In Kairo stahlen Diebe 50 Objekte aus dem Schatz des Tutenchamun

Zu Füßen der Pyramiden soll das Grand Egyptian Museum das immense Erbe des Pharaonenreiches aufnehmen. Eine Simulation des Architekturbüros Heneghan Peng zeigt, sie das Gebäude aussehen soll. Foto: Archimation for heneghan peng architects.
Ägypten und seine Altertümer Pharao, hilf!

Früher schickte Ägypten die Originale ins Ausland, wo sie viele Millionen für die Staatskasse einheimsten. Wobei der herzige Kindkönig Tutenchamun die gleiche Funktion hatte wie die Pandas für China: die eines politischen Sonderbotschafters. Als Gegengabe für umfangreiche Militärhilfe reiste er Anfang der siebziger Jahre durch die Sowjetunion; als „Ausdruck unserer Dankbarkeit für die Haltung zur Friedenspolitik“ entsandte Sadat ihn 1980 nach Deutschland.

Aus konservatorischen wie politischen Gründen darf Seine Majestät das Land jedoch nicht mehr verlassen. Nun regen sich Stimmen, die ihn doch wieder auf Welttournee schicken wollen, vermag doch niemand eine derart große Sehnsucht nach dem Wunderland am Nil zu wecken wie er. „Wenn ein Angebot aus Deutschland käme, warum nicht?“, räsoniert Antikenminister Mamdouh Al-Damaty. Selbst Archäologe, hat er in Deutschland studiert und war zuletzt Kulturattaché an der Botschaft in Berlin. Kämpferisch zählt er eine ganze Liste von Provinzmuseen auf, deren Weiterbau sich durch die Krise ebenfalls verzögert hat; auch die Retortenstädte am Roten Meer sollen durch Kultur aufgewertet werden. „Wenn ich nur die Hälfte davon zu Ende bringen kann, wäre das schon ein Zeichen.“

Während immer mehr Museen öffnen, droht weiteren Stätten die Schließung aus konservatorischen Gründen. Das Prinzip der Nachbildung, das der Wanderausstellung zugrunde liegt, eröffnet einen gewissen Ausweg aus der Zwickmühle. So lassen sich Ägyptens Schätze weiter popularisieren und vermarkten, ohne die Substanz zu gefährden. Im Tal der Könige wurden Attrappen der Tutenchamun-Gruft sowie des Ausgrabungshauses von Howard Carter bereits fertiggestellt. Die Repliken weiterer Gräber werden aus finanziellen Gründen vorerst nicht realisiert. Langfristig wird sich die Sperrung der Grabstätten kaum vermeiden lassen. Feuchtigkeit und Schädlingsbefall haben stark zugenommen, immer wieder kommt es zu Beschädigungen. Eine ersatzlose Schließung aber wäre der Ruin für Luxor. Faksimiles an Ort und Stelle könnten die Schaulust der Massen halbwegs befriedigen. In der mit Lasertechnologie und 3D-Druckern erstellten Kopie der Tutenchamun-Grabkammer vermag der Laie kaum einen Unterschied zu erkennen – selbst die unzähligen schwarzen Pilzsprenkel auf den Wänden wurden eins zu eins übertragen.

Im alten Ägyptischen Museum in Kairo setzt vor allem die Luftverschmutzung den Exponaten zu. Erschütterungen durch die U-Bahn und den Umbau des Tahrirplatzes legen die Verlagerung nach Gizeh ebenfalls nahe. Wobei das legendäre Haus als kunstgeschichtliches Museum erhalten bleiben soll. „Es ist die Urmutter aller ägyptischen Museen“, schwärmt Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums in Berlin. Eine nostalgische Wunderkammer, dazu das Museum eines Museums. Als buchstäblich erstes Haus am Platz bildete es nicht nur die Kulisse der Massenerhebungen im Arabischen Frühling, sondern wurde vor vier Jahren auch selbst zum Tatort. Diebe stahlen 50 Objekte aus dem Schatz des Tutenchamun. Damals formierte sich eine Menschenkette, um das Haus zu schützen.

Dass die ägyptische Antike weit mehr zu bieten hat als den immergleichen Märchenkönig, zeigt die Ausstellung „Ein Gott – Abrahams Erben am Nil“, die ab 1. April im Berliner Bodemuseum präsentiert wird. Friederike Seyfried hat sie mitkuratiert. „Die drei Buchreligionen haben am Nil unglaublich lange koexistiert“, erklärt sie, „meist friedlich und fruchtbringend. Insbesondere Alexandria war ein Schmelztiegel, und gerade in der muslimischen Zeit herrschte ein großes Toleranzempfinden.“

Heutigen Islamisten ist dagegen selbst die altägyptische Religion ein Dorn im Auge. Kürzlich rief ein salafistischer Prediger im Fernsehen dazu auf, die Sphinx in die Luft zu sprengen. Derartige Bilderstürmerei geht mit anti-westlichem und antimodernem Furor einher. Ein einziger Anschlag, eine einzige Geiselnahme würde Ägypten wirtschaftlich erneut um Jahre zurückwerfen. Entsprechend stark sind Polizei und Militär an den touristischen Schwerpunkten präsent, entsprechend inständig klingen die Beteuerungen, das Land sei sicher. Wobei eine gewisse Beklemmung fast so alt ist wie der Fremdenverkehr: „Gefangennahmen und Massaker beherrschten die Gespräche“, berichtete die britische Weltreisende Eliza Fey schon 1776 vom Nil. Und war gleichwohl hingerissen.

Ägyptens Altertümer sind immer auch ein Politikum. So sind sie schließlich auch entstanden, als grandiose Manifestationen des jeweiligen Systems. Als archetypische Ausprägungen der Macht sprechen sie bis heute zu uns.

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