, Pechstein, Kertész. Jedes Stück erzählt tausend Geschichten, ist ein intimes Dokument der Zeit, des Denkens, Fühlens, Schaffens.

Nur herausgesucht sind sie nicht, wie Birgit Jooss’ Einführung in das Vokabular ihrer Zunft ergibt. Archivare suchen nicht, sie heben aus. Sie legen nicht zurück, sondern sie reponieren. Sie vernichten nicht, sie kassieren. Sie lagern nicht, sie überliefern. Immer geplagt von der ewigen Frage: was ist überlieferungswürdig? Manche Akten sind mit dieser Zeitangabe versehen: „Aufzubewahren bis: ständig“. Werner Heegewaldt lacht. Deswegen nennt er Vorlässe, also die Übernahme eines Archivs zu Lebzeiten des Künstlers, auch „Anwartschaft auf die Ewigkeit“.

Auf die übrigens kein Akademiemitglied automatisch Anspruch hat, auch wenn das Archiv deren Nähe in der Hoffnung auf interessante Schenkungen sucht. Im Gegenzug können Künstler und Erben auf eine konservatorisch sichere, öffentlich zugängliche Aufbewahrung und die Mehrung des Nachruhms durch Ausstellungen oder Buchpublikationen setzen. Für die Überlieferungswürdigkeit ausschlaggebend sei immer das Dokument selber, sagt Direktorin Jooss. Ein großer Name, über die das Akademiearchiv von Christa Wolf bis Christoph Schlingensief reichlich verfügt, bedeutet nicht unbedingt eine aussagekräftige Sammlung. Wohingegen jemand aus der dritten Reihe vielleicht wunderbare Tagebücher oder Korrespondenzen geführt habe, die die Zeit illustrieren und Querverbindungen zu anderen archivierten Künstlern schaffen.

Die Horizonterweiterung, der interdisziplinäre Ansatz

Sich Sammlungen gegenseitig wegzuschnappen, ist unüblich unter Kulturarchiven, auch wenn durchaus ein sportlicher Wettkampf mit dem Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz oder dem Literaturarchiv Marbach besteht, wie Birgit Jooss beim Verlassen des Hauses am Robert-Koch-Platz erzählt.

Sie residiert nur fünf Minuten Fußweg über den Charité-Campus entfernt. In einem kleinen Altbaubüro in der Luisenstraße. Zusammen mit der Kunstsammlung und dem Walter-Benjamin-Archiv. Noch bis zum Frühjahr 2016, dann folgt der Umzug in das Akademie-Gebäude am Pariser Platz. Was sie als Ex-Chefin eines bedeutenden Kunstarchivs dazu bewogen hat, ausgerechnet eins zu übernehmen, das einen literarischen Schwerpunkt hat? Jooss muss nicht groß überlegen. „Die Horizonterweiterung, der interdisziplinäre Ansatz.“

Um die Faszination zu verstehen, reicht ein letztes bisschen Stiege steigen und Archivalien ansehen. Soll man lachen? Weinen? Beim Betrachten von Walter Benjamins 1935 in winziger Schrift gekritzeltem Text „Was ist Aura?“ aus „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ bleibt das Herz stehen. Schreibpapier des armen, exilierten Philosophen ist ein banaler San-Pellegrino-Werbeblock! Erhebend und zwiespältig zugleich ist es, in der Kunstsammlung ein 1932 in New York gefülltes Skizzenheft von George Grosz durchzublättern. Leuchtreklamen, Messerwerfer, Amüsierbuden – Straßenszenen aus Coney Island. 1933 ging auch er ins Exil.

Respektvolle Ordnung des Archivs

Namen, Zeitläufe, Kunstwerke, Alltagsdinge, die respektvolle Ordnung des Archivs bringt nachträglich Struktur, Trost, ja Poesie in die unordentliche Welt. Das Erkunden könnte ewig weitergehen. Die Direktorin allerdings hat Termine, hat Aufgaben. Die Fortführung der digitalen Aufbereitung der Bestände ist eine davon. „Was nicht im Netz ist, ist für jüngere Generationen nicht existent.“ Jüngstes Vorzeigeprojekt: In der zweiten Jahreshälfte werden 3000 „Preußenakten“ aus dem Historischen Archiv online gehen.

Der Vorgänger war Jahrzehnte im Amt. Welche Verweildauer plant Birgit Jooss? Sie lächelt sybillinisch. „Ein Archiv und seine Posten sind auf Dauer angelegt.“

Mehr zum Archiv der Akademie der Künste unter: www.adk.de

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