Ein Hauch Nostalgie. Das Solistenensemble Kaleidoskop mischen Verdi und italienischen Schlager. Foto: Christina Voigt
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Adorno-Abend im Radialsystem Strahlende Musikware

Alexandra Ketterer

Das Solistenensemble Kaleidoskop und das Theaterkollektiv copy&waste verwandeln im Radialsystem Adornos Musiktheorie in ein szenisches Konzert.

Im Essay „Über den Fetischcharakter in der Musik und der Regression des Hörens“ von 1938/1953 kritisiert Theodor W. Adorno den kommerziellen Charakter von Unterhaltungsmusik. In der massenhaften Vervielfältigung verliere sie jede Komplexität, die unkritischen Hörer von Pop- und Schlagermusik sind für ihn unmündige Sklaven der Kulturindustrie. Das Solistenensemble Kaleidoskop und das Theaterkollektiv copy&waste haben die musiktheoretischen Gedanken des Frankfurter Philosophen jetzt im Radialsystem unter die Lupe genommen. Unter der künstlerischen Leitung von Clara Gervais trifft Musikkritik auf Verdis Greatest Hits und italienische Schlager.

Adornos Skepsis gegenüber Popkultur

„Das zeitgemäße Hören ist das Regredierter, auf infantiler Stufe Festgehaltener“, predigt Sprecherin Yodfat Miron von einer Wendeltreppe herab. Adorno wirft den Hörern Bequemlichkeit vor, sie interessierten sich nicht mehr für Unterschiede. Eindringlich verkörpert Miron diese Skepsis. Die Musikerinnen kommentieren mit leicht bekömmlichen Einschüben, spielen emotionale Schlager und „Libiamo ne’ lieti calici“ aus „La traviata“ in stotternder Dauerschleife. Abwechselnd geben sie Gesangseinlagen, wiegen sich dabei in lieblicher 60er- Jahre Sommermode. Regisseur Steffen Klewar wirbelt als Opernstar über die Bühne, inszeniert als strahlende Musikware.

Neue Musik trifft auf Frank Sinatra

Dann der Bruch: Violinistin Daniella Strasfogel setzt zu Tom Rojo Pollers „#0088ff (1968)“ an. Mitgesummt wird hier nicht mehr. Im Gegenteil: Das Publikum erwartet jeden Ton des experimentellen Stücks gespannt. Auf Vinyl rauscht im Hintergrund „Strangers in the Night“ vor sich hin. Strasfogel nimmt Sinatras Melodie auf, karikiert ihre einfache Struktur. Die Inszenierung macht beide Extrempole hörbar. Durch die Aneinanderreihung der dramatischen Schlagermelodien gleichen sie sich im Einzelnen immer mehr an. Macht sie das belanglos? Ist es trotzdem okay, zur Schnulze mitzuwippen? Fragen, die die Inszenierung offen lässt.

Die Ente als zärtliches Gegenüber

Im zweiten Saal des Radialsystems dann die Performance „Untitled“. In weitem, weißen Gewand erkundet Tänzerin Eynaudi ihre körperlichen Grenzen. Gelenkt von einer sich ständig verändernden Lichtsituation untersucht sie die Weite des Raumes. Mal übermütig, mal vorsichtig spürt sie ihrem Gleichgewicht nach. Dann tritt Yodfat Miron mit Geige auf, spielt einen langen Ton, zu dem Eynaudi ein Gegenüber in Form einer Entenfigur findet, die sie fast zärtlich durch den Raum trägt. Die gelb leuchtenden Augen der Ente wirken bedrohlich. Als Eynaudi sich mit ihr zu Ruhe legt, kann man sich nicht sicher sein, wer wen beschützt. Die Inszenierung erzählt von einer Suche nach Geborgenheit, die vom Zuschauer durch das Spiel mit Licht und Sound spürbar wird.

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