Heute Spazierweg für die Städter, einst Absicherung gegen die verschmutzte Themse - Londons Embankment. Foto: Reuters/Henry Nicholls
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Architektur in Zeiten von Corona Krankheiten schreiben sich ins Stadtbild ein

Londons Embankment und viele andere Uferpromenaden schützten einst vor Cholera. Ein Forschungsprojekt der Princeton University geht dem nach.

Ein Grid aus weißen Betten in einem dunklen Halle. Innerhalb von wenigen Tagen wurde auf dem Infema Messegelände nahe des Madrider Flughafens ein Intensivbetreuung für Covid-19-Patienten eingerichtet. Genauso wie es in anderen Städten gemacht wurde, in den Berliner Messehallen, in New York, in Belgrad. „Jede Architektur ist krank“, lautet die zugespitzte These eines Forschungsprojekts der Princeton University, an dem auch das New Yorker Kunst- und Theoriemagazin eflux beteiligt ist.

Das früh geplante Kolloquium wird von der Realität eingeholt

Das Bild des Madrider Lazaretts mit seinen leeren Betten war als Standbild auf dem Bildschirm zu sehen, bevor sich dort die Gesichter der Princeton-Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina, des eflux-Gründers und Architekten Nikolaus Hirsch und einiger Doktoranden zeigten. Sie trafen sich in dieser Woche zum öffentlichen Roundtable-Gespräch, um über die Verbindung zwischen Architektur und Krankheit zu diskutieren.

Das Thema stammt, wohlgemerkt, aus der Zeit vor Covid-19. Nun wird es von der Realität eingeholt. Und naturgegeben erwartet man vom überwiegend historischen Rückblick der Forscher Rückschlüsse auf die Gegenwart.

Jede Krankheit schreibt sich in die Architektur einer Stadt ein, heißt es beim Gespräch. Und dort bleibt sie auch. Fest verankert im Alltag. Überschrieben von Normalität. Überlagert von der nächsten Gesundheitskrise. Beispiel: das Embankment in der britischen Hauptstadt. Heute heißt eine Londoner U-Bahnstation so oder man denkt an die Embankment Gardens, eine grüne Oase mitten in der Stadt.

Das Thames Embankment, der Uferdamm an der Themse, wurde im 19. Jahrhundert erbaut, als in London das mit Exkrementen verschmutzte Wasser der Themse dafür sorgte, dass Menschen an der Cholera starben. Der befestigte Damm am Fluss half Krankheiten zurückzudrängen. Jede schöne Uferpromenade ist im Grunde ein Akt der Hygiene.

In 100 Jahren weiß keiner mehr, wie Covid-19 die Stadt prägte

Alle Architekturen tragen die Spuren früherer Krankheiten in sich, sagt Nikolaus Hirsch, ehemals Rektor an der Frankfurter Städelschule. Wenn das so ist, würde sich auch Covid-19 unverbrüchlich ins Stadtbild einschreiben, nur würde diese Spuren in 100 Jahren niemand mehr so lesen.

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In den kurzen Referaten, die bei der Veranstaltung vorgetragen werden, nehmen die Architektur- und Stadtexperten Infrastrukturen wie die Einwandererinsel Ellis Island in New York, das Bernhard Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg oder die in den Neunzigerjahren geschaffene Uferpromenade am Hudson River unter die Lupe, um deren teils vergessene Verbindung zu medizinischen Themen aufzuzeigen.

Architektur und Krankheit bedingen einander - so eine These

Krankheiten und Architektur sind untrennbar miteinander verbunden. Man könnte sogar argumentieren, so die Forscher, dass der Beginn der Architektur der Beginn der Krankheit sei. So formulierte es der Arzt Benjamin Ward Richardson, als er anlässlich der Internationalen Gesundheitsausstellung 1884 in London das Kompendium „Our Homes and How to Make them Healthy“ vorstellte. Bauten, die die Menschen vor der Ausgesetztheit schützen sollten, schufen gleichzeitig die Bedingungen für das, was man zukünftig als Krankheit ansah. Ein Zirkelschluss.

Nächstes Jahr soll es eine Ausstellung dazu geben

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts starben jedes Jahr weltweit Millionen Menschen an Tuberkulose. Moderne Gebäude boten einen prophylaktischen Schutz vor den unsichtbaren Mikroorganismen. Demnach sind die charakteristischen Merkmale der modernen Architektur - weiße Mauern, Terrassen, große Fenster, von der Erde abgehobene Geschoße – Ausdruck davon.

Auch wenn das heute niemand mehr so wahrnimmt. Eine Rationalisierung der aktuellen Pandemie sollen diese Forschungssplitter explizit nicht liefern. Eher sind sie ein Appell gegen das Vergessen. 2021 soll es zur „kranken Architektur“ eine Ausstellung im Architekturzentrum CIVA in Brüssel geben.

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