Beseelt. Aretha Franklin beim Kirchenkonzert. Foto: Amazing Grace Movie, LLC
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„Amazing Grace“ auf der Berlinale In der Kirche mit Aretha Franklin

Außer Konkurrenz im Wettbewerb: Der Dokumentarfilm „Amazing Grace“ zeigt, wie Aretha Franklin vor 40 Jahren zum Gospel zurückfand.

Unter allen Liedern, die von Gottes Gnade und dem Kraft des Glaubens erzählen, ist „Amazing Grace“ wahrscheinlich das berühmteste. Die Erde wird sich irgendwann auflösen wie Schnee, die Sonne aufhören zu scheinen, doch wer dem Weg des Herrn folgt, auf den wartet ein Jenseits voll Freude und Frieden. So lautet das Versprechen. Obwohl „Amazing Grace“ im 18. Jahrhundert vom ehemaligen Kapitän eines Sklavenschiffs geschrieben wurde, stieg es zur schwarzen Gospelhymne auf. Als in Charleston neun Afroamerikaner erschossen worden waren, sang Präsident Barack Obama den Song bei der Trauerfeier.

„Amazing Grace“ heißt der Film, der außer Konkurrenz einen fulminanten Schlusspunkt des Wettbewerbs setzte. Er zeigt, wie Aretha Franklin an zwei Abenden im Januar 1972 in der New Temple Missionary Baptist Church von Los Angeles ihr gleichnamiges Doppelalbum aufnimmt, das als meistverkauftes Gospelplatte in die Geschichte einging. Mit dem Film, für den es Starregisseur Sydney Pollack verpflichtete, wollte das Warner- Brothers-Studio an den kommerziellen Erfolg von „Woodstock“ anknüpfen.

Allerdings gab es erhebliche technische Probleme. Ton und Bild waren in unterschiedlichen Geschwindigkeiten aufgenommen worden, selbst mit Hilfe von Lippenlesern gelang in der Postproduktion keine Synchronisation. Das Projekt wurde mit 25 000 Dollar Verlust abgeschrieben. Dass der Film nun, ein Jahr nach dem Tod der Sängerin und zehn Jahre nach dem Tod des Regisseurs, doch noch vom Produzenten Alan Elliott fertiggestellt werden konnte, ist ein Glücksfall. Er dokumentiert einen magischen Moment der Popgeschichte.

Jeder Song wird zur Kurzpredigt, zum Stoßgebet

Aretha Franklin stand mit 29 Jahren im Zenith ihrer Karriere, hatte 20 Alben herausgebracht, fünf Grammys gewonnen, ihre Hits hießen „Respect“ oder „Think“. Sie war eine Königin, als „Lady Soul“ und „First Lady of Music“ verehrt. Doch Reverend James Cleveland, gleichzeitig Hochwürden, Klavierbegleiter und Zeremonienmeister der Show, nennt sie „meine Schwester“. Soul galt den Strenggläubigen als sündig, weil er auf dem Geist der Spirituals beruhte, aber daraus ein Lobpreis irdischer Liebe gemacht hatte.

Franklin, zurück in der Kirche, sieht atemberaubend aus. Am ersten Abend trägt sie ein mit funkelndem Strass besetztes weißes Gewand, Perlen baumeln an den Ohren, am zweiten Abend zeigt sie sich in grünem Pfauenaugenmuster. Die Sängerin ist ein Engel, herabgestiegen vom Himmel, um die frohe Botschaft zu verkünden. Sie singt „What a Friend We Have in Jesus“, versichert „God Will Take Care of You“, beschwört mit „Wholy Holy“, komponiert von Marvin Gaye, den Wert der Gemeinschaft. In Zeiten der Bürgerrechtsbewegung ist das auch ein politisches Statement.

Jeder Song wird zur Kurzpredigt, zum Stoßgebet. Aretha säuselt und seufzt, schließt die Augen, verziert ihre Gesangslinien mit Koloraturen. Begleitet wird sie von ihrer Band und dem Southern California Community Choir, dessen Mitglieder Ekstatiker mit Afrofisuren und Silberwesten sind. Hinter ihnen hängt ein gewaltiges Gemälde, das Jesus als Menschenfischer im See Genezareth zeigt. Auch wenn die Sängerin oft hinter der Kanzel steht, verweigert sie sich der Orthodoxie. „Precious Lord, Take my Hand“ und „You’ve Got a Friend“, miteinander verkoppelt, klingen mehr weltlich als sakral.

Mick Jagger und Charlie Watts sind im Publikum

Zwischendurch springt der Film kurz zurück zu den Proben, einmal gibt es eine Panne, als ein Mikrofon mit Wasserschaden ausfällt. Der zweite Abend wird zur Huldigung, Mick Jagger und Charlie Watts sind im Publikum. Als Ehrengast fungiert Clara Ward, eine Gospel-Veteranin mit hochgetürmter Frisur. Gekommen ist auch der Vater der Sängerin, C. L. Franklin, der als Prediger Millionen Platten verkauft hatte. Er erzählt, wie er das elfjährige Gesangswunder von Detroit aus mitnahm auf seine Tourneen durch sie Südstaaten.

„Sie hat die Kirche niemals verlassen“, versichert er und tupft ihr beim nächsten Lied den Schweiß von der Stirn. Es wird über Aretha geredet, aber Aretha schweigt. Amazing Grace“ singt sie vollkommen entschleunigt, Silbe an Silbe fügend. „I once was blind, but now I see.“ Es ist das Lied einer Bekehrung. Wer „Amazing Grace“ gesehen hat, gehört fortan zu Aretha Franklins Jüngern. Amen.

16.2., 9.30 (Friedrichstadtpalast), 12.45 (HdBF), 18.30 Uhr (Friedrichstadtpalast)

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