Alles so schön bunt hier? Berlin gibt sich weltstädtisch und offen, wie bei der „Unteilbar“-Demonstration im Oktober letzten Jahres. Aber im Alltag machen viele Menschen ganz andere Erfahrungen. Foto: Gallup/Getty Images
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Als Afroamerikaner in Berlin Multikulti ist der Kern von Rassismus

Brandon Keith Brown

Davon, was ein Afroamerikaner im Alltag in Berlin erlebt, können Weiße sich keine Vorstellung machen. Ein Gastbeitrag.

Brandon Keith Brown, 1981 in North Carolina/USA geboren, lebt als Dirigent in Berlin. Er arbeitete unter anderen mit dem RSB, der Staatskapelle Weimar und den Nürnberger Symphonikern.

Wie der amerikanische Schmelztiegel-Mythos, so versucht das deutsche Multikulti-Konzept alles, was zwischen uns anders ist, auf wundersame Weise wegzufegen. Multikulti verspricht Gleichheit, Handlungsfähigkeit, Pluralität und eine automatische Akzeptanz von Gefühlen, Gedanken, Erfahrungen, unterschiedlichen Erzählungen, Sprachen und Handlungsweisen von allen Menschen.

Aber das ist nicht das Berlin, das ich kenne. Multikulti leugnet die Erfahrung des alltäglichen Rassismus in dieser Stadt. Weiße Deutsche definieren es, und es hält die weiße Vorherrschaft aufrecht. Weiße Deutsche sprechen nicht darüber, weil sie entweder keine schwarzen Freunde haben oder keine, die bereit sind, über das Thema mit ihnen zu diskutieren. Weil sie Beschwerden von vornherein ablehnen, sofern es sich nicht um körperliche Gewalt handelt oder sie Zeuge von klaren rassistischen Diffamierungen werden. Und vielleicht auch, weil sie sich für den Holocaust schämen und deshalb nicht darüber sprechen wollen.

Rassisten treten nicht mehr nur mit Springerstiefeln und Glatze auf. Die Weigerung, jemanden in einem Lokal zu bedienen, übermäßige Aufmerksamkeit in Geschäften, also angestarrt werden oder von Angestellten verfolgt zu werden, rassistische Polizeikontrollen (Racial Profiling) oder die Weigerung, Englisch zu sprechen, selbst wenn man Englisch sprechen kann – all das ist rassistisch.

Der Alltagsrassismus hat in den letzten Jahren zugenommen

Ich musste Sprüche hören wie: „Das hier ist Deutschland, sprich Deutsch“ oder „Du bist hier ein Gast!“. Das sind Abwandlungen von „Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist“ – und das kennen wir doch von irgendwoher.

Ich habe den Eindruck, dass der Alltagsrassismus in den letzten Jahren zugenommen hat. Davon möchte ich hier berichten. „Raus mit dir“, schrie ein weißer Barbesitzer in Schöneberg einmal, als er mein Computer-Ladegerät aus der Steckdose riss und mich auf die Straße setzte. „Du kaufst nichts, also verschwinde!“ Drei Minuten mit der Bestellung zu warten, war offensichtlich verboten. Plötzlich war ich ein schwarzer WLAN-Bandit, der wertvolle weiße Ressourcen stahl. Ich rief damals die Polizei an, um diese Diskriminierung zu melden.

„Ich habe ihn hier noch nie gesehen“, sagte der Barbesitzer zu den Beamten. Und natürlich hat die Polizei nicht verstanden, inwiefern dieses Verhalten rassistisch war. Mein Betreten der Bar hatte ihn schlagartig alarmiert. Meine bloße Existenz versetzte ihn in einen Zustand der extremen Wachsamkeit. Der Anblick eines unbekannten schwarzen Mannes in seiner weißen Kneipe hatte ihn verunsichert, also warf er mich raus.

Hätte ein blonder Gast die gleiche Reaktion hervorgerufen?

In den USA, wo ich herkomme, führt die Weigerung schwarze Menschen zu bedienen in der Regel dazu, dass Unternehmen Entschädigungen zahlen müssen. Vielen deutschen Einrichtungen fehlt ein solches Bewusstsein über Rassismus – und ein soziales Gewissen.

Hätte ein blonder Gast die gleiche Reaktion hervorgerufen? Wohl kaum! Er hätte den kulturellen Normen der Bar und dem Aussehen ihrer Gäste entsprochen. „Das ist Deutschland“ bellte ein Angestellter in einem Café, nachdem er gehört hatte, wie ich meinen Kaffee auf Englisch orderte.

Ich erklärte in meinem besten Deutsch, Deutschland sei jetzt globalisiert und hier leben nun nicht bloß weiße Menschen. „Raus mit dir oder ich rufe die Polizei“, bekam ich zu hören. Ich rief die Polizei selbst an. Die Stimme in der Telefonzentrale sagte, Berlin sei multikulti, von Rassismus hätte sie noch nie gehört. Ich entgegnete, dass das höchstwahrscheinlich daran liegt, dass die Person keine Schwarzen kennt. Stille. Darauf blaffte die Stimme, dass ich warten solle, bis die Polizei eintrifft, und legte auf.

Für Schwarze in Berlin können sogar Lebensmitteleinkäufe schlimm sein. Einmal brachte ich meine wiederverwendbare Tasche mit und wurde von der Supermarkt-Security als Dieb bezeichnet. Das ist Racial Profiling vom Feinsten. Nachdem ich mich beschwert hatte, wurde dem Sicherheitsdienst gekündigt.

Deutsche Antirassismusgesetze sind unwirksam und unaufrichtig

Ich bin nicht der Einzige. Facebook-Gruppen und Organisationen wie Each One Teach One e.V. berichten, dass viele Schwarze ähnliche Erfahrungen machen. Am 26. März 2019 wurde die erste EU-Resolution zum Thema Rassismus gegen Schwarze verabschiedet. Jahrelang haben die schwarzen Aktivisten für diese Anerkennung gekämpft. Die weißen Mainstream-Medien berichteten kaum darüber.

Schwarze Menschen sind nicht Weiße mit einer sexy Hautfarbe. Wir sprechen, handeln, bewegen und denken anders. Und das ist gut so. Tief im weiß-deutschen Habitus wird davon ausgegangen, dass sich alle Menschen unabhängig von ihrem kulturellen Hintergrund anpassen müssen.

Deutsche Antirassismusgesetze sind unwirksam und unaufrichtig. Denn obwohl die Verfassung die Gleichheit garantiert, rassistische Diskriminierung verbietet und die Unverletzlichkeit der Menschenwürde verankert, werden diese Grundsätze nicht umgesetzt. Von deutschen Gerichten werden Anzeigen von Rassismusbetroffenen nicht als „Beweis des ersten Anscheins“ anerkannt. Von den Richtern – die von ihrem eigenen Rassismus gelenkt werden – wird Klarheit verlangt, obwohl ihnen das Bewusstsein für die gelebte schwarze Erfahrung fehlt. Heimliche Rassisten profitieren in Deutschland von Datenschutzgesetzen, die sie davor schützen, dass Vorfälle von Opfern per Video aufgenommen werden können.

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Multikulti macht Weiß-Sein zur Norm

Weiße Menschen wissen eben nicht, was alltäglicher Rassismus ist. Nach meiner Erfahrung schweigen sie bei rassistischen Übergriffen. Multikulti macht Weiß-Sein zur Norm und markiert das Fremde. In diesem Land mit seiner fatalen Einwanderungspolitik scheinen Nicht-Weiße für immer Fremde zu sein. Personen mit Migrationshintergrund, auch solche, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, bleiben in der Regel „Ausländer“ in der deutschen Statistik und im öffentlichen Diskurs.

Deutschland ist schnell zu einem Land mit zunehmender Heterogenität geworden. Doch es wird erwartet, dass nicht-weiße Deutsche das dominante weiße kulturelle Repertoire übernehmen und sich anpassen. Erasmus-Preisträgerin und Harvard-Soziologin Michèle Lamont definiert kulturelles Repertoire als das Wissen darüber, wer dazu gehört und wer nicht. Trotz der Bemühungen, nach den Regeln zu spielen, werden viele dabei außen vor gelassen. Was ist also die Schwelle für eine deutsche Kulturmitgliedschaft?

Glauben Sie schwarzen Menschen!

Wenn Sie weiß sind und bis hierhin gelesen haben, sind Sie vielleicht wütend, beschämt, aufgeregt und defensiv. Keine Sorge – das wird vorbeigehen. Ich fühle jeden Tag dasselbe. Das wird nicht vorbeigehen. In dem Buch „White Fragility: Warum es für Weiße so schwer ist, über Rassismus zu sprechen“, schreibt Robin DiAngelo: „Bei der Bekämpfung von Rassismus geht es nicht um die Bedürfnisse und Gefühle der Weißen.“

Multikulti verbirgt die Realität des Rassismus. Multikulti ist wie eine Droge für das Gewissen der neoliberalen weißen Deutschen. Lernen Sie, verschiedene kulturelle Narrative zu akzeptieren und nicht nur zu tolerieren! Hören Sie zu. Glauben Sie schwarzen Menschen! Multikulti ist eine Waffe gegen die schwarze Erfahrung des Rassismus in Berlin. Multikulti ist der Kern, aus dem Rassismus erwächst. Der Begriff Multikulti trägt Mitschuld an weißer Vorherrschaft. Wollen Sie ihn weiterhin benutzen?

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