Die Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz sollen nach dem Willen des Frankfurter Stadtparlaments nicht saniert, sondern neu gebaut werden. Foto: Arne Dedert/dpa
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Abriss Schauspiel Frankfurt Wehmut und Wahnsinn

Das traditionsreiche Schauspielhaus Frankfurt soll abgerissen werden. Die Sanierung würde eine Milliarde Euro kosten.

Wenn man nachts auf die eindrucksvollste Skyline aller deutschen Städte schaut, dann ragen die Glitzertürme der Banken und Geschäftshäuser naturgemäß vertikal in den Himmel über Frankfurt am Main. Nur die Kultur legt sich quer.

Geht der Blick von den Towern der Deutschen Bank hinunter Richtung Main, schieben sich wie ein leuchtender Riegel die Städtischen Bühnen ins Bild: der Doppelbau von Schauspiel und Oper, mit einer 120 Meter langen Glasfront.

Nicht nur die Adresse Willy-Brandt- Platz und die Lage direkt gegenüber dem 150 Meter hohen schlanken Eurotower, bis 2014 Sitz der Europäischen Zentralbank, ist hier bedeutsam.

Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig, die selbst der (literaturjournalistischen) Szene entstammt, sagt: „Das kulturelle Herz der Stadt schlägt am Willy-Brandt-Platz, wir dürfen es nicht herausreißen.“

Vieles im Riesenbau der Städtischen Bühnen ist marode

Trotzdem sollen die Städtischen Bühnen und damit Musiktheater, Ballett und Schauspiel nach dem jüngsten Beschluss der Frankfurter Stadtverordneten abgerissen werden.

Obwohl erst 1960-63 errichtet, nach einem Großbrand Ende der 80er Jahre und auch danach mehrfach teilsaniert, sind Technik, Lüftung und vieles, das den Augen des Publikums entgeht, in dem Riesenbau offenbar marode.

„Machbarkeitsstudien“ haben ergeben, dass eine Instandsetzung des Gehäuses knapp eine Milliarde Euro kosten würde, ein Neubau dagegen etwas weniger.

Wobei Zahlen zwischen 809 und 875 Millionen Euro angesichts der Erfahrung mit Kostensteigerungen heutiger (Kultur-)Bauten wohl eher als Unterschätzungen zu begreifen sind. Offen ist auch, ob es am Willy-Brandt-Platz wieder ein Nebeneinander von Oper und Schauspiel geben wird oder eine der beiden Sparten an einem anderen Ort der stark verdichteten Frankfurter Innenstadt Platz finden kann.

Bleiben Oper und Schauspiel zusammen?

Die zweite Variante, die ein sukzessives Bauen und die interimistische Erhaltung zumindest einer der beiden Spielstätten ermöglichen würde, wird von Hartwig und auch der Magistratsmehrheit befürwortet. In jedem Fall aber geht es um eine mehr als nur architektonisch-urbanistische Zäsur.

Im Frankfurter Opernhaus haben die Generalmusikdirektoren Christoph von Dohnányi, Michael Gielen, Sylvain Cambreling gewirkt, Ruth Berghaus’ „Ring“-Inszenierung oder Hans Neuenfels’ „Aida“ haben neben vielen anderen Theatergeschichte geschrieben, Intendant Bernd Loebe und sein musikalischer Leiter Sebastian Weigle sind seit Jahren hoch erfolgreich, zuletzt war das Haus 2015 und 2018 „Oper des Jahres“.

Mit John Neumaier und William Forsythe wurde das Ballett zum Star.

Chagall hat fürs Foyer der Oper ein Gemälde geschaffen

Unter Harry Buckwitz galt das Schauspiel als avanciertes Brecht-Theater, Peter Palitzsch und wiederum Hans Neuenfels machten Furore, und nach allerlei Krisen hat sich das Schauspiel unter Intendant Oliver Reese (jetzt am Berliner Ensemble) und Anselm Weber konsolidiert.

Wehmut und Wahnsinn. Man mag die Kosten und Zeitdauer der Sanierung oder Neuerrichtung von Theatern, Museen, Konzerthäusern, ob in Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München, kaum mehr fassen.

Während im Opernland Italien die Häuser seit Jahrhunderten stehen. Fürs Foyer der Frankfurter Oper hat Marc Chagall übrigens ein Monumentalgemälde geschaffen, Titel: „Commedia dell’Arte“. Demnächst heißt es nun: Finita commedia.

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