Ai Weiwei und Daniel Kehlmann bei der Vorstellung der Autobiografie Weiweis "1000 Jahre Leid und Freud" im Berliner Ensemble. Foto: imago images/Cathrin Bach
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Ai Weiwei im Berliner Ensemble Die Imagination kann nicht unterdrückt werden

„1000 Jahre Freud und Leid“: Der chinesische Künstler Ai Weiwei stellte im Berliner Ensemble - moderiert von Daniel Kehlmann - seine Autobiografie vor.

Die Ränge sind fast bis zum letzten Platz gefüllt. Alle fühlen sich geehrt: Intendant Oliver Reese, weil er Gastgeber der Veranstaltung sein darf; Ai Weiwei wegen des schönen Theatersaals; und der Schriftsteller Daniel Kehlmann, weil er gleich mit einem der wichtigsten zeitgenössischen Künstler über dessen Leben sprechen wird.

Berlin ist die einzige Station in Europa, an der Ai Weiwei seine kürzlich in 14 Sprachen erschienene Autobiografie „1000 Jahre Freud und Leid“ persönlich präsentiert. Kurz bevor er am Donnerstagabend auf der BE-Bühne erscheint, schaut Ai Weiwei vom Rang aus in den Saal hinab.

Ein paar Blicke schnellen sogleich zu ihm hinauf, Handys werden gezückt. Aber die meisten Zuschauer sind ins Gespräch vertieft: Man redet über China, die Schrecken der Kulturrevolution und ob es heute vielleicht restriktiver zugeht als je? Was Ai Weiwei aufgeschrieben hat, rumort in den Köpfen.

Ai Weiweis Memoiren sind persönliche Erinnerung und Geschichtsbuch zugleich. Viele, die es gelesen haben, sind tief beeindruckt. In dem Buch erzählt der Künstler detailliert von den politischen Kämpfen Chinas, den Abgründen der Mao-Regierung, von Widerstand und Umerziehungsmaßnahmen, die sich im Westen kaum jemand vorstellen kann, und die Ai Weiwei und sein Vater, der berühmte Dichter Ai Qing, am eigenen Leib erleben mussten.

Es beginnt mit einem Gedicht von Ai Weiweis Vater

Diskreditiert, verfolgt, schließlich sogar in ein Erdloch verbannt. Und wenn der Wind sich drehte, immer mal wieder rehabilitiert. Ai Weiweis Erinnerungen werden vielen helfen, den Künstler besser zu verstehen. Warum er so ist, wie er ist, warum er sagt, was er sagt und warum sein Einsatz für Geflüchtete mehr war als aufmerksamkeitsheischende Betroffenheitskunst.

Der Abend beginnt mit einem Gedicht Ai Qings. BE-Schauspieler Veit Schubert liest es mit Verve, wie die anderen Textpassagen auch, die immer wieder eingestreut werden. Es geht um die Verbannung, um ein Bad Maos im eiskalten Jangtse, um Hausdurchsuchungen und zerstörten Familienbesitz, um Ai Weiweis Zeit in New York.

Daniel Kehlmann tritt an dem Abend als eloquenter Interviewer auf. Er fragt sozusagen von Literat zu Literat – schließlich klingen Ai Weiweis Erinnerungen wie packende Prosa. Es geht in den Gesprächen um ein Leben ohne Freiheit, um das Menschbleiben in der Zelle und die Kraft der Poesie.

Kehlmann will wissen, was die Gedichte seines Vaters für Ai Weiwei bedeuten. Er habe nicht alle gelesen, sagt der Künstler. Was er aber in den Versen spüre, sei die große Liebe seines Vaters zu seinem Land, eine Liebe, die dieser nie verloren habe, sämtlicher Demütigungen und Schmerzen zum Trotz.

Kunst kann Erinnerung bewahren

Nicht einmal die düsteren Jahre in der Verbannung vermochten Ai Qings Seele zu zerstören. Die innere Stärke, diese Fähigkeit, sich selbst zu retten, hat der Vater an den Sohn weitergegeben, bei aller Distanz, die zwischen beiden geherrscht haben mag. Die Erfahrung, dass die Imagination von keiner Autorität, keiner Regierung ausgelöscht werden kann, grundierte Ai Weiweis Einstellung zur Kunst. Und sie half ihm, als er selbst für 81 Tage in China inhaftiert war.

„Hofft nicht, dass die Erde Erinnerung bewahrt“ heißt es in Ai Qings Gedicht „Ruinenstadt“. Die Kunst hingegen kann Erinnerung bewahren. In einer seiner Aktionen hat Ai Weiwei tausende Namen der bei einem Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan ums Leben gekommener Kinder zusammengetragen.

Ein familiärer Abend, denn auch Ai Weiweis Sohn ist da

Jeden Tag veröffentlichte er die neu recherchierten Namen in seinem Blog. Ob es nicht Zeit sei, an die freiheitliche Kraft des Internets zu erinnern, fragt Kehlmann. Wegen ein paar Tweets könne man in China ins Gefängnis gehen, sagt der Künstler. Die Möglichkeiten des Internets spielten heute eher restriktiven Regierungen in die Hände, als den Menschen.

Das Schlimmste an der Diktatur sei, dass es kein Vertrauen gäbe zwischen den Menschen, jede Solidarität sei zerstört, sich gegenseitig zu verraten eine Überlebenstrategie. „Das ist in China noch heute so“, sagt Ai Weiwei.

Wie der Westen mit China umgehen soll, fragt Kehlmann am Ende noch. Der Künstler hat das auf vielen Podien schon gesagt: „China wird sich nicht von selbst ändern.“ Es wolle Supermacht werden, sei kaum zu stoppen, sei leidensfähiger als der Westen, handle langfristig.

Zum Abschied gibt es dann noch einige Textpassagen mit Worten aus dem Kindermund von Ai Lao, dem Sohn Ai Weiweis, dem auch das Buch gewidmet ist. Seine Sätze klingen weise. Und schön. Die nächste Dichtergeneration wächst schon heran.

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