Der Herr, seine Tiere und ein Mann namens Freitag. Robinson Crusoe in seinem Reich, eine Lithografie aus dem Jahr 1874. Foto: Mauritius
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300 Jahre „Robinson Crusoe“ So wurde das Buch zum Weltbestseller

Hendrikje Schauer

Vor 300 Jahren erschien Daniel Defoes Roman „Robinson Crusoe“. Die Erzählung über den schiffbrüchigen Seemann bewegt die Menschen bis heute.

Gefahr und Abgeschiedenheit auf einer einsamen Insel: Das schmeckt nach Grübeleien über die Natur der Gesellschaft und die seltsamen Wege des Menschen, nach Sonnenaufgängen und -untergängen. Mit dieser Erwartung schlägt Virginia Woolf „Robinson Crusoe“ auf und wird enttäuscht: keine Sonnenaufgänge, keine Sonnenuntergänge, keine Einsamkeit, no soul. Es begegne den Lesern, klagt sie, nichts als ein großer Tontopf. Könnte die Schmähung heftiger, der Verriss eindeutiger sein? Aber nein, schreibt Woolf: „Robinson Crusoe“ sei ein Meisterwerk, weil es Lesererwartungen durchkreuze. Ein vergiftetes Lob?

Vor 300 Jahren, am 25. April 1719, erschien Daniel Defoes „Robinson Crusoe“, die Geschichte eines schiffbrüchigen Seemannes, der 28 Jahre auf einer karibischen Insel verbringt, nicht die ganze Zeit allein. Freitag, den er vor Kannibalen rettet, wird sein Gefährte. Das Buch war ein großer Erfolg. Auflage um Auflage wurde noch im selben Jahr gedruckt. Wenige Monate später, im August, erschien ein Fortsetzungsband, das dritte und letzte Crusoe-Buch kam ein Jahr später. Sein Autor, Daniel Defoe, war zu diesem Zeitpunkt 59 Jahre alt und hatte selbst ein abenteuerliches Leben hinter sich, Episoden im Schuldturm und als Spion eingeschlossen. Auf den Buchdeckeln der Erstausgabe fand sich sein Name noch nicht. Die Hauptfigur selbst, so die zeittypische und leicht durchschaubare Fiktion, erzähle ihre Geschichte.

„Robinson Crusoe“ führt ein ausuferndes und ausschweifendes Eigenleben – in Übersetzungen, Adaptionen, Polemiken. Eine wunderbare, ganz frühe und zugleich seltsam zeitgemäße Abrechnung bringt die Friedenauer Presse zum Jubiläum erstmals auf Deutsch: Charles Gildons kurzes Stück „Gegen Defoe: Robinson Crusoe und Freitag stellen ihren Autor zur Rede“. Der katholische Engländer Gildon, die gleiche Generation wie Defoe, als Schreiberling verschrien, in der Presse verspottet und mit Zeitgenossen zerstritten, lässt Defoes Figuren auf witzige und kluge Art Beschwerde einlegen.

Protest der Figur gegen Defoes Darstellung

Die Konfrontation des Autors mit seinem Personal – das kennen wir doch, wie die kurze und pointierte Einleitung des Übersetzers in Erinnerung ruft: Der italienische Literaturnobelpreisträger Luigi Pirandello schickt seine Dramenfiguren los, ihren Autor zu suchen. Robinson und Freitag kommen, um sich zu beschweren.

Freitags gebrochene Sprache klingt in der Übersetzung von Rolf Schönlau so: „Du mich verletzt, du mich großen Dummkopf gemacht, mit viel Widerspruch: Nach ein oder zwei Monaten bisschen gut Englisch sprechen können und zwölf Jahre später nicht besser.“ Das ist kein Rassismus, sondern der Protest der Figur gegen Defoes Darstellung. Die konfessionelle Frage erörtert Gildon ebenso wie Defoes politische Affiliationen. Ist der Erfolgsautor ein Wendehals, wie Robinson ihm vorwirft? Defoes Verteidigung fällt trocken aus. Ein Tory sei er nur um des Geldes, nicht um der Inhalte wegen: „Es ist nur so, dass sich die Sachen für die Whigs nicht verkaufen, die für die Torys dagegen prächtig.“ Die Spielarten dieses Arguments lassen sich bis zu den Sottisen von Oscar Wilde verfolgen.

Keine 15 Jahre nach Erscheinen des „Robinson Crusoe“ entstand die Robinsonade, die neue Genre-Bezeichnung für Einsame-Insel-Geschichten: allein oder in kleinen Gruppen, utopisch oder dystopisch, pädagogisch oder anthropologisch, gesellschaftsanalytisch oder gesellschaftskritisch. Für ein philosophisches Glanzstück hielt Jean-Jacques Rousseau das Buch: „Crusoe“ ist für lange Zeit das einzige, was sein imaginärer Zögling Émile zu lesen bekommt.

Ist Robinson ein Exilant?

Joachim Heinrich Campe, Pädagoge der Aufklärung, von Rousseau beeinflusst, machte aus Robinson ein Lesebuch für Kinder, das seine jungen Leser auf vergnügliche Art belehren möchte. Im „Schweizerischen Robinson“, Ende des 18. Jahrhunderts von Johann David Wyss, einem Berner Pfarrer für den Familiengebrauch geschrieben und erst posthum von seinem Sohn publiziert, erleidet eine ganze Familie Schiffbruch. In der Edition der Anderen Bibliothek liegt der Band seit 2016 wieder vor.

Eine düstere Tradition der Crusoe-Adaptionen beginnt ebenfalls im 18. Jahrhundert. In Johann Karl Wezels „Robinson Krusoe“, im gleichen Jahr wie Campes Bearbeitung erschienen, auch für junge Leser gedacht, geht es weit weniger geordnet und erbaulich zu. Als krisenhaft und kriegerisch erscheint die Humangeschichte hier, die Menschen als einander potentiell feindlich gesinnte Wölfe. Anders als Campes vielfach übersetzte hellere Bearbeitung konnte sich Wezels schummerig-trübe Version freilich nicht durchsetzen.

Dabei geht es in dem England krisenhaft zu, das Robinson im Roman verlässt. Seine Abwesenheit lässt sich ziemlich präzise datieren, immerhin führt Robinson genau Tagebuch. Sie liegt zwischen dem Englischem Bürgerkrieg und der Glorreichen Revolution. Robinson verlässt England am 1. September 1651; zwei Tage später ist die letzte Schlacht des Englischen Bürgerkriegs geschlagen, und die puritanisch-republikanische Herrschaft Oliver Cromwells beginnt. Seine Insel erreicht der Seefahrer 1658, in dem Jahr in dem Oliver Cromwell stirbt. Am 11. Juni 1687 kehrt Robinson zurück nach England, wenige Monate, nachdem der letzte katholische König Englands eine religiöse Toleranzerklärung erlassen hat. Wie politisch ist die Zeitlücke? Ist Robinson ein Exilant?

In der Auslassung allein liegt die Politik des Buches nicht. Schon Charles Gildon lässt Freitag im Dramolett „Gegen Defoe“ sein Recht einklagen. Dessen Beschwerde, Defoe habe ihn zum Dummkopf gemacht, führt mehr mit als die individuelle Kränkung. In ihr deutet sich schon an, was spätere Adaptionen des Stoffes erzählerisch zu verhandeln suchen: die ganze Last des Kolonialismus.

Man schlägt das Original mit anderen Erwartungen auf

Erzählerisch ist das nicht zuletzt eine Frage der Perspektive. Als Robinson bei Defoe auf Freitag trifft, übt sich dieser in Demutsgesten. Robinson lehrt ihn das Sprechen. Die Schöpfung wiederholt sich scheinbar im Kleinen: „Als Erstes erklärte ich ihm, dass er künftig Freitag heißen würde.“ Er bringt ihm bei, „Herr zu sagen“, und ihn, Robinson, so zu nennen. In wessen Interesse ist es, dass nach zwölf Jahren Freitags Englisch keinen Deut besser ist als nach zwei Monaten? Jedenfalls trifft sich der Umstand mit Robinsons Hang zum Monologisieren. Der Inselbewohner besteht darauf, seine Geschichte selbst zu erzählen.

Michel Tournier machte Robinson 1967 in „Freitag oder Im Schoss des Pazifik“ zu einem Zeitgenossen Rousseaus, der zur Verbreitung des Romans soviel beigetragen hatte: Der Roman spielt 100 Jahre später als bei Defoe und hat zugleich die Ethnologie des 20. Jahrhunderts im Gepäck. Durch Freitag wird Robinson ein anderer: Der rational kalkulierende Ökonom bleibt sich in der nunmehr pazifischen Einsamkeit nicht gleich. Auch in J.M. Coetzees Roman „Mr. Cruso, Mrs. Barton & Mr. Foe“ verschieben sich die Gewichte zugunsten von Freitag – nur ist er stumm, er hat keine Zunge.

Und mit Susan Barton, die für ein Jahr gleichfalls auf der Insel strandet, kommt eine dritte Figur ins Spiel. Nach England zurückgekehrt, scheitert sie daran, ihre Erlebnisse angemessen zu Papier zu bringen. Deshalb bittet sie einen Londoner Dichter namens Foe ihr zu helfen. Der aber verzerrt zu ihrem Leidwesen das Geschehen, indem er es ausschmückt. Wer erzählt hier wem wessen Geschichte? Über Defoes „Robinson“ haben sich literarische Sedimente und philosophisches Strandgut gelegt. Trägt man sie wieder ab, verändert sich auch das Original: Man schlägt es mit anderen Erwartungen auf.

Vollständige Neuübersetzung des ersten Bandes

Wer es nur in gekürzter oder illustrierter Fassung kennt, kann es jetzt neu entdecken. Zumindest der erste der drei „Robinson“-Bände liegt in einer vollständigen Neuübersetzung bei Mare vor. Sprachlich hält sich der Übersetzer Rudolf Mast an die langen Sätze des englischen Originals, auch wenn sie im Deutschen etwas schwerer wiegen. Es ist fast, als wäre die Alltäglichkeit von Robinsons Verrichtungen noch etwas deutlicher in die Sprache eingewandert. Wie steht es da um Virginia Woolfs Tontopf?

Seinen ersten und einzigen Aufritt hat er recht früh. Robinson will sich ein Gefäß schaffen, in dem er Flüssiges aufbewahren kann – und erfährt die härtende Wirkung des Feuers. Sonnenaufgänge und untergänge gibt es natürlich doch, sie gliedern die Abläufe, nützen oder stören – alles ganz prosaisch, ohne südseeinselromantische Nachdenklichkeit.

Daniel Defoe: Das Leben und die außergewöhnlich erstaunlichen Abenteuer des Seefahrers Robinson Crusoe. Aus dem Englischen von Rudolf Mast. Mit einem Nachwort von Günther Wessel. Mare, Hamburg 2019. 400 Seiten, 42 €.

Charles Gildon: Gegen Defoe. Robinson Crusoe und Freitag stellen ihren Autor zur Rede. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Rolf Schönlau. Friedenauer Presse, Berlin 2019. 24 Seiten, 12 €.

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