Der russische Pianist Alexander Melnikov. Foto: Julien Mignot
© Julien Mignot

Alexander Melnikov im Pierre Boulez Saal Ein Mann, fünf Klaviere

Parforceritt: Alexander Melnikov spielt im Pierre Boulez Saal fünf verschiedene Klaviere hintereinander, angefangen mit dem Nachbaus eines Cembalos von 1751.

Warum ist der Pierre Boulez Saal so populär? Weil er neu ist, natürlich. Aber auch, weil die Programme aufregend anders gestrickt sind, weil sie Erwartungen brechen. Das wirkt befreiend, fensteraufreißend. Ein Mann, ein Klavier? Von wegen: 2018 erschien Alexander Melnikovs CD „Four Pieces, Four Pianos“. Im Boulez Saal sind es jetzt sogar fünf, drei davon aus Melnikovs eigener Sammlung, die in Windrosenformation angeordnet sind. Er spielt sie hintereinander alle durch, beginnend mit dem Nachbau eines Cembalos von 1751. Ein Parforceritt durch die Musik- und Instrumentengeschichte.

Wer noch mal Nachhilfe braucht, was genau in der Klassik anders war als im Barock – hier bekommt er sie. Die nur scheinbare Improvisiertheit, die tatsächlich nahezu mathematische Genauigkeit, Kristallinität und Eleganz von Johann Sebastian Bachs Chromatischer Fantasie und Fuge d-Moll kontrastiert heftig mit der fast obszönen Subjektivität seines Sohnes Carl Philipp Emanuel in dessen später Fantasie fis-Moll. Hier gibt sich einer völlig seinen Empfindungen hin, sagt in jeder Note „Ich“. Den Bach-Sohn wie auch Mozarts von Maximilian Stadler bearbeitete Fantasie c-Moll KV 475 spielt Melnikov auf der Kopie eines 1795 in Wien gebauten Klaviers. Bei jedem Instrumentenwechsel wird der Klang fülliger, moderner. Mit Felix Mendelsohn Bartholdys Fantasie fis-Moll sind wir in hochromantischen Gefilden angekommen. Melnikov ist kein Tastenlöwe, spielt mit kontrolliertem Temperament, macht auch mal schroffe dynamische Sprünge, gibt aber generell den Verlässlichen, von dem keine großen Überraschungen zu erwarten sind.

Dass Chopin ihm so wenig liegt, ist dann aber doch eine. Als wolle Melnikov das Programmheft bestätigen – das behauptet, die Fantasie f-Moll op. 49 sei besonders gut geeignet, Chopins Image als blassen, todkranken Romantiker zu widerlegen –, hämmert er in sein 2014 in Berlin restauriertes, 1885 in Paris gebautes Klavier. Und verfehlt Chopin komplett. Das Finale aber mit Skrjabins springteufeliger Fantasie h-Moll und Schnittkes Improvisation und Fuge von 1965, jetzt auf einem zeitgenössischen Steinway, gelingt furios. Diese Musik verträgt so einen harten Zugriff, fordert ihn geradezu heraus. Der kühle Kopf, den Melnikov auch hier behält, schadet dabei überhaupt nicht. Und weil er mit seiner eigenen Interpretation der Bach-Fantasie vom Beginn unzufrieden war, spielt er sie als Zugabe einfach noch mal. Ein Eingeständnis, das man auch nicht oft von einem Musiker hört. Außer eben im Boulez Saal.

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