Spiel auf Leben und Tod. An der Küste von Maine, einer der Schauplätze von Adam Hasletts Roman. Foto: imago/Danita Delimont
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Adam Haslett und sein Roman "Stellt euch vor, ich bin fort" Korrekturen können nützlich sein

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Dsyfunktional, aber widerständig: Adam Hasletts wunderbar erzählter und komponierter Familienroman "Stellt euch vor, ich bin fort".

Die Übung ist eigentlich nur ein Spiel, die John da mit seinen Kindern Alec und Celia immer in den Sommerferien macht, auf einer kleinen Insel in Maine. Er fährt mit ihnen raus aufs Meer, stellt den Motor des Bootes aus und sagt: „Stellt euch vor, ich bin fort. Stellt euch vor, ihr beide seid ganz allein. Was macht ihr?“ Die Kinder wissen, was zu tun ist, sie kennen dieses Spiel. Sie holen die Ruder raus und legen los. Doch es ist mühsam und funktioniert nicht gut, wieder einmal. Der Vater stellt sich weiter schlafend, tut, als existiere er nicht. Alec weint. Und Celia, inzwischen seekrank, weiß immerhin, „dass das Spiel jetzt, da ich aufgegeben hatte, bald vorbei sein würde."

Was sie und Alec nicht wissen, naturgemäß: Ihr Vater wird wirklich bald fort sein. Seit seiner Jugend leidet er an Depressionen, wütet ein „Ungeheuer“ in ihm, so wie er es empfindet. Eines Tages verschwindet er im Wald, um sich mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufzuschneiden und dabei zu erkennen, „das Gesicht des Ungeheuers – mein Gesicht –, und es ist menschlich, also doch.“

Johns Verschwinden, seine Erkrankung und Selbstmord, sie sind der Dreh- und Angelpunkt für Adam Hasletts komplexen, wunderbar erzählten, wunderbar komponierten, manchmal zu Herzen gehenden Familienroman „Imagine me gone“, wie er im Original heißt. Adam Haslett erzählt in dem Nachfolger seines 2007 veröffentlichten Debütromans „Union Atlantic“ von einer dysfunktionalen Familie. Auf dieser lastet schon mit der Heirat von John und Margaret in den sechziger Jahren Johns Depression, ohne dass seine Frau sich davon groß einschüchtern lassen möchte. Gerade wenn Margaret merkt, dass ihm eine weitere depressive Phase droht: „Ich werde mich wohl nie ganz von der Furcht frei machen, die ich dann spüre: dass es wieder schlimmer wird. Aber sie ist ein Teil dessen, was das Geheimnis zwischen uns am Leben erhält.“ Immer wieder droht die Familie dann später, nach dem Tod Johns, auseinanderzubrechen, vielleicht ist sie das auf eine Art schon lange – und doch werden die Familienbande von der Mutter und den Geschwistern mal recht, mal schlecht zusammengehalten.

Adam Haslett hat seinen Roman multiperspektivisch angelegt

Neben Alec und Celia ist da noch der ältere Bruder Michael. Er hat die psychischen Deformationen seines Vaters geerbt und leidet unter schweren Angststörungen. Bald kann er ohne Psychopharmaka nicht mehr leben, was Auswirkungen auf seine Ausbildung und seinen Werdegang hat. Doch seine Maniac-Haftigkeit ist nicht nur pathologisch. Michael ist ein Pop-Nerd, wie ihn sich auch ein Simon Reynolds nicht besser ausmalen könnte, einer, der erst das Disco-Zeitalter quasi verinnerlicht, um dann über den britischen Pop der achtziger Jahre bei elektronischen Spielarten wie Acid-House, Minimal Techno oder Dub zu landen. Und Michael entwickelt sich zu einem gewissermaßen weißen Afroamerikaner, der sich intensiv mit der Sklaverei, der Herkunft der schwarzen Amerikaner und den Schriften des französischen Psychiaters und Theoretikers Frantz Fanon auseinandersetzt. Was nichts hilft, überdies nur wenig bei der Annäherung an der andere Geschlecht. Immerhin aber füllt Michael die Leerstelle, die der Selbstmord des Vaters hinterlassen hat, ist er derjenige, der die Bande der Familie – unfreiwillig, unbewusst – tatsächlich eher schmiedet als auseinanderreißt.

Der amerikanische Schriftsteller Adam Haslett, 1970 in Port Chester, New York geboren. Foto: Beowulf Sheehan/Rowohlt Verlag
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Adam Haslett hat seinen Roman multiperspektivisch angelegt und dabei eine durchaus riskante Erzählform gewählt. Im Wechsel berichten die fünf Familienmitglieder stets aus der Ich-Perspektive, was ihnen widerfährt, wie sie umgehen mit der jeweiligen Situation, in der sie sich befinden, wie sie ihre nahe Umwelt erleben.

Erstaunlich dabei und sicher ein Grund dafür, dass Haslett mit „Stellt euch vor, ich bin fort in den USA unter anderem für den Pulitzer-Preis und den National Book Award nominiert wurde: Aus den fünf Ich-Erzählern schälen sich eigenständige Charaktere, alle fünf Figuren bekommen scharfe Konturen. Von der Mutter, die gleichermaßen leidet wie stets zuversichtlich ist, über den homosexuellen, erst spät zu einer festen Beziehung fähigen, als Journalisten tätigen Alec und den kranken, lebensuntüchtigen Michael bis hin zu Celia, die die Fehler ihrer Eltern in ihrer Beziehung zu Paul nicht machen und nichts überstürzen will, weder mit einer Heirat noch mit Kindern.

Jonathan Franzen und Jonathan Safran Foer sind Hasletts Paten

Natürlich erinnert dieser Roman in seiner Grundstruktur an Jonathan Franzens „Korrekturen“, auch wenn Franzen mit einem allwissenden Erzähler agierte, an andere große amerikanische Mittelschichts-Familienromane wie zum Beispiel zuletzt Jonathan Safran Foers „Hier bin ich“, an die Romane einer Meg Wolitzer oder die eines Richard Russo. Geschickt versteht sich Adam Haslett auf verschiedene Erzählweisen. Jede seiner Figuren bekommt nach und nach einen eigenen Ton, und immer wieder mal variiert der 1970 in Port Chester, New York geborene Autor die Zeiten, arbeitet er mit Rückblenden und Erinnerungssplittern. Mal zoomt er nah an seine Figuren heran, da kriecht er förmlich in ihre Egos hinein. Dann wieder schafft Haslett Distanz, da schaut er von oben auf sie herauf, auch in dem er sie über die jeweils anderen etwas erzählen lässt. So werden sie aus einer zusätzlichen Perspektive porträtiert. Natürlich verwendet er dabei manchen Trick an: Michael zum Beispiel schreibt einmal längere Briefe von einer Schiffsreise der Familie über den Atlantik nach Europa. Oder er stellt seine Zeit der Reife in Form eines Anamnesebogens dar, der schließlich zu einer Aneinanderreihung von Psychopharmaka und unterschiedlichsten Lebenseinträgen wird. Der Psycho-(pharmaka)Nebel, in dem er sich befindet, wird so umso bildhafter, und in manchem Wahnsystem schlummert da gar der eine oder andere Schalk.

Auf dem Grund der traditionellen Familienstruktur, das ist eine der Lehren dieses epischen Psychogramms, liegen genau die Anlagen verstreut herum, die sich später zu bestimmten Deformationen auswachsen. Und überhaupt: Der Familie zu entkommen, ist sowieso eine der schwersten Lebensübungen, die es gibt. Trotzdem hat es Vorteile, auch davon erzählt Adam Hasletts Romans, Teil eines Familienzusammenhangs zu sein. Die Familie muss nicht, kann aber Hort der Geborgenheit sein, trägt bei allem Unglück, das sie hervorruft, zur Charakterfestigung bei.

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