Erbaut 1928/30 von Mies van der Rohe. Die Villa Tugendhat im tschechischen Brno (Brünn). Foto: Petr1987
© Petr1987

Architektur und Leben Bunte Bullaugen machen

Achtung, Kunst: Augenzeugenberichte vom Aufwachsen in berühmten Häusern.

Wer sich in einer Architekturbuchabteilung mal ausgiebig durch Zeitschriften und Bildbände blättert, könnte am Ende zu der Erkenntnis kommen: Nur ein totes Haus ist ein gutes Haus. So gut wie nie sind Menschen zu sehen. Neue Gebäude werden als pure Kunstwerke in Szene gesetzt, die Musealisierung scheint noch vor dem Erstbezug zu beginnen – und mit dieser zu enden.

Was danach kommt, so suggeriert die Fotografie, häufig von den Architekt:innen selbst in Auftrag gegeben, kann nur noch Verfall sein. Als würden nicht erst die Nutzer:innen die Gemäuer zum Leben erwecken – und testen, wie gut die Architektur jenseits der Optik tatsächlich ist.

Umso erfrischender die Perspektive, die der Band „Kinder der Moderne" einnimmt. Julia Jamrozik und Coryn Kempster haben verschiedene, heute hochbetagte Menschen besucht, die in berühmten Gebäuden aufwuchsen: in J.J.P. Ouds Reihenhaus in der Weissenhofsiedlung und Mies van der Rohes Villa Tugendhat, in Scharouns Haus Schminke und Le Corbusiers Unité d’Habitation.

[Julia Jamrozik, Coryn Kempster: Kinder der Moderne. Vom Aufwachsen in berühmten Gebäuden. Birkhäuser Verlag, Basel 2021. 328 Seiten, 40 €.]

Es ist ein überaus lebendiges Buch, allein durch die Gestaltung. Die Erzählungen der Kinder von einst werden ergänzt durch zahlreiche Fotos, die sie damals und heute zeigen, neben Bildern vom gegenwärtigen Zustand, mit allen Gebrauchsspuren. Dazu Grundrisse, wie man sie kennt, aber auch andere, auf denen die Erinnerungen der Gesprächspartner:innen mit roten Kreisen markiert sind.

Die Kaninchen Hitler und Hindenburg

Etwa die Betonbank in der Weissenhofsiedlung, auf der ein Vogel Rolf Fassbaender die Butter vom Brot schnappte, der Garten, in dem Rolfs Kaninchen – von ihm Hitler und Hindenburg genannt – sich sonnen konnten, oder die Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer, die er „Nabelschnur“ nannte.

Die Texte hätten ein bisschen mehr von dieser Lebendigkeit vertragen. Es wirkt, als hätte das Autorenpaar im Bemühen um akademische Seriosität mit angezogener Handbremse geschrieben. Vielleicht aus Sorge, angesichts des Themas – Kinder! – nicht ernst genommen zu werden. Da hätten sie ruhig mutiger sein können. Denn das Buch steckt voller Erkenntnisse, auch Überraschungen. Etwa wenn der Philosoph Ernst Tugendhat erzählt, dass seine Eltern tatsächlich ein Klavier, das von Mies von der Rohe an dieser Stelle der Villa nicht vorgesehen war, vor einem anstehenden Besuch des Architekten in den Keller schafften; aber dass sie sich durch das vorgegebene Korsett nicht unfrei gefühlt hätten in ihren Entscheidungen.

Von einer ganz anderen, herzlichen Beziehung zwischen Bauherren und Architekt erzählt Helga Zumpfe. Noch während des Bauens freundete sich die Familie mit Hans Scharoun an. Auf den Fotos sieht man, wie er den vier Kindern vorliest, sich mit Wasser bespritzen und gekochtem Ei füttern lässt.

Das Haus als idealer Spielplatz

Nicht nur der Garten, auch das großzügig, schwungvoll gestaltete Haus erweist sich als idealer Spielplatz. Außer zum Verstecken – dafür war es zu offen geraten. Schon bei der Planung hatte Scharoun offenbar die Kleinen im Blick, sei es bei niedrig gesetzten Fenstern aus denen sie klettern konnten, oder bunten Bullaugen in den Türen, auf ihrer Augenhöhe.

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Romane und Autobiografien sind voll von Erinnerungen an die Häuser der Kindheit, die, ob negativ oder positiv, oft prägend sind. Eigentlich erstaunlich, dass das bisher in der Architekturforschung noch kein großes Thema gewesen ist. Dabei ist es für diese ein besonders interessanter, da unbefangenerer Blick. Jamrozik und Kempster weisen gleich zu Beginn auf die besondere Zeitzeugenschaft der Kinder hin. Denn im Unterschied zu den Eltern war es ja nicht ihr Entschluss, in einem Bau der Moderne zu leben, sie wurden einfach mitgeschleppt.

Es ist ein Buch, dem man viele Leser:innen, vor allem an Hochschulen wünscht, das Schule machen sollte. Die spätere Nutzung – und die Nutzungsmöglichkeiten – eines Baus unter die Lupe zu nehmen, statt ihn einzufrieren im Moment der Fertigstellung, kann nur zu besserer Architektur führen. Denn die ist nun mal für Menschen, nicht Bilder gemacht.

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