Die Station 152a der Charité-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Auch Annika Domainkos Roman "Ungefähre Tage" spielt in einer psychiatrischen Klinik Foto: picture alliance / Maurizio Gamb
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Annika Domainkos Roman "Ungefähre Tage" Haare pflücken

Wenn die Dinge aus dem Ruder laufen: Annika Domainko erzählt in „Ungefähre Tage“ von der Beziehung eines Psychiatrie-Pflegers zu einer Patientin.

Temenos bezeichnete im antiken Griechenland einen Tempelbezirk, oder, allgemeiner, einen abgegrenzten Raum, der aus der Landschaft herausgestanzt ist und eigenen Regeln folgt. Drinnen und Draußen waren klar voneinander unterschieden. Was drinnen passierte, war der profanen Welt enthoben, so heißt es in Annika Domainkos Roman „Ungefähre Tage“. (C. H. Beck, München 2022. 221 Seiten. 23 €.)

Nicht von ungefähr spielt das Temenos darin mehr als nur eine metaphorische Rolle. Die 1988 geborene Debütantin hat unter anderem Klassische Archäologie studiert.

Heilig sind die von ihr ausgeleuchteten Räume zwar nicht, doch der Welt entzogen, verborgen hinter verriegelten Türen mit Milchglasscheiben. Dort arbeitet der nur „Grün“ genannte Pfleger seit über 18 Jahren auf einer geschlossenen psychiatrischen Station. Sein Alltag ist von Wiederholungen bestimmt, selbst wenn Rother, ein immer wiederkehrender Patient, austickt und das Personal angreift, gehört das zur Routine.

Das Studium der Archäologie hat Grün im Unterschied zu seiner Erfinderin abgebrochen, das Fernstudium ruht ebenfalls. Im Draußen, zu Hause, geht Frau Josefine ihrer Karriere nach und mit dem Baby Maja alles seinen gewohnten Gang. Nikotinsucht und Tablettenabhängigkeit hat der Pfleger seit der Geburt des Kindes unter Kontrolle.

Grün weiß, dass "etwas nicht passt"

Eines Tages liest Grün eine junge rothaarige Patientin im Foyer der Klinik auf, die eine eigenartige Anziehungskraft auf ihn ausübt. Sie ist von Schuldkomplexen geplagt und wird von Stimmen verfolgt. 

Der behandelnde Arzt gibt ihr eine Diagnose, doch Grün weiß, dass „etwas nicht passt“. Seine Nachtschichten erlauben es, dass sie gemeinsam im Klinikgarten rauchen und über die Variationen der Wiederholung reden, die die Komparatistin wissenschaftlich verfolgt – und Grün tagtäglich erlebt. Zunächst nur professionell besorgt um die junge suizidgefährdete Patientin, beginnt er „ein Spiel gegen sich selbst“.

Die Variationen spiegeln sich im Roman auch formal in vorweggenommenen Gedankenspielen, nachgetragenen Aufzeichnungen und willkürlichen Perspektivwechseln von der ersten in die dritte Person. In der Gefährdung des Mädchens erkennt sich Grün wieder, sein eigenes Trauma wird virulent, je intensiver sich sein Blick auf die Patientin richtet und sich mit ihrem verfängt.

Wo beginnt die Grenzüberschreitung? Schon im Stationszimmer, wo er ihr Milch zubereitet? Im verschwiegenen Garten? Beim manipulativen Versuch, sie von allen gruppentherapeutischen Maßnahmen fernzuhalten? Oder erst im Musikzimmer, wo er sie Klavier spielen lässt, von ihm heimlich beobachtet? „Ich wollte, dass sie klein war, in meinen Arm passte, ich dachte an Maja.“

Für Grün, dessen Rhythmus durch die Wechseldienste ohnehin durcheinander- geraten ist, verschwimmen Realität, Erinnertes und Erdachtes immer mehr, „brechen in großen Brocken aus dem Tag und zerspringen in Teile“, die sich nicht mehr zusammenfügen lassen. Wie in den „Stilübungen“ Raymond Queneaus, die seine Patientin studiert, gibt es „einhundert Arten, dieselbe Geschichte zu erzählen“, die Wand zwischen dem Innen und Außen zu verschieben.

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Grün beginnt die Kontrolle zu verlieren, zum ersten Mal, seitdem er auf der Station arbeitet, „liefen die Dinge aus dem Ruder“, gleitet ihm die Chronologie aus den Händen.

Dieses „Ungefähre“ in der Schwebe zu halten, zwischen außerordentlich präzisen Alltagsbeschreibungen, Drogenträumen, Fantasien und unwirklich-verwehenden Gesprächen macht diesen Roman eindringlich und stark, vor allem dort, wo sich die Figuren ineinander auflösen, wo sich Risse zwischen Realität und Wahn auftun.

Auch wenn Grüns Arbeit von unendlich vielen Rauchpausen unterbrochen ist und er den Stress heutigen Pflegealltags nicht zu kennen scheint, blitzt doch auf, was die Tätigkeit in einer Psychiatrie bestimmt. Im Roman soll dies von einer zufällig dort recherchierenden Journalistin eingefangen werden. Doch obwohl diese Journalistin im Gegensatz zu Grüns Patientin mit vollem Namen auftritt und am Ende sogar eine Schlüsselrolle spielt, bleibt sie wie Grüns Kolleg:innen nur angedeutet im Hintergrund. Und manchmal wünschte man sich, dass nicht alles aus Haaren (Laub), Händen (Schokolade) usw. „gepflückt“ würde.

Etwas überfrachtet wirkt das Psycho-Drama durch die vielen Analogien zu und Verlängerungen in die griechische Antike, begonnen mit der Doppeldeutigkeit der Medusa-Gestalt, die Grün in seiner Patientin erkennt. In einer Art szenischem Nachspiel und in lexikalische Begriffe gegossen, wird das Thema „Variationen“ am Schluss noch einmal aufgenommen und verschränkt.

„Sie glaube nicht, dass es am Ende noch die gleiche Geschichte sei“, hatte die junge Frau Grün gesagt und die zwölf Tage „in feste Formen gebracht.“ Seine Geschichte in ihren Worten, „ein Ich, das nicht mehr aus dem Spiegel, sondern aus fremden Mündern zu einem spricht, dem die Zunge bricht.“ In solchen Formulierungen scheint viel theoretischer Ballast auf, den die Autorin gar nicht nötig hat.

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