Neohumanide Utopien. Wie würde man sich bewegen, wenn man mehr sehen und fühlen könnte? „Archipel – Ein Spektakel der Vermischungen“ lotet das aus. Foto: Martin Rottenkolber
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„Archipel“ bei „Tanz im August“ Sie tanzen frei wie Körperpflanzen

Beim „Archipel“ auf dem „Tanz im August“ trifft die berühmte Architektur von Sou Fujimoto auf Tanz und Musik. Ein Porträt.

Die Chance, mit einem bekannten Architekten zusammenzuarbeiten, bietet sich dem Leitungsteam eines Tanzprojekts nicht alle Tage. Der Choreografin Stephanie Thiersch und der Komponistin Brigitta Muntendorf ist es sogar gelungen, mit Sou Fujimoto einen der berühmtesten Architekten Japans ins Boot zu holen. Inspiriert durch organische Strukturen, schafft Fujimoto in seinen Projekten Verbindungen zwischen natürlicher und gebauter Umwelt. Für die Performance „Archipel – Ein Spektakel der Vermischungen“ hat er eine schwebende Raumskulptur entworfen, eine Landschaft aus einander überlagernden kleinen Inseln.

„Diese Skulptur 360 Grad zu bespielen, ist eine großen Herausforderung", sagt Stepanie Thiersch beim Zoom-Interview. Sich mit dem Raumverständnis von Fujimoto auseinanderzusetzen, fand sie sehr spannend. Dessen Entwurf musste etwas abgespeckt werden, weil er sonst das Budget gesprengt hätte. Die futuristische Skulptur kann man nun beim beim „Tanz im August“ bewundern. Sie ist nicht nur Blickfang, sondern aktiver Mitspieler – und verändert ständig ihre Bedeutung.

Für „Archipel“ brauchten Stephanie Thiersch und Brigitta Muntendorf einen langem Atem, auch wegen Corona. Von Anfang an war eine Synthese aus Tanz, Musik und Architektur geplant. Von der ersten Idee bis zur Premiere vergingen aber drei Jahre.

Die Produktion war ursprünglich für die Ruhrtriennale 2020 beauftragt worden, die dann wegen der Pandemie abgesagt wurde. Premiere feierte sie erst im Juni bei „Theater der Welt“ in Düsseldorf. Thiersch und Muntendorf freuen sich auf die Vorstellungen beim „Tanz im August“. Das Festival beginnt an diesem Freitag. Fujimotos Skulptur wird hier, wie ursprünglich konzipiert, in einer Industriehalle aufgebaut.

Spielort ist das neue Kunstzentrum MaHalla, eine ehemalige Turbinenhalle in Oberschöneweide. Die Tribünen werden so hoch gebaut, dass das Publikum von oben auf den Archipel blicken kann. Die Lichtverhältnisse sind natürlich anders als in der Black Box eines Theaters. „Ich muss nun Tageslicht und den Sonnenuntergang integrieren“, sagt Thiersch.

Es geht um Lebensphilosophie

Die Kölner Choreografin hat schon in „Bilderschlachten“ (2019) mit der Komponistin Brigitta Muntendorf zusammengearbeitet. Diesmal wollten die beiden einen Schritt weitergehen und das Stück gemeinsam erarbeiten. Ihr Ziel war es auch, aus den zehn Tänzer:innen und den Musiker:innen des Ensemble Garage und des Asasello Quartetts sowie Gästen eine Gemeinschaft zu formen, eine „Insel des Zusammenseins“. „Das bedeutet, dass man in ganz andere Arbeitsprozesse geht“, so Thiersch.

Jeden Morgen gab es ein gemeinsames Aufwärmtraining für die Tänzer:innen und Musikerinnen. „Das war ganz stark ausgerichtet auf Zuhören, miteinander in Berührung kommen, gemeinsam den Raum spüren“, erzählt Thiersch. Abends wurde gesungen; zudem wurden die musikalischen Strukturen von Muntendorfs Komposition erklärt. „Es muss auch darum gehen, wie man zusammenarbeitet, es geht auch um lebensphilosophische Konzepte und nicht nur um formale Fragen“, meint Thiersch.

[„Archipel - Ein Spektakel der Vermischungen": 20. bis 22.8., jeweils 20.30 Uhr im MaHalla (Wilhelminenhofstraße 76, 12459 Berlin)]

Wegen Corona hat das Künstlerinnenduo den Herbst über nur in Kleingruppen geprobt. Die Performer:innen haben erst mal erkundet, wie sich der Archipel bewohnen lässt. „Wir haben versucht, diesen Untergrund, diese Behausung als eine Erweiterung des Körpers zu sehen“, sagt Thiersch. „Das ist erst mal nur ein Gedanke, der beeinflusst, wie man sich verhält auf dem Archipel“. Auch mit der Idee einer Sinneserweiterung haben die Performer:innen gearbeitet. Wie würde man sich bewegen, wenn man mehr sehen und fühlen könnte? Es soll aber nicht suggeriert werden, dass diese Neohumanoiden Superkräfte hätten.

„Wir haben nach einer Einfachheit gesucht; das hat damit zu tun, dass wir uns nicht verbiegen wollten in eine Virtuosität“, sagt Thiersch. Sie hat zudem darauf geachtet, dass auch die Musiker:innen die Bewegungen ausführen können. Thiersch spricht von „Körperpflanzen“ und „gemeinsamen Wachsen“. Ihre Philosophie fasst sie so zusammen: „Meine Körper sind immer Körper im Prozess, im Übergang zu etwas anderem. Und auf der Suche nach einer archaischen Form des Zusammenseins.“

Neue Formen der Koexistenz

Die Skulptur von Sou Fujimoto ist nicht nur Bühne und Lebensraum der Performer, sondern auch Klangkörper, erzählt Brigitta Muntendorf. Es wurden eigens designte Musikinstrumente eingebaut, außerdem wurden 20 Kontaktmikrophone befestigt. „Wir können die verschiedenen Plattformen einerseits verstärken oder elektronisch manipulieren. Die Kontaktmikrophone können aber auch Samples triggern, zum Beispiel digitale Klänge oder Worte.“

In ihrer Partitur finden sich auch viele Einflüsse aus anderen Kulturen, insbesondere zahlreiche Varianten des „Kecak“, einer Art Fake-Kultur aus Bali. Der norwegische Obertonchor kann coronabedingt nicht live dabei sein, sondern wird über 3D-Audio- und Video-Einspielungen in das Stück integriert.

Es geht aber nicht nur um die Vermischung unterschiedlicher Genres in dem Stück. Thiersch und Muntendorf haben sich von dem „archipelischen Denken“, wie es der karibische Schriftsteller Edouard Glissant postuliert, inspirieren lassen. Pate für die hybriden Wesen, die den „Archipel“ bewohnen, steht die amerikanische Biologin und Philosophin Donna Haraway, die über neue Verwandtschaften zwischen den Arten nachdenkt.

„Für uns war es wichtig, dass wir diese Idee zurückholen zu uns, dass diese Utopie nicht auf einem anderen Planeten stattfindet“, sagt Thiersch. Sie hat die Debatte über die Zukunft auf dem Mars verfolgt – in ihren Augen handelt es sich dabei meist um eine patriarchale „koloniale Fantasie“.

Die Zukunftsvision von „Archipel“ grenzt sich davon ab; sie zeigt eine Spezies, die nach neuen Formen der Koexistenz sucht. Es sei eine lange Reise für sie und ihre Perfomer:innen gewesen, berichten Thiersch und Muntendorf. Nun laden sie ein, mit auf den Trip gehen.

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